Dummschwätzer, Schönredner und Integrationsrechner. Nach dem Referendum bekommt fast jeder eine Chance

Das ist das Schöne an einer solchen Entscheidung wie in der Türkei beim Verfassungsreferendum. Alle möglichen Minderheiten, die sonst gesellschaftlich diskriminiert werden, können sich äußern und mit mehr oder weniger waghalsigen Argumenten zum allgemeinen Palaver beitragen.

Da sind einmal die Dummschwätzer, die bisher offensichtlich mit verschlossenen Augen durch die (bundesrepublikanische) Welt gelaufen sind, jedenfalls was das Thema Integration angeht. Diese Gruppe hat noch nie etwas von einer Parallelgesellschaft gehört, in der türkischstämmige Menschen ein Leben lang verbringen, ohne auch nur ein Wort Deutsch sprechen zu müssen, weil eine „türkische Infrastruktur“ es ihnen erlaubt, ohne Kontakt zur gesellschaftlichen Mehrheit zu leben: Türkisches Fernsehen, türkische Cafés und Lebensmittelhändler, türkische Sportvereine und Friseure, Moscheen und Gebetshäuser, Kulturvereine und Restaurants, türkische Zeitungen, Ärzte und auch noch Informationen, Aushänge, Broschüren der Stadtverwaltung, in denen man alles ins Türkische übersetzt hat. Im Krankenhaus wird im Zweifelsfall ein Arzt oder ein Pfleger geholt, der Türkisch besser spricht als Deutsch.

Und zu dieser Parallelgesellschaft gehören auch „Ehrenmorde“, Verheiratung von Minderjährigen, „Rechtsprechung“ jenseits unserer Gerichtsbarkeit („Friedensrichter“), Clandenken, ein zweifelhaftes Frauenbild, Antisemitismus, ausgeprägte Homophobie und ein ebenso ausgeprägtes und akzeptiertes Machoverhalten und –zumindest in weiten Teilen – eine religiöse Intoleranz gegenüber allen Anders- und Nichtgläubigen.

Und unsere Dummschwätzer, die deshalb Dummschwätzer sind, weil sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Glanz in den Augen von der  Bereicherung unserer Gesellschaft durch multi-kulturelle Einflüsse schwadronieren, reiben sich jetzt die Augen, weil „unsere“ Türken mit überdeutlicher Mehrheit für einen Mann gestimmt haben, der einen großen Schritt in Richtung Diktatur getan  und jetzt die Einführung der Todesstrafe in der Türkei auf die Agenda gesetzt hat. Vor diesem Hintergrund kommt tatsächlich bei dem einen  oder anderen Dummschwätzer gegenüber den  hiesigen Türken ein wenig, aber ganz leise und sehr zaghaft und verklausuliert formuliert  der  Vorwurf der „Undankbarkeit“ zum Ausdruck. „Wie können die nur….“usw. usf.

Ja, die können! Und ein Teil von ihnen will sich auch nicht integrieren, will nicht die deutsche Sprache lernen und anerkennen, dass unsere Gesetze im Alltagsleben über irgendwelchen Glaubensvorschriften stehen –  und zu recht über ihnen stehen!

An der Seite der Dummschwätzer stehen die Schönredner, die uns jetzt erzählen, dass immerhin knapp 50% der Türken (in der Türkei) gegen Erdogan gestimmt haben. Ja, das ist klasse – und für viele von ihnen war der Gang zur Wahlurne bestimmt nicht einfach, weil in der Türkei nun schon seit Monaten der Ausnahmezustand herrscht und schon alleine deshalb die Abstimmung nicht frei war. Man soll doch bitte nicht vergessen, dass Hunderte in den Gefängnissen sitzen, weil sie eine abweichende Meinung haben oder geäußert haben, dass Tausende – Lehrer, Richter, Journalisten- ihren Beruf zwangsweise aufgeben mussten, weil sie entlassen wurden, weil sie ihres Amtes enthoben wurden, weil ihre Redaktionen geschlossen wurden.

Diese Schönredner tun so, als sei der Sündenfall jetzt erst eingetreten oder trete ein, wenn die Todesstrafe kommt. Diese Schönredner bringen immer wieder Gründe vor, warum man nun den „Gesprächsfaden nicht abreißen lassen“ soll, warum man nun „besonnen“ sein soll, warum man nun auch an die „Interessen der Opposition“ denken muss. Verdammte Hacke! Musste man das bisher nicht? Aber was macht man, wenn die andere Seite nicht sprechen will, sondern lieber schimpft, nicht besonnen ist und dieser Seite die Interessen der Opposition keinen Pfifferling wert sind, weil man die Opposition weg haben will?

Was ist das für eine After-Philosophie, die meint, jetzt werde Erdogan „großzügig“ und „großmütig“ sein, weil er sein Ziel erreicht hat? Indirekt gibt man damit doch zu, dass auf der anderen Seite des Spielfelds ein Despot oder Diktator herrscht, denn „Großmütigkeit“ ist in einer Demokratie nicht nötig, weil dort ein Rechtssystem herrscht!

Diese Schönredner haben immer und immer wieder Rechtfertigungen für jede noch so abstruse und Integration verhindernde Forderung unserer türkischen Mitbürger gefunden- sei es nun der Wunsch nach eigenen Badezeiten für Muslime, eigene Grills an öffentlichen Plätzen (Grills, auf denen kein Ungläubiger Schweinefleisch gegrillt hat),Absonderung der Mädchen von schulischen Aktivitäten und überhaupt das sich in einer Endlosschleife wiederholende Gejammer von  der Benachteiligung- übrigens ein Alleinstellungsmerkmal dieser Gruppe von Migranten, denn von Vietnamesen, Chinesen, Afrikanern, Italienern, Spaniern und Portugiesen, Japanern, Menschen vom Balkan, die hier eingewandert sind, um nur einige andere Gruppen zu nennen, ist ähnliches nicht zu hören.

Und dieses Schönreden der Damen und Herren „Verständnisvoll“ erfolgt stets unter dem Hochhalten der Flagge der Religionsfreiheit und der Toleranz. Dabei wird schnell vergessen, dass Religionsfreiheit zunächst mal Freiheit von Religion bedeutet- vor allem im öffentlichen Raum, weil der Glaube, nach unserem Verständnis, reine Privatsache ist. Und vergessen wird auch, dass Toleranz nicht das gleichgültige oder uneingeschränkte Bejahen eines jeden Unsinns ist, sondern eine aktive Auseinandersetzung, ein Handeln  auf der Basis der allgemein gültigen und verbindlichen Regeln.

Zu den Dummschwätzern und Schönrednern gesellen sich als dritte Gruppe nun die Integrationsrechner, angeführt von Frau Aydan Özuguz (SPD), der „Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration“, die bisher unter anderem durch ihr Votum gegen ein Verbot der Ehe mit Minderjährigen aufgefallen ist. Integrationsrechner sind all die, die – als Politiker, Wissenschaftler, Publizisten, Autoren, Integrationsbeauftragte oder in staatlichen, halbstaatlichen und privaten Einrichtungen- Teil des Wirtschaftskomplexes „Integration“ sind, einer gut geölten Maschinerie, die etliche Arbeitsplätze bereithält und jede Menge Papier produziert. Menschen also, die schon um ihrer selbst willen ein Interesse daran haben müssen, dass Integration nicht als gescheitert gilt. Diese Gruppe hat nun aber ein großes Problem, weil in Deutschland – und hier wiederum im „multi-kulturellen Ruhrgebiet- so viele Türken wie sonst nirgendwo, nicht einmal in der Türkei selbst, ihre Stimme Erdogan gegeben haben. 75,9% derjenigen, die im Ruhrgebiet gewählt haben, haben mit JA gestimmt und damit dem Kurs der Türkei in ein Präsidialsystem despotischer Grundierung ihre Stimme gegeben.

Das ist natürlich peinlich – bei all den Integrationsbemühungen, dem Geld und den Ressourcen, die für Integration zur Verfügung gestellt worden sind. Weil man die Zahlen nun nicht einfach so wegschwatzen kann, beginnt das Integrationsrechnen. Und das funktioniert so: Man geht davon aus, dass von den 1,43 Millionen Wahlberechtigten nur rund 660 000 ihre Stimme abgegeben haben. Von diesen wiederum haben  knapp  63% für  Erdogan gestimmt, also etwas weniger als rund 416 000. Rund 17% (245 Tsd.) haben mit NEIN gestimmt. Setzt man jetzt die Stimmen der JA-Sager in Bezug zu allen rund 2,9 Millionen hier lebenden Türken bzw. türkischstämmigen Menschen(egal ob mit oder ohne deutschem Pass) dann, so geht die Rechnung weiter, haben nur gut 14% der Türken, die hier leben, für Erdogan gestimmt. Mithin haben rund 86% nicht für Erdogan gestimmt- wenn das kein Zeichen für gelungene Integration ist!

 

Wann gibt es also endlich einen Lehrstuhl für Integrations-Mathematik?

Frau Özuguz- übernehmen Sie!

 

Und immer wieder grüßt das Murmeltier – ein Verwaltungs Perpetuum mobile

Jobcenter an Flüchtling: Beweise dass Du kein Kindergeld beziehst!

Flüchtling an Jobcenter: Wie?

Jobcenter an Flüchtling: Dein Problem. Wenn kein Beweis bis zum XX.XX.XX vorliegt, Leistungskürzung wegen mangelnder Mitarbeit!

Flüchtling an Familienkasse: Bitte um Bescheid, dass ich kein Kindergeld beziehe.

Familienkasse an Flüchtling: Bescheide erst, nachdem ein Antrag gestellt wurde.

Flüchling an Familienkasse: Habe keine antragsberechtigten Eltern. Sie haben nur Aufenthaltsstatus.

Familienkasse an Flüchtling: Das weiss man erst, wenn sie einen Antrag gestellt haben.

Die Maschinerie läuft an. Telefondrähte laufen heiß, Köpfe rauchen, Zeit verbrennt, Formularkryptologen und Antragslyriker zapfen das Können Wissen durchtrainierter und organisierter Verwaltungsspezialagenten in verschiedenen Amtsstuben ab.

Salvatorische Klausel: Antrag stellen, vermerken dass es keine antragsberechtigten Antragsteller gibt und dass der Antrag ablehnend beschieden werden muss.

Familienkasse an Flüchtling: Antrag kann nicht entschieden werden! Reichen Sie folgende Unterlagen nach:

  • Abzweigungsantrag
  • Meldebescheinigung für Sie selbst
  • Mitteilung über ein Kind ohne Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.
  • Bitte reichen Sie die beigefügte Mitteilung vollständig ausgefüllt und an den entsprechenden Stellen  unterschrieben bei der Familienkasse ein
  • Nachweis über die Suche nach einem Ausbildungsplatz
  • Bitte legen Sie eine Bestätigung der für die Ausbildungsstellenvermittlung zuständigen Stelle (Agentur für Arbeit oder Jobcenter) vor, dass Sie dort ab Dezember 2016 als ausbildungssuchend geführt werden
  • Anspruchsbegründende Unterlagen ab Dezember 2016
  • Aus den bisher vorliegenden Unterlagen geht nicht hervor, ob und auf welcher Grundlage Kindergeld gezahlt werden kann. Bitte legen Sie entsprechende Nachweise vor, z.B. Schulbescheinigung, Nachweis über eine Berufsausbildung, Studienbescheinigung, Mitteilung für ein Kind ohne Ausbildungs- und Arbeitsplatz oder ähnliches.

 

Flüchtling an Familienkasse: Ich bin nicht Kindergeldberechtigt. Ich brauche darüber eine Bescheinigung.

Familienkasse an Flüchtling: Wenn bis zum XX.XX.XX die Unterlagen nicht hier sind, kürzt das Jobcenter Leistungen.

Flüchtling an Familienkasse: ………………………..

Die Überflüssigen oder Die Grünen. Ein Nachruf

Wenn ich durch das Fenster meines Arbeitszimmers auf die andere Straßenseite schaue, erblicke ich dort an einem Laternenpfahl ein Wahlplakat der Grünen zur Landtagswahl im Mai. Das Plakat steht von der graphischen Gestaltung her in der Tradition der Plakate der letzten Wahlkämpfe. Ist also eine Zumutung, was Raumaufteilung, Farbgebung, Schrifttypologie und Gesamtgestaltung angeht! In der inhaltlichen Gestaltung, besser: in der Versprachlichung  der Aussage steht es ebenfalls in der Tradition der letzten Jahre.Es ist Ausdruck eines krankhaften Zwangs zur Originalität. Man könnte auch sagen: es leidet unter der Lust der Macher am Spiel mit Sprache. Weiterlesen… „Die Überflüssigen oder Die Grünen. Ein Nachruf“

Das Hohe Lied der kulturellen Bereicherung oder Schlaglichter aus der (medial vermittelten) Wirklichkeit

Vor vielen Jahren nahm ich ein Graffito zur Kenntnis, das ein Menschenfreund mit Farbe auf einer Mauer hinterlassen hatte. Es lautete: „Liebe Ausländer, lasst uns mit den doofen Deutschen nicht allein!“

Aus heutiger Perspektive kann man zu diesem Spruch etliches anmerken. Z.B. dass der Verfasser des Textes noch unbefangen das Wort Ausländer benutzt hat. Entweder, weil ihm der Begriff „Menschen mit Einwanderungsgeschichte“ oder „Mensch mit Migrationshintergrund“ noch nicht bekannt war, oder weil für diese längeren Formulierungen anstelle des kurzen Begriffs „Ausländer“ nicht genug Farbe in der Sprühdose war.

Dann, dass der Verfasser nicht mit einem modisch-aktuellen Anglizismus jongliert (refugees welcome), sondern sich der deutschen Sprache bedient. Das ist löblich, weil somit auch deutsche Nicht-Akademiker ohne Englischkenntnisse sprachlichen Zugang zum Graffito haben. Weiterlesen… „Das Hohe Lied der kulturellen Bereicherung oder Schlaglichter aus der (medial vermittelten) Wirklichkeit“

Lies! Der Exodus der Türken und seine Folgen

Gelsenkirchener Beobachter

Monatszeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur
Ausgabe März 2019

Der Exodus der Türken und seine Folgen
Verwaiste Stadtviertel, lange Haare und Leerstände

Eine Reportage von L. Leuchtenträger

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass sich im Vorfeld der Abstimmung über das Referendum für eine neue türkische Verfassung die Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei zuspitzten. Inzwischen ist die Türkei aus der NATO ausgetreten, hat sich Russland angenähert und die politischen Beziehungen zu zahlreichen Staaten der Europäischen Union nahezu eingefroren.
Die im Zuge der damaligen Auseinandersetzungen um die Einreise türkischer Ministerinnen und Minister gewachsene Entfremdung gipfelte in den Vorwürfen der türkischen Seite, Deutschland sei von Nazis beherrscht und würde türkischstämmige Bewohner des Landes systematisch benachteiligen und diskriminieren. Die im Sommer 2017 ergangene Aufforderung des türkischen Präsidenten Erdogan an alle in Deutschland lebenden Türken, das Land zu verlassen und in die Türkei zurückzukehren, hat ihre Spuren hinterlassen. Auch in Gelsenkirchen! Weiterlesen… „Lies! Der Exodus der Türken und seine Folgen“