Eine Flucht – Meine Geschichte

Über mich zu sprechen ist schwer, über mich selbst zu reden macht mich müde und leicht werfe ich meine Stifte weg. Während ich dies schreibe, zittern manchmal meine Hände und meine Augen werden müde. Aber nun werde ich meine Geschichte erzählen:

Vielleicht ist meine Geschichte einfach und sie gibt Ihnen einen Eindruck, wie mein Volk in Syrien litt und immer noch leidet. Ich spreche über ein Mädchen, das ihr Land und ihre Familie liebt. Ich war glücklich, liebte das Leben im allgemeinen und war sehr hoffnungsvoll und ehrgeizig. Ich säte Glück und bei der Ernte wollte ich kein Unglück oder Pech, ich wollte ein Leben in Frieden.

Ich komme aus einer kurdisch-syrischen Familie, die in einer Stadt namens Al-Hasaka lebt, die im Nordosten von Syrien liegt. Meine Familie besteht aus 8 Personen, die ein gutes Alltagsleben führten in Frieden. Alle genossen ihre Mahlzeiten zusammen, wir spielten zusammen und unterhielten uns gut. Immer wenn mein Vater das Haus verließ mit seinem Auto, wollten wir alle, dass er zurückkommt und hupt mit seiner Hupe. Wir alle liefen zur Tür, glücklich ihn zu begrüßen und umarmen zu können. Mein Vater arbeitete fleissig, um seine Familie zu ernähren. Oft brachte er Gemüse, Obst und Süsses. Während mein Vater relaxte, bereitete meine Mutter das Essen vor. Abends saßen wir am Tisch beim Essen, lachten und hatten eine gute Zeit, bis wir müde wurden. Wir alle gingen zu Bett und schliefen in der Hoffnung, einen guten neuen Tag zu erleben.
Aber nicht jede Nacht ist gleich. Die Dunkelheit brachte böse Dinge wie Stille, Schreie und Korruption und eine Menge obdachloser Menschen. Und Millionen von Leuten mußten auswandern und viele Leute starben wie meine 3 Cousins. Mütter waren sehr traurig und weinten. Die Schreie von Vätern und Kindern konnten im Himmel und auf der Erde gehört werden.

Florent Darrault - (CC BY-SA 2.0)
Dismaland Foto: Florent Darrault – (CC BY-SA 2.0)

Die Leute fragten sich: ‚Was ist denn los? Hat der Krieg begonnen? Ja, es war die große Katastrophe, ein Krieg, der Trauer und Tragödien mit sich brachte. Das öffentliche Leben kam zum Stillstand, Fabriken, Schulen und öffentliche Gärten schlossen. Manchmal, wenn ich durch die Strassen ging, erinnerte ich mich daran, wie es in der Vergangenheit war und wie es jetzt ist. Ich führte mein Leben weiter, aber nicht wie ich es wollte. Ich entschloss mich, mein Land zu verlassen und ich überliess es seinem Schicksal und Gott. Ich sagte Aufwiedersehen zu meiner Familie und Freunden und ging weg in eine unbekannte Zukunft. Ich wollte nicht weggehen und guckte zurück mit Bedauern. Ich fragte mich: ‚Ist es ein Traum oder die Wirklichkeit ?‘
Bis jetzt habe ich nicht verstanden, was geschehen ist. Ich ließ mein Herz in meinem Land Syrien und nun bin ich hier nur in meinem Körper anwesend.
Ich ging weg mit meinen Brüdern, mit ein paar Lebensmitteln und etwas Geld und Kleidung. Wir kamen von Syrien in die Türkei und wir begannen an einem türkischen Fluss, wir blieben in einem Wald einen Tag lang und warteten auf den Sonnenaufgang. Es war eine furchtbare Nacht mit vielen Geräuschen von Tieren und einem Regensturm.
Dann gingen wir auf ein Schiff, das 8m lang war mit 50 Passagieren. Wir trugen Rettungswesten. Das Schiff brachte uns nach Griechenland und wir beteten, dass es uns vor der See und den türkischen Kontrollen retten würde. Gottseidank erreichten wir Griechenland sicher. Menschen und Journalisten hießen uns willkommen und wir waren glücklich und zur gleichen Zeit traurig.
Wir telefonierten mit unseren Eltern, um ihnen zu sagen, dass wir in Sicherheit waren. Danach gingen wir nach Mazedonien und dann nach Serbien. Wir fuhren mit dem Bus und dem Zug. Wir gingen zu Fuss nach Kroatien und fuhren nach Slowenien mit dem Zug. Dann kamen wir in Österreich an und später zu dem Tor unseres Ziels ‚Germany‘.
Wir kamen in Dresden an am 10.10.2015, dann ging es nach Bielefeld und Schöppingen. Endlich kamen wir nach Gelsenkirchen, wir wurden in Lagern untergebracht 3 Monate lang, das war schrecklich, weil da so viele Leute waren. Ich hatte einen Raum mit 8 Fremden. Es war laut und es stank. Ein Deutscher stellte uns eine Person vor, die uns unterstützt und uns half, eine Wohnung zu finden und sie zu möblieren. Dank ihm leben wir in einer Wohnung. Wir lernen die deutsche Sprache kennen und gehen unseren Hobbies nach wie z.B. Singen und Geige spielen.

Unterschiede Deutschland/Syrien

Mein Leben in Syrien war wunderbar und interessant, weil ich in meinem Land war. Aber ich muss die Wirklichkeit akzeptieren. Du kannst nicht immer haben, was Du willst.
Und jetzt lebe ich hier in Deutschland, ich nenne es ‘ die Mutter der Welt‘, weil in unserem Land die Rechte wie eine Wohnung, Arbeit, ein Heim, eine Zukunft zu haben und selbstbestimmte Heirat nicht immer gegeben ist oder schwer zu erreichen ist.
Respekt vor Leuten, im Frieden zu leben, die Chance, eine Arbeit zu bekommen sind in Deutschland besser als in Syrien. Die meisten Leute sind gute Menschen mit einer offenen Geisteshaltung, die die Realität anerkennen für die Zukunft zu planen. Sie leben ihr Leben von Moment zu Moment.
Für mich ist Deutschland ein neues Land, eine neue Sprache und eine neue Kultur und eine neue Perspektive. Manche Leute können sich anpassen und manche können es nicht. Das ist typisch für Menschen.
Die Gesetze sind anders hier als in meinem Land. Ich denke in Deutschland zu leben ist gut und ich wünsche mir, dass es so bleibt. Ich würde gerne mein Leben hier aufbauen und meine Familie wieder treffen.

futureEnglische Version

Arabische Version

Beitragsbild: Banksy  Wall of Bethlehem – Foto: Pawel Ryszawa (CC BY-SA 4.0)

An Escape – My Story

Speaking about me is difficult, talking too much exhausts me and I easily throw away my pen. While I’m writing this my hands sometimes are trembling and my eyes get tired. But now I will tell you my story:
Maybe my story is simple and it gives you an insight into how my people suffered in Syria. I am speaking about a girl who loves her country and her family. I was optimistic, loved life in general and was very hopeful and ambitious. I planted happiness and when harvesting I didn’t want sadness. I wanted to live a life of peace.
I come from a Kurdish Syrian family living in a city called Al-hasaka, situated in the north east of Syria.My family consists of 8 persons who were having a good everyday life living in peace. Everyone enjoyed their meals together, we played together and enjoyed entertainments. When my dad left the house in his car, we all wanted him to come back and honk his car horn. We all ran to the door happily to greet him and hug him. My father worked hard to keep his family fed. Often he brought vegetables, fruit and sweets. While my father relaxed my mum prepared the food. In the evenings we all sat round the table having meals , laughing and having a good time until we got tired. We all went to bed and slept in the hope of having a good new day.
But not every night is he same. Darkness brought evil things with it like silence, screams and corruption and a lot of homeless people. And millions of people had to emigrate and many people died like my cousins. Mothers were very sad and cried, the screams of fathers and children could be heard in heaven and earth.

Florent Darrault - (CC BY-SA 2.0)
Florent Darrault – (CC BY-SA 2.0)

People said : ‚What is going on ? Has war begun ?‘- Yes, it was the big disaster, a war which brought sadness and tragedy. Public life came to a standstill, factories, schools and public gardens closed. Sometimes when I was walking along the street I remebered what it was like in the past and what it is like now. I continued my life but not like I wanted to. I decided to leave my country and I left it to its destiny and to God.I said goodbye to my family and friends and left for an unknown future. I didn’t want to go and looked back behind me in regret. I asked myself : ‚Is it a dream or reality ?‘
Until now I haven’t understood what has happened. I left my heart in my country Syria and now I am here just with my body.
I got away with my brothers, with some food and money and some clothes. We went from Syria to Turkey and we started from a river in Turkey and we stayed in a forest for a day waiting for the sunrise. It was a horrible night with a lot of sounds of animals and a rainy storm.
Then we went on board an 8m long ship with 50 passengers. We were wearing life jackets .The boat brought us to Greece and we were praying that it would save us from the sea and the Turkish controllers. Thank God we arrived in Greece safely. People and journalists welcomed us and we were very happy and at the same time sad,we phoned our parents to tell them we were safe.
After that we walked to Macedonia and then to Serbia, we also went by bus and train. We walked to Croatia and went to Slovenia by train. Then we arrived in Austria and later came tot he gate of our destiny ‚Germany‘.
We arrived in Dresden on 10-10-2015 , then we moved to Bielefeld and Schöppingen. Finally we came to Gelsenkirchen. We stayed in camps for 3 months, that was horrible, because there were so many people. I had a room with 8 strangers. It was loud and smelly. A German introduced us to a person who looks after us and helped us to find a home and furnish it. Thanks to him we live in a flat learning the German language and practising our hobbies like singing and playing the violin.

Comparison Syria /Germany
My life in Syria was beautiful and interesting because I was in my country. But I have to accept reality. You can’t always get what you want. And now I am living here in Germany, I call it ‚The mother of the world‘ because in our country the rights like having a home and a future, work and free marriages are not always there or hard to achieve.
Respect between people, living in peace, the chance for work is better in Germany than in Syria. Most people are good persons with an open mind realizing the reality of planning for the future and living their lives moment after moment.

Germany for me is a new country, a new language and a new culture and a different view. Some people can adapt and some can’t. It’s typical of people.The laws here are different from those in my country. I think living in Germany is good and I wish that it stays so. I would like to build my life here and meet my family again.

future

 

 

 

 

Text In German – Text Auf Deutsch

Text In Arabic – Text Auf Arabisch

قصتي…

قصتي…
لقد عجز الكلام عن الكلام ،وتنااثرت الأقلام ،والايا ي والرعية ترتجفان ،إليكم قصتي….
ربما تكون قصتي عبارة عن لمحة بسيطة عما يعانيه شعبنا في سورية ،لمحةّ تعبر عن معاناة فتاة أحبت ولا زالت تحب أرضها وعائلتها وكانت متفائلة محبة للحياة متأملة طموحة تزرع الفرح وتنزع الحزن أينما كان راغبة بالعيش في أرض يعمه السلام.
هذه الفتاة تنحدر من عائلة كوردية سورية تعيش في مدينة الحسكة في عائلة يبلغ عدد أفرادها ثمانية أشخاص . يعيشون بسلام وهناء يديرون أمورهم ويأكلون رغيف خبرهم ،يضحكون ،يلعبون ويتسلون مع بعضهم البعض ويتعلمون

.
ننتظر  سماع صوت الباب وصوت صفير السيارة لقد تعودت آذاننا على هذا الصوت ،نعم، إنه هذا هو أبي ،الأب الذي عانى وكدح ومر بمشقة الحياة في سبيل تأمين حياة هنيئة له ولأبنائه ،يدخل الباب فترى الأبناء مهرعين إلى الباب لاستقبال أباهم حاملا“ معه بعض ما تشتهي أنفسنا كالخضر والفواكه والحلويات فيقبلنا ويستريح وتبدأ أمي بتجهيز الطعام فنجلس حول مائدة واحدة لنتحدث ونتسلى ونضحك إلى أن تبدأ جفوننا بالهذيان فننام حاملين

Florent Darrault - (CC BY-SA 2.0)
Florent Darrault – (CC BY-SA 2.0)

معنا كل الأمل ليوم جديد .
ولكن في أحد الليالي لم تكن ككل ليلة فبدأ الظلام وحل الهدوء وكثرت الصرخات وتشرد المئات وتهجر الملايين وعم الفساد ووصلت الدماء للركب ودموع الأمهات وصرخة الآباء والأطفال أيقظت كل من في الأرض والسماء ،هل عرفتم ما هذا ؛نعم إنها الفاجعة  إنها الحرب بدأت وبدأ معها زمن الحرب والمأساة .
ففرغت الحدائق وتوقفت المدارس والمعامل وكنت أمشي أحيان في الشارع أتأمل ذكريات الماضي عما كنا  وكيف أصبحنا ولكن تابعت حياتي ولكن ليس عما كان مخطط له .
فقررت ترك أرضي بين أيادي القدر وتوكلت على الواحد الأحد مودعة أهلي وأصدقائي وأحبائي تاركة أجمل لحظات حياتي ومنطلقة إلى مصير مجهول لا يعلمه أحد حتى أنا أمشي وانظر خلفي وأقول في نفسي يا حسرة على ما مضى هل هذا حلم أم واقع أنني إلى الآن لا أستطيع فهم ما حصل ،لقد تركت روحي في أرضي وأنا الآن هنا في بلاد الغربة بجسدي ولكن من الصعب جدا“
أن نفرق بين الروح والجسد فهي دائما تشتاق لروحها .
خرجت مع أخي حاملين معنا حقيبتين وبعض المال وبعض الطعام فانطلقنا من سوريا باتجاه تركيا وانطلقنا من نهر في تركيا فبقينا في الغابة يوم  كامل وانتظرنا  طلوع الفجر وكانت ليلة مرعبة مع الأمطار وأصوات الحيوانات ومع طلوع الفجر ركبنا السفينة (سفينة القدر)(البلم) ومع سترات النجاة جاعلين الدعاء حافظا لنا من البحر ومن خفر السواحل التركي وبحمد الله وصلنا إلى اليونان واستقبلونا ولكن لا أعرف كنا سعداء جدا“ وفي نفس الوقت حزينيين ثم تابعنا مسيرنا نحو مقدونيا  ومن مقدونيا نحو صربيا سيرا وبالباصات وتابعنا المشي نحو كرواتيا ومن ثم عن طريق القطار نحو سلوفاتيا ومن ثم نحو نمسا وبعدها إلى بوابة القدر ألمانيا وكانت أول نقطة وصول لنا إلى ألمانيا هي Dresden في 10.10.2015.
وبعدها انتقلنا إلى Bielefeld ومن ثم نحو Schopengen وأخيرا نحوGelsenkirchen وبقينا في المخيمات حوالي ثلاثة أشهر وكان هذا صعبا جدا“ ولا يوصف فقد كنا ثمانية أشخاص غربيين في غرفة واحدة وكانت الرائحة كريهة والأكل مقرف وفي أغلب الأحيان لم نكن نأكل ،وقام شخص ألماني تعرفنا عليه في المخيم بمساعدتنا في العثور على بيت وفي تجهيز البيت والحمد لله أنا اسكن في البيت مع أخي الصغير ونتعلم اللغة وتمارس هواياتنا كالغناء والعزف .
حياتي في سوريا كانت جميلة وممتعة لأنني كنت في أرضي ولكن يجب علينا أن نرضى بالواقع ونتقبله كما هو فليس كل ما يتمناه المرء يدركه تجري الرياح بما لا تشتهي السفن .
فأنا هنا الآن في ألمانيا(أم الدنيا)كما يسميها البعض لأن كثيرا من الأشياء التي هي من حقنا كانت مجرد أحلام في بلدنا مثل البيت والمستقبل والزواج والعمل أما هنا ففرص العمل والعيش بسلام والاحترام المتبادل وحب الغير والعطاء هنا في ألمانيا أكثر بكثير .
فالسكان وليس كلهم فأغلبهم أشخاص طيبين القلب متفتحي العقول يدركون الواقع ويخططون للمستقبل ويعيشون حياتهم لحظة بلحظة .
الفرق بين ألمانيا وسوريا أنه بلد جديد ولغة جديدة وثقافة جديدة مختلفة عن ثقافتنا وعقول جديدة فالبعض يتأقلم معك والبعض لا وهذا طبيعي وقوانين مختلفة عما كانت في بلدنا .
أنني أعتقد إن العيش في ألمانيا أفضل واتمنى أن تبقى هكذا واتمنى أن أكمل حياتي وابني مستقبلي وأن اجتمع مع عائلتي وأخوتي من جديد….

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Les Temps Perdus – Im Emscherland mit Jo-Jo-Hund, aber ohne Bahnsteigkarte

Folge 3

„Haben Sie eine Kundenkarte, eine ele-card, eine Deutschland-Karte, eine Payback-Karte?“ Es gibt wohl kaum ein Geschäft, einen Supermarkt oder Discounter, wo man nicht mit der Frage nach einer Karte belästigt wird, die zur unmittelbaren Rabattierung(z.B. ele-card) oder zum Sammeln von „Punkten“ dient, für die man dann bestimmte Produkte, die man ohne diese Karte nie erworben hätte, kaufen kann. Dass man über diese Karten schon bei der Anmeldung bzw. dem Erwerb und bei jedem Einkauf eine Unmenge an Daten von sich freiwillig preis gibt, scheint kaum jemanden zu stören.
Solche Rabattierungs- und Kundenbindungssysteme sind aber keine Erfindung unserer Tage, es gab sie – allerdings ohne Datensammelwut und weitaus sinnlicher – schon in meinen Kindertagen und dienten mir als Erwerbsquelle für mein (karges)Taschengeld: Emscherland-Rabattmarken.
Diese Rabattmarken wurden von diversen Einzelhändlern, bei denen meine Mutter einkaufte, ausgegeben. Für einen bestimmten Betrag gab es eine Marke. Diese Marken wurden gesammelt, zumeist in einem eigens dafür reservierten Kästchen oder einer Schachtel – oder auch nur in einer Schublade – um sie dann in ein Emscherland-Heftchen einzukleben, das man ebenfalls von den Händlern bekam. War ein Heftchen voll, konnte man es bei einem der beteiligten Einzelhändler einlösen und es gab – Achtung! – 3 (in Worten: drei) Mark. Das war dann mein gesammeltes und zusammengelecktes Taschengeld, denn die Marken mussten – wie Briefmarken auch – auf der Rückseite angefeuchtet werden, damit man sie ins Sammelheft einkleben konnte. Sammeln-Lecken-Kleben – das war der Dreischritt, bis man Geld kassieren konnte, um dann vor der Frage zu stehen: direkt ausgeben oder ansparen?
Irgendwann – ich muss wohl im Geld geschwommen sein – habe ich mir ein Freilauf-JO-JO angeschafft (Patent: 1932, verkaufte Stückzahl im Jahr 1962: rund 45 Millionen!). Und das mit dem Freilauf war auch der einzige Trick, den ich nach einigem Üben beherrschte: ich konnte das Jo-Jo also für eine gewisse Zeit im Freilauf über den Boden schnurren lassen.
Nun gingen meine Mutter und ich einmal pro Woche zum (alten) Hauptbahnhof, um von dort zur Verwandtschaft nach Herne zu fahren. Auf dem Weg zum Bahnhof kauften wir in einem Zeitungsladen – im wöchentlichen Wechsel – die jeweils aktuelle Ausgabe von Micky-Maus und Fix & Foxi. In unserem alten Bahnhof gab es damals nicht nur die prächtige Eingangshalle mit dem großartigen Buntglasfenster (das heute an der Stirnseite des ehemaligen Boeker-Gebäudes unbeachtet und ohne seine Farbwirkung verkümmert), das Bali- Kino (Bahnhofs-Lichtspiele), einen Kiosk und mehrere Schalter, um Fahrkarten (nicht Tickets!) oder Bahnsteigkarten zu erwerben, die den Zugang zu den Bahnsteigen erlaubten, sondern auch Kontrollhäuschen – mit einem Eisenbahner darin, dem man seine Karte vorzeigen musste, bevor man zu den Bahnsteigen gelangen konnte.
Da saß nun, fast immer wenn wir fuhren, ein freundlicher Mann, der mit der Frau und dem kleinen Jungen, die so regelmäßig kamen, schon mal ein paar Worte wechselte und auch gerne in meinem Micky-Maus- oder Fix& Foxi- Heftchen blätterte, um mit mir darüber zu fachsimpeln.
Einmal ließ ich, als er im Heftchen blätterte, ein wenig angeberisch (gebe ich gerne zu!)mein Jo-Jo schnurren! Er sah vom Heftchen auf, blickte mich streng an, um dann zu sagen: „Hast du für den Hund eine Fahrkarte gelöst? Wenn nicht, dann muss er hier bleiben!“
Ich konnte mir, unter den Verdacht der versuchten Beförderungserschleichung geraten, nahezu dabei zusehen, wie ich rot anlief. Da prustete meine Mutter vor Lachen los und der Bahnbeamte sagte mit freundlichem Gesicht, aber in einem ernsten Tonfall: „Na, dann geh mal durch mit deinem Hund. Ich will heute nicht so sein, denn ich durfte ja dein Heft lesen!“
Hätte ich ein volles Heftchen mit Rabattmarken dabei gehabt – ich hätte es ihm glatt geschenkt!

Les Temps Perdus – Olympische Spiele mit Milchdeckeln

Folge 2

Heute stehen wir im Supermarkt vor schier endlosen Regalreihen mit Milch und Milchprodukten wie Joghurt, Käse und Butter. Alles abgepackt in diversen Größeneinheiten und Dutzenden von Varianten.
Was die Butter angeht, bin ich durch das ehemalige WEKA-Kaufhaus geprägt. Als es noch den Namen Kaufhaus verdiente, befand sich im obersten Stockwerk, das man auch mit einem Aufzug incl. Fahrstuhlführer erreichen konnte, der die auf den einzelnen Etagen angebotenen Produkte ausrief (Beispiel: „2. Stock: Damenoberbekleidung, Wäsche, Kurzwaren“), die Lebensmittelabteilung. Dort ging meine Mutter mit mir als Begleitung gelegentlich einkaufen.
Butter gab es dort als riesigen Block! Ein großer goldgelber und glänzender Würfel, von dem mit einem geeigneten Messer die gewünschte Menge an Butter mehr oder weniger exakt abgeschnitten wurde („Dürfen es auch 10 Gramm mehr sein?“). Beeindruckend!
Milch kaufte man natürlich nicht in einem Pappkarton, sondern im (Milch-)Laden an der Ecke in der mitgebrachten Milchkanne oder – was sich schließlich durchsetzte – in Milchflaschen. Diese Flaschen waren mit dünnen Aluminiumdeckeln verschlossen, deren unterschiedliche Farbe anzeigte, um was für eine Milch es sich handelte.
Ein goldener Deckel signalisierte: Vollmilch. Der silberne Deckel verschloss die Flasche mit der weniger fetten Milch, und – eine Besonderheit – der grüne Deckel sagte mir: Buttermilch. Für uns Kinder hatten die Deckel neben ihrer Verschlussfunktion aber eine andere Bedeutung: sie dienten uns als Medaillen.
1960 fanden die Olympischen Spiele in Rom statt. Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner unseres Hauses versammelten sich bei dieser Gelegenheit zum gemeinsamen Verfolgen einiger Wettbewerbe in der Wohnung des einen Mieters, der bereits ein Fernsehgerät besaß (er arbeitete nämlich bei Philips). Wir beklatschten begeistert Armin Hary, der in 10,2 Sekunden die Goldmedaille über 100 Meter holte (und später mit der 4 X 100-Meter-Staffel eine zweite Goldmedaille gewann). Und wir Kinder beschlossen, nun selbst einmal „Olympiade“ zu spielen, wobei sich Kinder aus der Nachbarschaft beteiligten. Es gab einen Marathon-Lauf mit zwei Teilnehmern(einer davon war ich), der von der Dresdener Straße über die Franz-Bielefeld-Straße durch den Heimgarten und die Grenzstraße zurück zur Dresdener führte, wo unser Wohnhaus lag, ein Reit- und Springturnier mit auf dem Hinterhof aufgebauten Hindernissen (man war Reiter und Pferd zugleich), Speerwerfen mit einer Eisenstange, wobei ich meiner liebsten Mitbewohnerin beinahe ein Auge ausgeworfen hätte, und verschiedene Sprintwettbewerbe (hier siegten übrigens die Mädchen!).
Und die Sieger sollten natürlich mit einer Medaille ausgezeichnet werden. Wir begannen also zur leichten Verwunderung des einen oder anderen Elternteils mit dem Sammeln von Milchflaschendeckeln. Als genügend Deckel zusammen gekommen waren, trafen wir uns zum Medaillen-Basteln. Etwaige Falten oder Knicke in den Deckeln wurden beseitigt, so dass sie wieder schön glatt waren. Danach wurden sie mit einem Faden versehen, so dass man sie dem jeweiligen Gewinner um den Hals hängen konnte. Nun konnten die Olympischen Spiele in der Dresdener Straße beginnen!
Nach jedem Wettbewerb gab es eine feierliche Überreichung der Medaillen! Und wenn auch die grünen Deckel nicht ganz einer Bronzemedaille gleich kamen, so geriet dank der Milchdeckel diese Zeremonie fast so würdevoll wie bei den Olympischen Spielen!

Kreuzberg liegt nicht in Ückendorf

Leerstand, Stadtplanung, ein Justizpalast und die kreative Szene in Gelsenkirchen
Geht es nach den Stadtplanern in Gelsenkirchen, dann liegt das neue Kreuzberg mitten im Stadtteil Ückendorf. Hier sollen sich Kreative und Bürger aus dem Mittelstand ansiedeln, die den Standort nach vorne bringen.
Der Stadtteil liegt direkt an der Hattinger Straße, die von der Autobahn A40 in die Innenstadt führt. Begrüßt werden die Besucher durch Fast-Food-Ketten, ein Casino und seit neuestem durch den noch nicht ganz fertiggestellten Justizpalast. Anfang 2016 sollen hier Amts-, Arbeits- und Sozialgericht in das 48,5 Millionen teure Gebäude einziehen. 12600 Kubikmeter Beton und 2200 Tonnen Stahl wurden verbaut – herausgekommen ist ein schmuckloser Bau mit drei mächtigen Quadern. Das neue Tor zum Stadtteil Ückendorf und zum Süden der Stadt ist also ein Gericht geworden. Weiterlesen… „Kreuzberg liegt nicht in Ückendorf“