Kapitel 25: Die Kommunalwahl 1975: Es geht um alles!

Den dicksten Schlussstrich unter der fünfjährigen Kontroverse zogen keine Geringeren als die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Gelsenkirchen. Bisher habe ich ja nur aus dem internen Blickwinkel berichtet, was den falschen Eindruck erweckt haben könnte, dass die ganze Sache in einer höhere Form der Geheimhaltung abgelaufen wäre und die Öffentlichkeit als zu vernachlässigende Größe hätte behadelt werden können. Dem war keineswegs so. Tatsächlich nahm die Öffentlichkeit äußerst regen Anteil an den Stürmen in der SPD – wie man den Dokumenten des Buches unschwer entnehmen kann.

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Rezension: 20 Jahre Kommunismus-Erfahrung – von Dr. W. Reckert

Böse betrachtet: Ein kleinbürgerlicher Genosse erspürt mit feinem Sinn für untergehende Schiffe die taktische Schwäche der kommunistischen Bewegung, steigt rechtzeitig in sein kleinbürgerliches Verachtungsrettungsboot und fährt der scheinbar untergehenden Bewegung davon: Zurück nach Hause, zu den wirklich guten Dingen, zur Heimat unter seinesgleichen gebildeten reflexiven und notabene sogar selbstkritischen Menschen vom Typ des sozialwissenschaftlich aufgefüllten kritischen Intellektuellen, die ihre ontologische Unsicherheit des nicht-mehr-weiter-wissens mit Theorieenfülle auspolstern.

Ja, er ist schon 1986 am Aussteigen, Perestroika ist schon in der Welt, zersetzt das Zentrum, für das Generationen gekämpft und gelebt, Leiden und Sterben, sogar Irrtum und Verurteilung riskiert haben, sich selbst aufgegeben und dasselbe von ihren Genossen gefordert haben, lässt seine Genossen alleine weiterkämpfen. Selten so intensiv gelesen wie dieses Büchlein: Dieser Mann meint es ernst, schont sich nicht, will Verantwortung nicht ausklammern, hatte den Mut zur Einsicht im Irrtum, konnte sich von Ideologie lösen und sein Tun und Lassen neu beurteilen. Aus ähnlicher, aber doch deutlich unterschiedlicher Perspektive betrachtet:

Ich hatte diese Probleme bei der heraufziehenden Perestroika nicht, da ich mich persönlich mehr an die nichtrevisionistische wirklich revolutionäre Bewegung des wahren Marxismus-Leninisimus gehalten hatte, hatte kein Problem damit, den Meinen den Stalinismus als die ultimative Konsequenz (aus Leninschem Geist, von Stalin geschweißt: die Partei) angesichts der Nazibedrohung zu preisen, die Nachstalinisten Enver Hoxha und Mao-Tse-Tung (mitsamt seiner Kulturrevolution) als die wahren Revolutionäre anzuerkennen. Propaganda über Pol Pot schenkte ich schlicht keinen Glauben, da kein glaubwürdiger Zeuge in Sicht war…(Und auch aus meiner Ecke führte ein Weg zu Weiterentwicklung und neuer Sicht auf meine Vergangenheit). Viele von diesen Typen, die Reckert beschreibt, lernte ich kennen – eine schöne und sehr gründliche Sammlung von Menschentypen und von Ansichten und Theorien über Ideenwelt und Psychologie der Genossen, wie sie als Funktionäre, als Anhänger einer totalitären Ideologie, als Mitläufer, als Psychopathen und Ich-schwache Zeitgenossen Geschichte mitgestaltet haben oder davon träumten – war einer davon. Auch über die Täter im Massenmord und ihre Führer finden sich wertvolle kritische Betrachtungen. Die kulturellen und politischen Kraftfelder, in denen jemand wie Reckert auf diesen Weg von Schülerprotest über SDAJ bis zu Funktionärstum in der DKP fand, werden – auf den ersten Blick – so übersichtlich und reell dargestellt, dass ich gerne und neugierig gelesen habe. Es ist auch logisch, von den eigenen Startbedingungen in der frühen bundesdeutschen Gesellschaft, in kleinbürgerlicher Familie mit ihrer Ignoranz und Hilflosigkeit gegenüber dem gerade durchlebten Bösen und der damit entstandenen Schuld auszugehen und die eigene Sehnsucht nach Wahrheit und Sinn als Antrieb neben den psychologisch analysierten unbewussten Bedürfnissen nach Selbstintegration und Heilung innerer Widersprüche zu würdigen. Es ist verdienstvoll und hilft dem Betroffenen, einen umfassenden Überblick über die Analysen und Schilderungen zum Totalitarismus zu geben, von Zeitzeugen und Opfern erstellt, vielfach von direkter Betroffenheit oder von leidvoller Erfahrung aus der Nähe zu Unterdrückung und Terror kündend. Es kitzelt des Selbstgefühl, alle diese Theorien über die Motivationen, zB über die Funktion des Kommunistischen für das schwache Selbst, auch an der eigenen Erfahrung auszuprobieren; etwas riskant für das Selbstbewusstsein und mit der Gefahr eines Verlustes von Selbsttäuschung verbunden könnte es ja sein. Aber dieses Erlebnis wurde dann doch nicht so schlimm wie ich fürchtete.

War meine Abwehr doch zu renitent?

Diese Frage offen gelassen – ich gehöre inzwischen ja auch zu der Kaste der reflexiven Intellektuellen – fand ich meine Fragen an diese Kommunismuserfahrungen am Ende gestreift aber nicht ausführlich genug betrachtet: „Es gibt Grund, sich vor sich selbst zu fürchten“, sind Persönlichkeitsmerkmale von Widerständlern Hinweis auf gesunden Charakter oder ohne wirkliche Relevanz für die selbstbestimmte Tat, kommt Freiheit doch aus ganz anderen Quellen als aus einer Persönlichkeitspsychologie? Ich widerspreche aus eigener Anschauung der kolportierten Vermutung, dass Menschen, die Juden retteten, regelhaft besondere Bedürfnisse nach Berühmtheit hätten. Ich verstehe die Betrachtungen zu dieser Frage, nämlich wie Mut und Geistesgegenwart gedeihen können, als Suche nach einer Leitlinie für Entwicklung, aber sehe die Richtung nicht gefunden: (Vielleicht ist das ja nicht mehr sein Thema?) wie junge Menschen in der Entwicklung ihrer Willenskräfte und ihres autonomen Selbstgefühls gefördert werden können, oder besser, welche Bedingungen sie brauchen. Als ich die Kapitelüberschrift „Lebenssinn“ (3.2.4) fand, dachte ich, nun käme eine Art Auflösung: Was stört diesen fundamentalen Sinn, das sinnliche Empfinden für das Leben, für das was das Leben nährt und schützt, was uns sinnlich Wahrhaftigkeit und Liebe erfahren lässt? Aber nach dem ersten Schritt: „Nicht nur die kritische Theorie, die revolutionäre Tat sollte mich erfüllen“ Gedanken in die Tat umsetzen zu wollen, sie an der Praxis zu erkennen, kam da nichts als „Leben ‚ohne Sinn und trotzdem glücklich‘ “. Obwohl die folgenden Schilderungen des Pathologischen in Fundamentalismus und Machtstreben umfassend und sachlich erscheinen: Das Schicksal dieses eigentlich basalen Sinnes (als Zugang zur Wahrnehmungswelt) in der Seelenentwicklung von Erben der Nazigeneration mit deren Geheimnissen und Verdrängungen, in den Tätern und Mitläufern in kommunistischen Parteien und Regimen, es würde vielleicht mehr Verständnis ermöglichen, warum es wohl nicht die eindeutige verursachende Psycho-/Sozio-Pathologie gibt, an der man ansetzen kann, das Böse zu bannen.

Vielleicht verkenne ich die Absicht, aber die Fülle an Material über die Psychologie der Täter und Mitläufer, der Machthaber und der Gehorsamen ließ mich am Ende doch etwas müdes empfinden: sind es nicht doch einfach viele Projektionen? Etwa mit der Bedeutung: Es gibt schlimmere als mich, nämlich die Betonköpfe, die Ich-freien, die bewußt Gedankenlosen, die wirklichen Verbrecher? Was bleibt: Es ist ein gutes Stück Selbst- und Gesellschaftserkenntnis, aber doch vermischt mit ein bisschen Illusionen über die Gültigkeit dieser Resultate. Was könnte dieser Text den Mitmenschen bieten, die sich in der einen oder anderen Art auf einem solchen Weg befinden (heutige Variante rechtsradikal, fundamentalreligiös, marktradikal)? Hilft Drewermann Klerikern aus der pathologischen Bindung? Hilft der kritik- und denkstarke Analytiker dem Analysanden mit seinen Erkenntnissen oder Modellen? Allzuoft wohl nicht. „Ich mochte diese Typen nicht“ hilft zur raschen optischen Distanz, ohne die geistige Verwicklung zu klären. Das Böse des Totalitarismus, hat es nicht seine Resonanz in mir gefunden und wenn ja warum? Die Frage ist gestellt, aber doch nicht ausreichend beantwortet. Das facettenreiche Panoptikum von Persönlichkeitsbeschreibungen und Psychologieen (zB die drei Generationen von Kadern: Selbstbestimmte, Verlorene und „Mans“, Totalitäre und Autoritäre Charaktere, Kleriker, Angepasste, Führer und Parteisoldaten), ist eine Fundgrube, eine vielleicht notwendige aber keine hinreichende Bedingung für das, was im letzten Satz anklingt: Der verständnisvolle Blick, der dem Seziermesser vorzuziehen sei (…) erleichtert die Reflexionsfähigkeit. Mein Vorschlag: Das Projekt Selbsterkenntnis universal sehen, eine Menschheitsaufgabe. An ihm arbeiten sehr viele reflexive und gewissenhaften Menschen zusammen, auch auf ihren höchstpersönlichen Umwegen. Von ihnen gibt es auch viele unter uns Gescheiterten: Dogmatiker, Kleinbürger, Revolutionäre und Anarchisten, Befürworter (und Helfershelfer) der Unterdrückung, des Terrors…(Ich kenne und anerkenne Gewalttäter, die zu ihren Taten sehr selbstkritische Gedanken und Empfindungen zulassen und an ihrer Entwicklung arbeiten, und ich schätze Dogmatiker, die mit Akribie und Fleiß alte Gedankenkunstwerke bewahren und den ungeduldigen Neuerern zugänglich machen). Die offenen Aufgaben formulieren: wirkliche Entwicklungsförderung des Lebenssinnes und der anderen Sinne in Kindheit und Jugend; die bis heute anscheinend unvermeidlichen Störungen des Zusammenlebens und -arbeitens in Institutionen und persönlichen Beziehungen beobachten und verstehen lernen bis wir es schaffen, über Konkurrenz und Neid, Machtstreben und Verachtung, Projektion und Verachtung hinweg zu gemeinsamer Geistesgegenwart zu finden. Die Worte zum Ausblick kommen aus resignativem Geist, sind aber sympathisch gewählt, der Vorsatz der Selbstkritik im Augenblick der Tat ist redlich, führt in die richtige Richtung – eine neue Verbindung von Denken und Wollen; „Kunst der Resignation“ ist mir zu melancholisch verklärt für Abschied von Selbstidealisierung, aber wenn sie wirklich zu dem Sinn dafür führt, „das eigene Denken offen zu halten für Neues, sich einzumischen, wo es notwendig erscheint, aber daraus keine Sonderrechte abzuleiten,…“ zu dem Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie, sozialem Gewissen, dann ist es mir recht es so zu sagen. Ich würde einen Mann, der so denkt und schreibt, schon noch unterhaken bei einer Demonstration gegen Atomkraft, oder gegen soziale Kälte, oder gegen die Übermacht des Finanzkapitals über das Politische…

<Das Buch in Auszügen auf Google Books>

 

Gebäude sind mehr als Steine

„Der Städtebau ist stets der Vollzugsbeamte der Epochenstimmung.“ (WOLF JOBST SIEDLER)

Die Gebäude einer Stadt, zumal die repräsentativen, sind, hier ist Wolf Jobst Siedler sicher zuzustimmen, jenseits ihrer funktionalen Bestimmung immer Ausdruck einer Epoche, eines Baustils und einer Ideologie, die diese Epoche bestimmt.

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