Raubtierfütterung: Unser „Kino-Café“


 

„So, schön. Ja, dann lasst uns doch mal die Tische nach unten schaffen! Ist ja richtig was los heute. Hallo Ingo!“ Andreas begrüßt den Erler Bäcker, der die Bleche für die Hauptschlacht bringt. „Conni, schneidest du den Kuchen? Denk’ dran, bei so vielen Leuten dürfen die Stücke nicht so üppig ausfallen.“ „Klar“, antworte ich. „Ist denn genügend ‚guter’ Obstkuchen dabei?“ Gerrit, der hilfsbereite Fachhochschulstudent mit dem guten Omen erscheint im Foyer. „Gut, dass der Traum auch Cinemascope war. Das hätte ich beinahe übersehen.“ „Dann hätten wir eben nicht nur kleine Kuchenstücke, sondern auch sehr schlanke Darsteller auf der Leinwand“, scherze ich. „Glaubst du, die hätten das falsche Objektiv nicht gemerkt?“ „Klar hätten sie das, und dann hättest du dich selbst im heißen Vorführraum warm anziehen können.“ Gleichzeitig mit Serpil, die um die Kassenecke schießt, erscheint Rolfs Kopf über dem Galeriegeländer. „Ihr müsst noch unbedingt die Kaffeemaschine ausprobieren! Da stimmt was nicht. Ah, Hallo Serpil! Guck’ doch mal, dass das Ding richtig zum Laufen kommt! Du weißt ja Bescheid, noch von letztens.“ Oh, Mannomann, das sieht ja doch noch nach zusätzlichem Stress aus, denke ich. Die Männer schleppen die Tische und Stühle aus der Galerie ins Foyer. Geschirr, Besteck und Servietten legen die ‚Frolleins’ zurecht. Ich mache mich noch an den Kuchen. Es gibt wie immer drei Sorten zur Auswahl. Der Favorit heißt heute ‚Donauwellen’, aber bei der Vielzahl von Gästen wird wohl nicht einmal der ‚Beerdigungskuchen’ übrig bleiben. Eine Dame in Pantoffeln pirscht sich von der Toilette zur Theke. Ihr verschwörerischer Blick ist unmissverständlich. „Hörn’ se ma’, et is’ doch wohl kein Problem für Sie, wenn se uns mal so zwei bis vier Stücksken“ – sie spitzt über die Theke – „von den Donauwellen zur Seite stellen? Ich bin gehbehindert und anstehen und alles kann ich nich’.“ „Ich kann Ihnen gern’ schon ein Gedeck geben. Sie können sich ja schon an die Tische setzten und auf Ihre Bekannten warten.“ „Nee, nee. Warten will ich nich’. Ich verpass’ ja den Film! Außerdem brauch’ ich mehrere Stücke von dem guten Kuchen!“ „Also, Kuchen-Reservierung gibt’s nich’!“ „Na, Sie sind aber ’n frechet Ding! Dat hätt’ ich mir mal in Ihrem Alter erlauben sollen, da wär’ ich aber gleich geflogen!“ Gerrit kommt mit einer Pappstellwand, welche die Theke vor vermeintlichen Grabschern schützen soll. Er schiebt die Dame charmant zur Seite. „Verzeihung. Aber das muss ich hier platzieren, falls jemand vordrängeln will.“ Serpil, die währenddessen an der Kaffeemaschine herumgefuhrwerkt hat, erbarmt sich unser und gibt der Frau zwei Donauwellen. Die steuert brummelnd den nächstgelegenen Tisch an. „Scheiiiße! Was ist denn das?“ Serpil springt mir fast in das Kuchenmesser. Kochendheißes Wasser ergießt sich über Kaffeemaschine und Schrank. „Scheint undicht zu sein. Vielleicht war dies das Problem?“ Abwechselnd werfen Serpil und ich Servietten auf den Boden und betrachten die triefende Stereoanlage im Schrank. Wir sind uns schnell einig, dass uns jetzt nur noch die Personalkaffeemaschine retten kann. Es bleibt noch eine halbe Stunde bis zum Showdown. „Als hätte ich’s geahnt.“ Rolf steht plötzlich grinsend vor uns und zaubert ein paar willige Thermoskannen über die Theke. Die Türen zum großen Saal werden lautstark aufgeworfen. Nein, nein. Der Film ist noch nicht zu Ende. Alte Kino-Hasen erkennen die Schlussdramaturgie, und um die guten Kuchenstücke zu bekommen, muss man eben auf das Happyend verzichten. In wenigen Augenblicken füllt sich das Foyer. Eine Schlange bildet sich vor der Theke, eine weitere vor den Toiletten. Während an den Toiletten preußische Disziplin herrscht, kommt es an der Kaffee- und Kuchenausgabe zur Drängelei. Mir werden Bündel von Kuchen-Bons entgegengestreckt. Dringende Gesichter bringen mich zum Schwitzen.

Ich weiß nicht, bei wem ich anfangen soll. Also greife ich den nächsten Bon und will gerade den Teller mit dem Apfelkuchen an den Granatschmuck weitergeben, da blafft es schon von sämtlichen Seiten auf mich ein: „Ich war aber als erstes dran!“ „Für mich bitte Obstkuchen!“ „Frollein, ich will nur Kaffee. Ich bin nämlich Diabeth!“ „Donauwelle! Donauwelle! Oder mindestens Apfel!“ „Hörn’ se mal. Dat müsst ihr aber ma’ besser organisieren! Ursel! Komm! Wie soll ich dat denn alles tragen?“

Warum eigentlich nicht nur ‚Beerdigungskuchen’? steigt es in mir auf. Ich sammele Bons ein und gebe Kuchen weiter. Serpil pumpt derweil den Kaffee in die Menge. Gerrit schafft volle Thermoskannen herbei und gibt Rolf an der Kasse Zeichen, schnell noch mehr Kaffee zu brühen. Der Geräuschpegel ist inzwischen so hoch, dass wir uns nur noch schreiend verständigen können. Es gibt keine freien Stühle mehr und der Versuch, Kaffee und Kuchen im Stehen zu genießen, lässt so manche Donauwelle zu Boden plumpsen. Pappteller und Plastik-Gabeln haben unser Geschirr abgelöst. Die Kuchenstücke sind auf Keksgröße geschrumpft und die riesigen Klopapier-Rollen sind auch schon aufgebraucht, wie mir eine Dame im Poncho diskret ins Ohr zischt. Mittlerweile hat mein T-Shirt die doppelte Größe angenommen, so oft bin ich daran gezogen worden. Ein praktisch veranlagter Herr hat kurzer Hand die Stellwand ein paar Meter weiter verschoben. „So kann man sich doch selbst bedienen. Dann geht’s doch schneller“, verkündet er stolz und greift sich eine Thermoskanne. Ich lasse den Kaffee-Klau geschehen. Die Schlange vor unserer Kuchenausgabe wird schneller kürzer als erwartet. Einige haben vorzeitig aufgegeben und sind gegangen. Trotzdem ist nicht ein Streusel übriggeblieben. Nun können Serpil und ich etwas Luft schnappen und einen Blick ins Foyer werfen. Wir lassen Spülwasser ein und zünden uns eine Zigarette an: light. Andreas gleitet von Tisch zu Tisch und parliert mit den Herrschaften. „Hat es Ihnen denn gefallen? Oder fanden Sie den Film eher nicht so gut?“ Die Dame im Rollstuhl bekommt glänzende Augen. „Nee, nee. Das war sehr schön. Besonders als der Mann von der Frau, die mit den langen blonden Haaren, die beinahe den Hund von dem Sohn ihrer Schwester überfahren hätte, als sie… ja also das mit dem Mann, als der ihr die ganze Wohnung voller gelber Rosen gemacht hat. Das war schön.“ „Ja, aber ein bisschen viel nacktes Fleisch ist ja heutzutage doch zu sehen. Das muss doch nicht sein“, mokiert sich ihre Begleitung. „Sie haben Recht. Manches sollte man lieber der Fantasie überlassen“, grinst Andreas. Eine elegante Endsechzigerin am Nebentisch mischt sich ins Gespräch. „Na, wenn uns da wenigstens ein leckerer junger Mann gezeigt worden wäre, aber so was Welkes hab’ ich selber zu Hause.“ Sie erntet helles Gelächter von den Damen rundherum. Für die wenigen Herren ist spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich für den ausrangierten Projektor im Foyer zu interessieren. Nach einer Weile breitet sich Aufbruchstimmung aus. Die ersten gehen. Eine Gruppe ruft uns, „Auf Wiedersehen! Bis zum nächsten Mal“, zu. Gerrit bringt uns schon eingesammeltes Geschirr zurück. Ich fange mit dem Spülen an und Serpil macht sich auf den Weg, die Trockentücher zu suchen. Der junge Cineast nickt uns zum Abschied zu. Den Kaffee hat er also doch noch mitgenommen. Der Zivi schiebt seine Klientin in einer Schlangenlinie dem Ausgang zu. Eine Hand am Rollstuhlgriff, die andere telefoniert.

Es ist Siebzehn Uhr.

Der Übergang zur täglichen Vorabendvorstellung ist fließend. Neue Gäste kommen, die letzten verlassen die Manege. Rolf winkt mich hinter die Kasse. „Warte, Rolf! Ich mache mich eben noch frisch, dann übernehme ich wieder die Kasse,“ rufe ich ihm zu. Die Toiletten im oberen Stockwerk haben den Ansturm unbeschadet überstanden. Seife, Klopapier. Alles ist noch da, wo es sein soll. Ich ziehe mein T-Shirt in Form, stecke mir die Haare zurecht. Ich kann hören, wie bereits wieder Tische und Stühle auf die Galerie gebracht werden. Auf meinem Rückweg nach unten helfe ich noch einem Herrn, seinen Schal zu finden und als ich an der Kasse angelangt bin, empfangen mich bereits die Vertreter der Enkelgeneration:

„Hi! Einmal AMERICAN PIE, für Schüler.“

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