Gelsenkirchen den Rücken kehren? Warum?

Man kann über Gelsenkirchen und seine Bewohner vieles lesen. Das meiste davon trifft stets auf irgendeine Anzahl von Leuten zu, aber niemals auf alle Einwohner. Man kann aber einiges über Strukturen und Prozesse sagen, was durchaus eine größere Aussagekraft hat, aber diese ist von so großer Allgemeinheit, dass sie nicht nur auf eine Stadt zutrifft.

Im Allgemeinen kann man den Eindruck gewinnen, es seien wichtige gesellschaftliche Infrastrukturen für soziales und solidarisches Miteinander in den letzten Jahren durch politische Prozesse abgebaut worden. Häufig vor dem Hintergrund einer Selbstregulierung der sozialen Marktwirtschaft und deren Auswirkungen auch bis in die kleinsten gesellschaftlichen Einheiten hinein.

Dafür gibt es die Möglichkeiten eines einfachen und grenzenlosen Konsums. Das kann der Konsum von Waren sein, aber auch der Konsum sämtlicher Fernsehprogramme oder sonstiger Möglichkeiten der Zerstreuung und Bespaßung. Und von dieser Möglichkeit wird Gebrauch gemacht. Tatsächlich spricht dies vielleicht gegen das, was Kant über die Aufklärung sagte, nämlich, dass sie der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldete Unmündigkeit sei.

Hier marschieren Menschen nun in die Gegenrichtung. Haben sie ein Recht darauf? Vielleicht oder ganz bestimmt sogar. Aber er sollte auch die Alternativen kennen und es muss ihnen deutlich und klar sein, dass sie sich dafür entschieden haben.

Die Gruppe der passiven Konsumenten hat jedoch ihren kleinsten gemeinsamen Nenner. Nämlich gesetzliche Regularien. Jeder hat irgendein Recht auf dass er besteht, aber Rücksichtname und »sich kümmern« sind keine Werte, die gesetzlich reguliert werden. Eine alte Dame ohne Schwerbeschädigtenausweis hat vielleicht kein gesetzliches Recht, auf einem Platz für Schwerbeschädigte zu sitzen, aber es ist eine Frage des Miteinanders, ob man ihr diesen Platz (oder einen anderen Platz) nicht vielleicht anbieten sollte, ohne sich den entsprechenden Ausweis zeigen zu lassen.

Diese Erosion zeigt und hinterlässt Spuren. Die zeigen sich im gesellschaftlichen Umgang, aber auch im Stadtbild. Wenn jemand wild Sperrmüll ablädt und niemand sich verantwortlich fühlt, die Stadtreinigung zu verständigen, wird er auch noch Wochen später dort liegen und ganz bestimmt andere Menschen dazu animieren, ebenfalls wenig rücksichtsvoll mit den Platz umzugehen.

Werner Lojewski nennt viele unklare Begriffe um erklären zu wollen, warum es einer Stadt wie Gelsenkirchen so geht, wie es augenblicklich der Fall ist. Dekadenz kommt vor, aber auch »Orient« und »Heimat«.

Und Heimat scheint hier die Verbindung eines geographischen Orts mit einer bestimmten Gruppe von Menschen zu sein. Sie ist der »kostbarste Besitz« eines Menschen, so Lojewski.

Aber! Um es mit Herbert Grönemeyer zu halten »Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl« oder dem russischen Schriftsteller Andrej Sinjawski »Heimat ist kein geographischer Begriff. Man trägt sie in sich selbst.«

Das Problem ist nun, dass die passiven Konsumenten diese innere Haltung nicht haben, sie sind ja getrieben von kurzzeitigen Impulsen und werden vielleicht dann reger, wenn die Möglichkeit zum Konsum eingeschränkt wird.

Und der Orient? Ein Schlüsselwort für die türkischen Gastarbeiter? Deren Kinder und Enkel niemals mit den übrigen Bürgern zusammenkommen?

Dieser Rückgriff auf die demographische Entwicklung appeliert an die Urängste eines speziellen Klubs auf den mit einem Verweis auf die 50er Jahre verwiesen wird. Also ein Fall von »Früher war alles besser«.

Ja. In den 50er Jahren (bis in die 70er) durften Frauen schließlich noch nicht ohne das Einverständnis des Mannes arbeiten.

Vielleicht fühlte sich damals vieles besser an: Es gab Solidarität – man war füreinander da. Das betraf aber vermutlich nicht alle Menschen. Sondern möglicherweise nur für diejenigen, die einem besonderen biologischen Klub angehörten, der in den 40er Jahren erdacht worden war. Wer versuchte, Fuß zu fassen ohne eine Klubmitgliedschaft vorweisen zu können, sah den Rücken der sich wegdrehenden Mitglieder der solidarischen Gesellschaft. Innerhalb des Klubs allerdings scheint es eine miefige Kuscheligkeit gegeben zu haben. Eine, die Narrative einer aufstrebenden Gesellschaft hervorbringt, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich.

An dieser Sichtweise hat sich möglicherweise noch nicht bei allen etwas geändert.

Der wachsende Egoismus der Gesellschaft ist nicht Folge der »Orientalisierung«, sondern Folge anderer fehlgeschlagener Prozesse. Zum Beispiel einer fehlgeschlagenen Integrationspolitik – einer, die zu spät erkannte, dass Menschen ein zuhause (Heimat?) suchen und nicht nur einen Arbeitsplatz. Das Herabsehen auf die »Gastarbeiter« erlaubte natürlich ein aufgewertetes Selbstbild der Kriegsgeneration und die eingeleitete Zweiteilung der Gesellschaft führte zu einem Anerkennungsdefizit. Das musste in manchen Fällen irgendwie ausgeglichen werden. Vereinzelt durch Ablehnung der Majoritätsgesellschaft oder durch Aufbau eines Selbstbilds dass es erlaubt, auf diese Gesellschaft herabzusehen.

De facto aber sind die Kinder und Enkel dieser Generation aber einige wenige, die in Gelsenkirchen etwas bewegt haben in den letzten Jahren. Viele Geschäfte und Unternehmen wurden eben nicht nur von Herrn Müller und Herrn Schmidt eröffnet, sondern auch von Familie Yildirim und Familie Öztürk. Die Firma »Mr Chicken« etwa, gegründet von Erhan Baz, hatte 2012 140 Mitarbeiter und 15 Imbisse.

Oder wir richten den Blick auf die Kirchstraße in der Gelsenkirchener Innenstadt. Dort stand lange ein verlassener Aldi Markt leer und wies auf den großen Leerstand in der Innenstadt hin. Nun hat dort der »Deniz-Market« eine Niederlassung eröffnet und wieder belebt, die »Humane häusliche Pflege« ist ebenfalls eine Neugründung mit diesem Hintergrund. Alles Dinge, welche die Stadt weitergebracht haben.

Für Anhänger der These, dass die Heimat nur einer bestimmten Personengruppe gehört, ist der demographische Wandel natürlich eine Horrorvorstellung.

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Chajm Guski

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Chajm ist begeisterter Bewohner des Ruhrgebiets (könnte sich grundsätzlich aber auch vorstellen, woanders zu leben), Herausgeber von talmud.de, Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet, Blogger, Autor von Artikeln und Glossen in der„Jüdischen Allgemeinen”. Zudem ist er ein Early Adaptor der vielen technischen Spielereien, die das Internet jeden Tag hervorbringt. Einige werden auch hier dokumentiert.
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