Lyoner, tödlich – dreiunddreißigstes Kapitel

sprengwurzel

14. Tag, mittags (heute)

Fleischwurst, auch Lyoner genannt, ist eigentlich ein harmloses Produkt, soweit man Fleisch überhaupt als harmlos und zum Verzehr geeignet ansieht. Gefährlich ist Fleischwurst hauptsächlich für Schweine, weil sie die Grundsubstanz liefern, die dann mit Pfeffer, Kurkuma, Kardamon, Knoblauch, Muskat und einigen anderen Gewürzen abgemischt wird. Das ist Geschmackssache.

Ich mochte Fleischwurst noch nie, egal ob mit oder ohne Knoblauch, im Naturdarm oder im Kunstdarm, mit Zugabe von Rindfleisch oder ohne – auch vor dem Verbot von fleischlichen Nahrungsmitteln war Lyoner nicht mein Ding.

sprengwurzelUnsere Fleischwurst war nicht aus Fleisch, sondern aus Gemüse. Zusammengefrickelt aus Steckrüben, Kohlrabi, Meerrettich, Porree und Sellerie. Sie hatte nicht die ästhetische Eleganz der früheren Werke von Ehrgart, denn wegen seiner Versetzung zum Handy-Recycling musste die Küchenmannschaft samt Gratzek ohne den Schnitzmeister auskommen. Aber sie war als Fleischwurst zu erkennen, gut einen Meter lang und lagerte in einem Bett aus rohen Mohrrüben. An ihrem einen Ende lief sie in das grob ins Gemüse geschnittene Gesicht des Regierungschefs aus, am anderen Ende in das der Parteivorsitzenden.

Bevor die Gemüsefleischwurst hereingetragen wurde, trat Kotzer mit seiner „Pan-Flöte“ auf und spielte die Eröffnungstakte des „Gefangenenchores“ aus Verdis Oper „Nabucco“, während ich an den Tischen Servietten verteilte, auf denen der Text der ersten Strophe zu lesen war:

„Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht,

lass´ dich nieder in jenen Gefilden,

wo in Freiheit wir glücklich einst lebten,

wo die Heimat uns´rer Seele – ist.“

Als unser „Chor“ – eine schräge Mischung aus einzelnen Stimmen, Gebrumm, Gesumme, Pfeifen und eher rezitativen Komponenten – einsetzte, wurde die Wurst von Auto-Manni in den Saal getragen.

Die Wachleute, wieder in Doppelposten angetreten, wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Einer zog schließlich sein Funkgerät hervor und quakte etwas hinein. Offensichtlich warteten die Posten auf Anweisungen Gräffkes, der nicht im Saal war.

Als unser Chorgesang nach der vierten Zeile der ersten Strophe abebbte, kam Gratzek, noch mit einer Schürze (natürlich mit Sonnenblumen darauf) und einer Kochmütze (mit Windrädern verziert) ausgestattet, aus dem Küchenbereich und postierte sich in der Mitte des Saales. Ruhig, aber eindringlich und ohne auf Notizen blicken zu müssen, begann er eine Ansprache:

„Heute kommt es in allen Landesteilen zu Demonstrationen und Protestkundgebungen. Wie das versklavte Volk Israel, gefangen in den Kerkern des babylonischen Herrschers Nebukadnezar, in der Oper Verdis nach Freiheit ruft, so rufen auch die Menschen in unserem Land immer lauter nach Freiheit. Nach einer Freiheit von der Bevormundung in unserem täglichen Leben, nach einer Freiheit, die andere Meinungen zulässt, nach einer Freiheit von der Herrschaft einer Clique von Politikern, die unsere Grundrechte beschnitten hat, ja, letztlich auch nach der Freiheit, das Falsche tun und Fehler machen zu können – in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung.

Was richtiges Leben heißt, kann nicht von oben verordnet werden, sondern nur auf der Grundlage der Vernunft, der Einsicht, der Erfahrung und der Überzeugung wachsen, der Überzeugung jedes Einzelnen von uns. Und deshalb ist auch jeder Einzelne von uns aufgefordert, die Proteste außerhalb dieser Mauern durch sein Handeln innerhalb dieser Mauern zu unterstützen.

Vertreter aus allen Arbeitsgruppen und Abteilungen dieser Anstalt haben einen Forderungskatalog vorbereitet, den ich jetzt vortragen und dann zur Abstimmung stellen will, um ihn den übergeordneten Instanzen und der Anstaltsleitung…“

Gräffke stürzte in den Raum. Wieder hatte er Schweißperlen auf seinem kahlen Kopf, der hochrot angelaufen war.

„Halte deine verdammte Schnauze und verzieh dich in deine Zelle!“ schrie er Gratzek an, der sich aber keinen Millimeter bewegte, sondern Gräffke gelassen anblickte.

An einigen der Tische standen die ersten von uns auf, die Wachleute nahmen ihre Schlagstöcke in die Hände.

„Ruhig, Männer, ruhig“, sagte Gratzek, „lasst euch nicht provozieren.“

„Ab in die Zellen, alle“ geiferte Gräffke, „jetzt ist Schluss mit dieser Kinderkacke.“

Gratzek machte einen Schritt auf Gräffke zu, sah ihn an und sagte dann, fast tonlos:

„Nein, Schluss ist nicht. Wir fangen jetzt erst an – hier drinnen und draußen!“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, zog Gräffke mit einer fast gleichgültig zu nennenden Bewegung seine Dienstwaffe aus dem Halfter, visierte Gratzek mit ausgestrecktem Arm an und schoss. Als wenn er Gräffkes Handlung vorausgesehen hätte, stieß Auto-Manni Gratzek zur Seite, der hinfiel. Die Kugel drang im Bereich des rechten Schulterblattes von Manni ein, er drehte sich um die eigene Achse und stürzte wortlos zu Boden. Die ersten „Du Sau“- „und „Lass den Scheiss“- Rufe zischten durch den Saal, fast alle waren aufgesprungen, die Wachleute hoben ihre Stöcke. Gräffke bewegte sich auf den neben Manni immer noch am Boden liegenden Gratzek zu und legte erneut auf ihn an.

Ehrgart, der an der ersten Tischreihe stand, schlug Gräffke einen Stuhl ins Kreuz, so dass er seinen Schuss verzog und die Kugel der an der Wand hängenden Parteivorsitzenden das Gesicht zerfetzte. Bevor sich Gräffke entschließen konnte, einen weiteren Schuss abzugeben, weil er in leicht gekrümmter Haltung gegen seine Verblüffung ankämpfte, war ich bei ihm.

Ich stieß ihm eine Möhre, die ich von der Wurstplatte genommen hatte, mit aller Wucht ins rechte Auge.

„Mit schönen Grüßen von Manni, du Arschloch“, schrie ich ihn an, als er zusammensackte. Er wälzte sich am Boden und schrie vor Schmerzen. Ehrgart hatte inzwischen die Wurst von der Platte genommen und schmetterte sie in Gräffkes Gesicht, so dass die Gemüseteile, aus denen sie bestand, in alle Richtungen spritzten.

„Gemüse soll angeblich gesund sein“, sagte er.

Die Wachleute waren wie schockgefrostet, standen samt ihren Stöcken regungslos und orientierungslos auf ihren Positionen. Es dauerte keine Minute, bis sie entwaffnet waren.

Kotzer sprang auf einen der Tische, während Gratzek neben Manni kniete und versuchte, die Blutung in Mannis Schulter zu stoppen, indem er seine Kochmütze auf die Wunde drückte!

Alle Blicke richteten sich auf Kotzer.

„Leute, bewahrt Ruhe, verhaltet euch diszipliniert, ärztliche Hilfe für Manni wird angefordert. Alle gehen jetzt mit ihrer Gruppe nach dem Plan vor, den wir besprochen haben, und erledigen ihre Aufgaben. Entwaffnung der Reservegruppe der Wachleute, Besetzung des Haupttores, Besetzung der Telefonzentrale im Sekretariat, Einschließen der gesamten Wachkompanie im Zellentrakt des Untergeschosses, Sicherung aller Unterlagen in Wallbaums Büro.

Gratzek, Ehrgart, Schlehmann und ich bilden hier im Speisesaal die zentrale Anlaufstelle. Und übrigens …“ – Kotzer hielt ein Handy hoch – „ …wir haben Kontakt nach draußen. Die ersten Protestzüge formieren sich bereits. Also, Leute, es gilt: Vorwärts zu jenen Gefilden, wo in Freiheit wir glücklich einst lebten.“

Als ich sah, wie all diese Männer, von denen jeder auf seine Weise gegen Regeln und Gesetze verstoßen hatte, gegen blödsinnige und absurde Gesetze, aber eben gegen Gesetze, sich in Ruhe und in geordneten Gruppen auf den Weg machten, um die ihnen zugteilten Aufgaben zielstrebig und mit Entschlossenheit zu erfüllen, und dabei einem ungewissen Ende dieses Tages entgegengingen, stiegen Tränen in mir hoch. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich seit Jahren auf einer Welle der Gleichgültigkeit geschwommen war, dass ich meine Zeit vertan hatte, dass ich in einem Netz gezappelt und mir dabei eingebildet hatte, ich lebte nach meinen eigenen Regeln, weil dieses Netz Maschen hatte.

Ich kniete mich neben Gratzek auf den Boden, der meine Tränen wahrnahm, aber nicht kommentierte, sondern mir nur zunickte. Ich sah meinen Zellennachbarn an, der sich trotz seiner Schmerzen ein Lächeln abrang.

„Na, du alter Auto-Freak. Sieh mal zu, dass du wieder auf die Beine kommst. In ein paar Wochen machen wir in deinem Citroen eine kleine Spritztour.“

Manni musste mehrfach durchatmen, dann antwortete er:

„Ne, lass man ruhig. Ich weiß was Besseres. Ich leih dir den Wagen, und du fährst eine bestimmte Wegstrecke ab mit einer bestimmten Person. Aber vorher wischt du dir die Tränen ab, du Weichei!“

Seine Augen wanderten nach rechts zur Eingangstür. Ich blickte auf. Sie stand im Türrahmen.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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