Sven Nordquist – Armer Pettersson

Was haben wir den Schweden nicht alles zu verdanken! Den Imbusschlüssel von Ikea, den Volvo P 1800, wegen seiner gläsernen Heckklappe Schneewittchensarg genannt, den Elchtest und jede Menge Literatur:

Mankells grüblerischen Kommissar Wallander, Larssons Millenium-Trilogie, Pippi Langstrumpfs Erlebnisse und Michel in der Suppenschüssel.

Und dann noch den alten Pettersson mit seinem Kater Findus. Pettersson lebt inmitten der Weite der schwedischen Landschaft auf einem herunter gewirtschafteten Bauernhof samt Tischlerschuppen und Hühnerstall.

Sven Nordquist, der Erfinder von Pettersson, hat mit dieser Figur einer gesellschaftlichen Gruppe ein Denkmal gesetzt, auf die wir sonst eher herab blicken, nämlich der Spezies der Messies, also jener Menschen, die, wie es im Englischen heißt, unter „compulsive hoarding“ leiden, unter „zwanghaftem Horten“ also. Und Pettersson hortet in seinem Tischlerschuppen so ziemlich alles – und dies ohne jegliches Ordnungsprinzip.

Die hier behandelte Geschichte spielt an einem trüben Herbsttag. Der sonst immer ausgeglichene Alte sitzt vormittags bei einer Tasse Kaffee übellaunig am Küchentisch und schaut aus dem Fenster in die grau verhangene Natur. Kater Findus aber will Pettersson zum Spielen verführen. Der aber möchte, wie er selbst sagt, den ganzen Tag nur am Fenster hocken und sich selbst leidtun. Und das wäre durchaus sein gutes Recht, schlechter Laune zu sein – oder, um es etwas in Richtung des deutschen Wesens zu überhöhen, sich der Melancholie hinzugeben.

Allein: Der Kater entpuppt sich als echter Egomane und Nervensäge, als Exemplar dieser auf den eigenen Bauchnabel fixierten Spezies von Kindern, als Rotzlöffel mit krimineller Energie, der dem guten Alten keine Ruhe lassen und ihm nicht zugestehen will, auch einmal grauen Gedanken nachzuhängen, auf der Flöte der Trübsal eine griesgrämige Melodie zu spielen und seine Pflichten (in dieser Geschichte Holz hacken und den Kartoffelacker umgraben) zu vernachlässigen. Vor allem aber nervt der Kater den Alten mit einer sich steigernden Penetranz – ganz offensichtlich, weil er nichts mit sich anzufangen weiß und weil es in der Welt, in der die Pettersson-Geschichten verortet sind, noch keine Smartphones gibt, so dass Findus nicht die Zeit damit totschlagen kann, Selfies von sich zu machen.

Stattdessen produziert er Faxen und Blödsinn aller Art, lärmt, findet das auch noch witzig und treibt unseren Messie bis zur Weißglut, die sich in einem Akt verbaler Aggression entlädt – unterstützt durch einen Faustschlag auf den Tisch.

Dieser lautstarke Moment ist zugleich Höhe- und Wendepunkt der Geschichte. Jetzt hat der Alte nicht nur schlechte Laune, sondern auch noch ein schlechtes Gewissen. Und der unter Anzeichen eines hyperkinetischen Syndroms leidende Kater in seiner bescheuerten gestreiften Hose hat Oberwasser. Nun hat er sich den Alten sozusagen zurecht gestellt wie der Boxer den Gegner in der Ringecke zurecht stellt – und Findus macht auf hilfloses Kind, das sich allein gelassen fühlt, um Pettersson den entscheidenden Schlag zu versetzen. Am Beispiel von Findus wird einmal mehr deutlich, zu welchen subtilen Grausamkeiten Kinder fähig sein können, wenn sie gegenüber den Eltern ihren Willen durchsetzen wollen: Er belügt den Alten nämlich und täuscht Fußschmerzen vor, weil er sich angeblich im Schuppen geklemmt hat. Er instrumentalisiert die Mitleidsfähigkeit und Güte des Alten gegen Pettersson selbst.

Es kommt, wie es kommen muss: Findus setzt seinen Willen durch. Er bekommt den Alten dazu, mit ihm zum See zu gehen und zu angeln.

Petterssons Laune bessert sich, als sie still im Boot sitzen. Und sie wird wieder gut, als der erste Barsch anbeißt. Sie wird so gut, dass er sogar lachen muss, als Findus ihm auf dem Heimweg gesteht, dass er ihn mit dem verletzten Fuß nur reingelegt hat. Anders: Pettersson wird nicht nur gemobbt und nach Strich und Faden betrogen, er gewinnt der Opferrolle auch noch positive Seiten ab.

Nun wird jedes nicht gerade tiefbegabte Kind, das aufmerksam zugehört hat, fragen: Aber Papa, wieso gibt der Pettersson denn Findus nach, wenn er doch seine Ruhe haben will? Und ist der Findus nicht recht böse zu Pettersson?

Wenn man nicht zu einer Notlüge greifen will, dann muss man wohl sagen: Na ja, Eltern lassen sich von ihren Kindern eben manchmal einwickeln, vor allem wenn sie glauben, sie vernachlässigten die Kinder, wenn sie nicht mit ihnen spielen. Und Findus möchte eben in dem Moment nicht allein sein.

Und das Kind wird weiter fragen: Aber der belügt den Pettersson doch, das ist doch nicht richtig, oder?

Und wir werden gezwungen sein zu antworten: Das mag schon sein. Ja, er belügt ihn, und das ist nicht richtig. Aber Findus ist ja noch klein und weiß vielleicht nicht, dass man nicht lügen soll.

Und dann wird das Kind sicher – nach einer kleinen, aber gewichtigen Pause des scheinbaren Nachdenkens – mit einem maliziösen Lächeln sagen: Papa, ich habe gaaaanz feste Bauchschmerzen, die tun gaaaaanz weh! Ich glaube, ich kann nicht einschlafen.

Und der besorgte Vater wird sagen: Was können wir denn dagegen machen?

Das Kind wird antworten: Morgen, nach dem Kindergarten, eine gaaaaanz große Portion Eis essen gehen, dann verschwinden die gaaaaanz großen Bauchschmerzen gaaaanz bestimmt von alleine.

Und der Vater wird stumm nicken.

Dann wird alles gut, wird das Kind sagen und sich dann endlich umdrehen und einschlafen.

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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