Gutes, besseres und richtiges Gedenken

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden 30000 jüdische Menschen inhaftiert, zwischen dem 7. und 13. November auch etwa 400 Menschen ermordet.
In besagter Nacht wurden 1 406 Synagogen und Bethäuser vollständig zerstört, die Ritualgegenstände teilweise geraubt und von einigen Orten wissen wir, dass dort Torahrollen auf der Straße ausgerollt und geschändet worden sind.

Die Erinnerung an diese »Reichspogromnacht« ist heute wichtiger Teil des demokratischen Diskurses und in den Orten, in denen es heute noch oder wieder jüdische Gemeinden gibt, wird auch gemeinsam daran erinnert. In Gelsenkirchen wird das organisiert durch die »Demokratische Initiative«.

Der 9. November ist ein politischer Tag – nein, besser gesagt– ein Tag an dem die Demokratie zeigen muss, dass sie »gelernt« hat, mit den Bedrohungen und Herausforderungen umzugehen. Man gedenkt auf der einen Seite und betont auf der anderen Seite, dass die politische Lehre verstanden wurde.

»Nie wieder!« war häufig Forderung an diesen Tagen. Nur gemeinsam kann man gegen die Vertreter antidemokratischer Kräfte etwas tun – das ist Konsens.
Dieser Konsens ist nun aufgeweicht worden. Nicht vollständig, aber der erste Schritt ist getan. Der Anlass dazu ist ein Kunstwerk der Nationalsozialisten. Deren, in Stein gemeißelte, Kriegsbegeisterung an der Wanner Straße ist bis heute erhalten und erzählt den Nachkommen derjenigen die es aufstellten, dass 1937 die Begeisterung für den Krieg und die »Opfer für Deutschland« an die Menschen herangetragen wurden und dass die Industrie und letztendlich die gesamte Gesellschaft das Spiel mitspielte.
Für 30.000 Euro wechselte nun das »Kunstwerk« seinen Standort und es wird diskutiert werden müssen, ob es ausreicht, das schmale Werk aus Stein mit einer erklärenden Tafel zu versehen. Man sollte diskutieren, ob es nicht durch ein umgebendes Kunstwerk in seiner Absicht der Heldenverehrung entlarvt werden kann.
Einen Kontext zur weiteren Geschichte des Nationalsozialismus sollte dadurch geschaffen werden, dass man am 9. November das Ding als Relikt der Vergangenheit kontextualisiert und in den Gedenkmarsch einbettet.

Dagegen protestierte das »Bündnis gegen Krieg und Faschismus« und verfasste zunächst einen offenen Brief in dem dazu aufgefordert wurde, die Route zu ändern. In einem früheren Beitrag dazu wird grundlegend der Aufwand zur »Erhaltung« kritisiert. Zunächst wurde auch der »Materialwert« des Kunstwerkes hinterfragt (diese Passage findet der Autor nicht mehr).

Die Nazi-Geschichte zu »verstecken« oder zu »entsorgen« ist natürlich auch eine Möglichkeit – wird aber nicht helfen, mit dem Themenkomplex umzugehen. Das ist ein wenig das »unter den Teppich kehren« der Nachkriegszeit. Selbst die »Judensau« (auch im Kölner Dom) hat in einigen katholischen Kirchen überlebt und erzählt dort nun vom Antisemitismus der Kirche. Absurd zu fordern, dass man diese alten Abbildungen vernichtet. Sie sind auch in Stein gearbeitet oder auf Holz gemalt. Auch hier wäre der reine Materialwert eher gering.

Natürlich kann man auch die hohe Summe in Frage stellen, die zur Beförderung des Werks an seinen neuen Ort aufgewendet wurde.

Das sind Fragen die in einer demokratischen Gesellschaft diskutiert werden müssen. Das »Bündnis gegen Krieg und Faschismus« kündigte jedoch einen Sonderweg an und will nicht mit den anderen Teilnehmern des Gedenkzuges ziehen. Die Abschlusskundgebung soll dann wieder gemeinsam stattfinden.
Man will einen anderen Weg gehen.
Einen besseren?

Diese Lösung zeigt ein eigenwilliges Verständnis des Ereignisses. Es sollte eben genau nicht darum gehen, den eigenen Willen durchzusetzen.

So ziehen am heutigen Abend zwei Gruppen zum Ort der Abschlusskundgebung.
Die Guten und die Besseren?

Zum allem Überfluss sorgen nun Aktivisten dafür, dass die Stadt Gelsenkirchen noch mehr Geld für die Nazi-Scheußlichkeit ausgeben muss. Man hat nämlich das Schwert in der Nacht zum 9. November mit Farbe vollgeschmiert. Unter anderem mit dem Verweis auf viele Geld, welches man auch für Flüchtlinge hätte ausgeben können.
Was ist nun mit dem Reinigungseinsatz? Der ist sicher nicht kostenlos.

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Chajm Guski

Chajm Guski

Chajm ist begeisterter Bewohner des Ruhrgebiets (könnte sich grundsätzlich aber auch vorstellen, woanders zu leben), Herausgeber von talmud.de, Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet, Blogger, Autor von Artikeln und Glossen in der„Jüdischen Allgemeinen”. Zudem ist er ein Early Adaptor der vielen technischen Spielereien, die das Internet jeden Tag hervorbringt. Einige werden auch hier dokumentiert.
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7 Kommentare zu “Gutes, besseres und richtiges Gedenken

  1. Neben Erregungs- und Skandalsierungsdemokratie gibt es Gott sei Dank nun auch in GE eine Erregungs-Kunst-Truppe. Eine Ausstellung dieser (Kampf-Kunst) Aktivisten würde ich schon gerne mal besuchen…… mir schwant sehr, sehr böses.

  2. Mit diesem Satz „Man sollte diskutieren, ob es nicht durch ein umgebendes Kunstwerk in seiner Absicht der Heldenverehrung entlarvt werden kann.“ sind wir ganz nahe beieinander. Genau das fordern auch die VVN-BdA und das Bündnis gegen Krieg und Faschismus.
    Das wir die „Besseren“ seien haben wir nicht behauptet, wir sind halt die „Anderen“, die nicht bereit sind am 9. November zu einem ollen Nazi-Schwert gehen. Da wir aber eine Demonstration aller demokratischen Kräfte für wichtig halten, nehmen wir an der Abschlusskundgebung teil, auch wenn uns die demokratischen Kräfte gerne ausgrenzen.
    Und: Einen Abriss des Denkmals haben weder die VVN-BdA noch das Bündnis gefordert.

    1. … das Ding einfach auszublenden, ist aber auch keine geeignete Maßnahme. Es ist nun einmal »wieder« da.
      Ist es denn nicht seltsam, wenn man verkündet einen anderen Weg gehen zu wollen, dann über »Ausgrenzung« zu sprechen. Immerhin hat man offensichtlich die Thematik nach dem offenen Brief neu bewertet und den Ablauf der Veranstaltung geändert.
      Und: Wenn die »anderen« die »demokratischen Kräfte« sind. Was ist man dann selber?

      1. Es ist eben nicht „einfach wieder da“, sondern es ist eigens an einen Gehweg umgesetzt worden und man hat sich gefreut, am 9. November mal wieder ein „schönes altes Denkmal“ neu vorführen zu können. Falscher Tag für dieses Denkmal! Ganz einfach!

        Und es ist nicht seltsam, zu kritisieren, dass man ausgegrenzt wird, wenn man selber einen anderen Weg geht, schließlich haben wir niemanden ausgegrenzt. Wir haben nur das Nazi-Schwert ausgelassen und durch einen anderen Kundgebungsteil ersetzt. Jeder (ist doch ein freies Land) konnte entscheiden, woran er teilnimmt. 40 Leute waren bei uns.

        Ja, ich habe mich sehr gefreut, dass die Abschlusskundgebung nicht am Nazi-Schwert stattfand. Fand ich richtig prima! Sonst wäre ich nicht bei der Abschlusskundgebung gewesen!

        Wir sind auch demokratisch, haben es aber nicht nötig, uns „Demokratische Initiative“ zu nennen, die sich „elitär wie ein Golfclub verhält“ (ist nicht von mir, sondern von einem stadtbekannten SPD-Mitglied). Das Zitat gefällt mir aber, daher verwende ich es.

  3. Zitat: „Man sollte diskutieren, ob es nicht durch ein umgebendes Kunstwerk in seiner Absicht der Heldenverehrung entlarvt werden kann“

    In GE wird Pädagogik groß geschrieben – Umdeutungen und Umwidmungen gehören zum gesellschaftlichen Alltag.
    Die man ohne Begleitung durch Sozial- Kunst und sonstige Pädagogen augenscheinlich dem gemeinen Gelsenkirchner nicht zutraut.
    Ich finde, wir sollten erst einmal das Niederwalddenkmal mit einem Gegenstück beglücken https://de.wikipedia.org/wiki/Niederwalddenkmal das schafft spätestens alle 50 Jahre Großaufträge für Handwerk, Handel, Industrie und Künstler.

    Ich denke, dass ich ein Recht habe meiner und meiner Eltern Vergangenheit nachspüren zu können. Dazu gehören ganz sicher auch an der einen oder anderen Stelle Insignien der Finsternis..

    1. Muss vor wenigen Minuten passiert sein. Könnten Kinder gewesen sein – oder auch nicht.


      Die Aufzeichnung der Überwachungskamera (so sie denn angeschaltet war) könnte da sicher Fakten liefern.

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