Verlotterung der Sprache oder Verkommenheit der Politik?

Nach dem Terroranschlag von Berlin trat natürlich auch unsere Kanzlerin vor die Öffentlichkeit, um ihre Betroffenheit und Trauer zum Ausdruck zu bringen – wobei der ihr zur Verfügung stehende einzige Gesichtsausdruck passte  und ihr ausnahmsweise einmal helfen konnte. Zwischen all der Betroffenheitslyrik und Trauerpoesie, bei der sie übrigens ganz übersehen hat, dass das erste Opfer der polnische Lastwagenfahrer war, weswegen er keine Erwähnung fand, kam sie aber auch auf den eigentlich Kern ihres Anliegens zu sprechen: nach ihren Worten wäre es nämlich besonders schwer zu ertragen, wenn es sich bei dem Täter um einen Menschen handelte, der in Deutschland Schutz und Asyl gesucht hat. Warum wäre dies schwer zu ertragen? Merkels Begründung: „Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind, und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und die sich um Integration in unser Land bemühen.“

Da drängen sich mir verschiedene Fragen auf:

Macht es für die Opfer, also die Toten und Verletzten, und deren Angehörige einen Unterschied, ob der Täter hier Asyl gesucht hat oder ob er „einfach nur“ ein religiös verblendeter oder politisch verdrehter Attentäter oder ein psychisch kranker Amokfahrer war? Besteht die Widerwärtigkeit also nicht in der Tat selbst, sondern im Status des Täters? Wäre die Tat also weniger widerwärtig, wenn der Täter kein Asylbewerber gewesen wäre?

Und wie kann man überhaupt den Schmerz der Familien, der Freunde und Verwandten der Opfer in einem Atemzug mit der (nun vielleicht vorhandenen) Enttäuschung derjenigen nennen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind?

Für wie naiv muss ich Frau Merkel eigentlich halten, wenn sie offensichtlich meint, ein Terrorist mache sich Gedanken darüber (oder: solle sich Gedanken darüber machen), wen seine Tat trifft? Es ist doch genau das Wesen dieser Art von Taten, dass sie sich eben nicht als mörderische Attentate unmittelbar  gegen hochrangige Politiker richten (bei der sogenannten RAF-Gruppe: Lorenz), gegen Repräsentanten staatlicher Institutionen (bei der RAF: Buback) oder gegen Vertreter der Wirtschaft (bei der RAF: Schleyer) , sondern gegen Menschen, die mehr oder weniger zufällig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sind.

Nun könnte man meinen, in diesen amtlichen Verlautbarungen unserer Kanzlerin käme eine sprachliche Naivität oder gar Verlotterung zum Ausdruck. Das glaube ich aber nicht!

Merkels Worte sind wohl gesetzt! Sie haben eine Funktion!  Und diese besteht darin, einen sprachlichen Schutzwall aufzubauen gegen Vorwürfe wegen des Versagens der Behörden (vom unzureichenden Sicherheitskonzept für Weihnachtsmärkte bis hin zur Erkennung von Gefahren-Potenzialen) und vor allem einen Schutzwall vor einer Debatte wegen der Fehler der Politik Merkels, die zum unkontrollierten Einwandern in die Bundesrepublik geführt haben. Genau dadurch wird ein Schuh aus dem, was Merkel sagt: den Menschen, die tatsächlich unseres Schutzes bedürfen, wird das Leben und Einleben bei uns nämlich in dem Maße erschwert, wie es zu einer ungezügelten, unkontrollierten und vor allem durch die Behörden unbeherrschbaren Einwanderung in kurzem Zeitraum gekommen ist.

Merkel will den Blick von ihrem eigenen politischen Versagen ablenken, indem sie die terroristische Tat mit persönlichen Enttäuschungen der Menschen in der Flüchtlingshilfe verknüpft. Diese Position ist moralisch verlottert, ja, sie ist geradezu von einer zynischen Herzenskälte!

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt: diese Tat wird jetzt wiederum zum Anlass genommen (werden), nach mehr „innerer Sicherheit“ zu rufen. Dies bedeutet: mehr Kameras, mehr Überwachung, mehr Einschränkungen!

Für uns alle!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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