Die Überflüssigen oder Die Grünen. Ein Nachruf

Wenn ich durch das Fenster meines Arbeitszimmers auf die andere Straßenseite schaue, erblicke ich dort an einem Laternenpfahl ein Wahlplakat der Grünen zur Landtagswahl im Mai. Das Plakat steht von der graphischen Gestaltung her in der Tradition der Plakate der letzten Wahlkämpfe. Ist also eine Zumutung, was Raumaufteilung, Farbgebung, Schrifttypologie und Gesamtgestaltung angeht! In der inhaltlichen Gestaltung, besser: in der Versprachlichung  der Aussage steht es ebenfalls in der Tradition der letzten Jahre.Es ist Ausdruck eines krankhaften Zwangs zur Originalität. Man könnte auch sagen: es leidet unter der Lust der Macher am Spiel mit Sprache.

Der eigentliche Slogan (die Parole) lautet „Freiheit sichern!“ Damit diese Aussage aber kein Autofahrer beim Vorbeifahren lesen kann und ein Fußgänger beim Vorbeischlendern auf jeden Fall ins intellektuelle Grübeln kommt, hat sich die Werbeagentur richtig was einfallen lassen! Der Slogan ist in zwei Blöcke aufgeteilt, die untereinander gesetzt sind. Im ersten Block steht schwarz auf weiß „1. FREIHEIT.“, im zweiten dann „2.SICHERN!“. Auf grünem Grund tanzt dazu unter den Textblöcken ein lila-pink eingefärbter Frauentorso – es liegt nahe zu vermuten, es handele sich um die alte Kirmesattraktion „Frau ohne Unterleib“!

Doch zurück zur Parole, die wunderbar das gegenwärtige Dilemma der Grünen auf den Punkt bringt. Einerseits setzt man die Freiheit auf Platz eins, nimmt die Aussage aber gleichzeitig wieder zurück, deshalb der Punkt nach dem Wort. Denn jetzt muss man auch noch etwas zum Thema „Sicherheit“ sagen. Dieses Thema setzt man auf Platz 2, betont es aber durch das Ausrufungszeichen! Wobei „Sichern!“ zwar nicht ungrammatisch ist, aber doch irgendwie verloren klingt!

Was hier zum Ausdruck kommt,  ist etwas ganz Bestimmtes, das typisch ist für die GRÜNEN in diesem Wahljahr: nämlich die Unbestimmtheit. Oder auch: das Diffuse, das Unentschlossene, das Weichgespülte und Gefühlte.

Es ist ja kein Zufall, dass das zentrale Wahlkampfmotto der GRÜNEN – „Zukunft wird aus Mut gemacht“ – nahezu eine postmodernistische textuelle Anleihe bei Nenas Lied „Irgendwo irgendwie irgendwann“ macht, in dem es in der zweiten Strophe heißt:

Irgendwie fängt irgendwann
Irgendwo die Zukunft an
Ich warte nicht mehr lang.
Liebe wird aus Mut gemacht.

 

Die Grünen  bewegen sich seit geraumer Zeit auch im IRGENDWO und handeln IRGENDWIE. Sie sind ein wenig Kretschmann, aber auch ein wenig Hofreiter, sie kritisieren den Einsatz der Kölner Polizei zu Silvester 2016/17, aber auch nicht so richtig, denn wenn Wind aufkommt, räumen sie diese Position wieder (irgendwie muss Sicherheit ja irgendwo sein!)!

Sie wollen irgendwie modern und hip sein, aber ihre Repräsentanten, der immer leicht schwäbelnd-näselnde  Özdemir, der den guten Onkel gibt,  und Frau Göring-Eckardt, die immer so wunderbar pastoral nerven kann und für die Nena wahrscheinlich in ihrem Lied die Zeile geschrieben hat  „Die Zeit ist reif für ein bisschen Zärtlichkeit“ (genau-Zärtlichkeit, aber eben nur ein bisschen!) wirken jedoch irgendwie ziemlich altbacken, irgendwie auch wie zwei alte Eheleute, bei denen Liebe nur noch ein Element der Erinnerung ist, die sich aber ansonsten nichts mehr zu sagen haben.

Dies ist nicht als persönliche Kritik an diesen beiden Personen gemeint, sondern vielmehr so, dass diese beiden Personen genau dem gegenwärtigen Zustand der Grünen entsprechen, die insofern die beiden richtigen Personen zu Spitzenkandidaten gemacht haben.

Die Grünen wirken grau, haben dem hohle Parolen in einer Endlosschleife produzierenden Heiligen Martin der SPD ebenso wenig entgegenzusetzen wie den Rechtsauslegern von CDU/CSU und AfD. Anstatt Schulz zu entzaubern, hält man eher stille und bleibt moderat – man weiß ja nicht, ob es nicht doch noch für eine Koalition unter seiner Führung reicht! Und mit den Rechtsauslegern kommt man nicht zurecht, weil man in der Frage der Inneren Sicherheit und der Flüchtlingsthematik rumeiert, zumindest aber keine klare Kontur mehr hat. Da kommt dann schon mal so eine Parole raus wie „1.Freiheit.2.Sichern!“

Da schreiten die Grünen lieber auf dem Weg der gepflegten Sprachspiel-Phrase weiter. Oder, um noch einmal Nena zu zitieren:
Gib mir die Hand
Ich bau dir ein Schloss aus Sand
Irgendwie, irgendwo, irgendwann.
Die Zeit ist reif für ein bisschen Zärtlichkeit
Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Stand heute haben laut „Deutschlandtrend“ die Grünen in der Gunst der Wählerinnen und Wähler wieder einen Punkt verloren und stehen jetzt nur noch bei 7%.

Aber im Saarland, beim Brexit und bei Trump haben die Forschungsinstitute auch völlig danebengelegen! Das könnte Hoffnung machen! Vielleicht sind es doch noch 10%.

Oder es macht Angst!

Denn vielleicht sind es am Wahltag nur noch…

 

Hinweis: der Verfasser war bis etwa Mitte 2016 rund dreißig Jahre Mitglied der Grünen und rund 25 Jahre für sie kommunalpolitisch aktiv, ist also extrem befangen!

 

 

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7 Kommentare zu “Die Überflüssigen oder Die Grünen. Ein Nachruf

  1. Zitat: Es ist Ausdruck eines krankhaften Zwangs zur Originalität. Man könnte auch sagen: es leidet unter der Lust der Macher am Spiel mit Sprache.

    Ist es nicht eher ein „krankhafter Zwang“ zur populistischen Banalität, dass unsere Sprache immer mehr zum „Kauderwelsch“ verkommt und deshalb ihrem eigentlichen Zweck, der Verständigung, nicht mehr genügen kann?

  2. ich sehe das nicht als gegensatz, weil das sprachspiel sich(technisch gesehen) vom inhalt loslöst und um seiner selbst willen „geil“ gefunden wird. anders: die rhetorische figur kann träger jeglichen inhalts sein und dann natürlich auch die banalität(des inhalts) kaschieren. diese zersplitterung eines satzes in einzelne „wortblöcke“ mit punkt ist eines der zur zeit beliebtesten werbesprachlichen mittel- letztlich hat das aber schon ritter-sport mit der schokolade gemacht: quadratisch.praktisch.gut.
    noch anders:werbesprache(und ihre rhetorischen mittel) ist letztzlich doch eine hure, die mit jedem(inhalt) ins bett geht. nicht ohne grund haben die antiken lehrer der redekunst zwischen richtigem(grammatisch korrektem) und gutem reden(also dem rhetorisch cleveren) unterschieden,weil alle rhetorischen mittel letztlich auf einer abweichung von bzw variation der grammatik beruhen.

  3. in der von-oven-straße habe ich ein plakat der grünen entdeckt, das folgenden text aufweist (incl. #)
    1. Umwelt schützen.
    2. Natur atmen!

    #SummBieneSumm

    Einerseits kommt mir das vor wie eine Vorschrift (wie ein Befehl), was und wie ich zu atmen habe (atmen sie natur, herr m.!).andererseits könnte es aber auch die einladung zu einem esoterischen seminar sein, in dem ich mit natürlichen atemtechniken vertraut gemacht werde (selber atmen in der natur).
    dann ruft der hashtag natürlich den tatort aus münster auf(mit kommissar thiel und professor boerne), und hier die folge 867 mit roland kaiser als stargast und dem folgentitel: Summ, Summ, Summ.und natürlich spielten auch bienen eine rolle!

    und nicht zuletzt: es gibt auch noch das kinderlied/volkslied: summ, summ, summ- bienchen summt herum.
    kurz und gut: hier zeigt sich wieder,wie schon im artikel oben als hinweis gegeben, eine nahezu zwanghafte vorliebe für postmoderne intertextualität!

  4. Ich habe die Grünen immer nur als Außenstehender und – zumindest bis zur rotgrünen Bundesregierung, über die ich mich zuerst gefreut hatte – als Wähler betrachtet. Sie haben sich angepasst und sind langweilig geworden. Langweilig kann ich ihnen verzeihen (das bin ich auch geworden), aber ich könnte jetzt nicht auf Anhieb sagen, was anders werden würde, wenn Bündnis 90 / Die Grünen 50 % der Stimmen bekämen und den ersten türkischdeutschen Bundeskanzler stellen würden. Wahrscheinlich würde weiter alles ins Ungefähre weiterlaufen, wie du es schön in deinem Beitrag beschreibst. Und wenn wir schon bei Nena sind: „Ich hab heute nichts versäumt, denn ich hab nur von dir geträumt …“

    1. stimme deinem letzten satz 100%ig zu;das problem ist nur:die merken das nicht. bezeichnend, was heute im waz-artikel(lokalteil, seite 1) mit dem grünen landtagskandidaten und vorstandsmitglied prekel rüberkommt, der versucht, das umfragetief – bzw. den bedeutungsverlust! – „klein zu reden“, u.a. mit dem satz:wir können auch opposition.
      das ist die fixierung auf die parlamentarische schiene. opposition hieß aber auch mal: hundertausende auf der straße gegen atom, gegen krieg, gegen aufrüstung. aus dieser bewegung sind die grünen hervorgegangen, haben sie aber längst aus dem blick verloren. riefen grüne heute zu einer kundgebung in gelsenkirchen auf, etwa gegen das kriegsgeklapper trumps oder die steigenden waffenexporte der brd, dann käme doch niemand-außer den 10 grünen selbst. erstens käme niemand, weil diese bewegung nur noch flach atmet, zweitens weil die grünen dort bzw. für diese positionen keine rolle mehr spielen.
      dem steht, passend dazu, diese jetzt ausgerufene jämmerliche zweitstimmenkampagne gegenüber-, die, so wage ich zu behaupten- nicht viel bringen wird.mal ganz abgesehen davon, dass das ein altes fdp-modell ist und schon damals erbärmlich war!

  5. Da gibt es jetzt so einen Hype um die National-Liberale FDP…. das ist etwas, was ich noch weniger verstehe – was ist so sexy an dieser Kubicki-Lindner Gruppe, dass sich sogar Grünen Wähler dafür erwärmen…
    Die APO Zeit gibt es nun virtuell als böse, hässliche Parodie im Internet. Die nächsten realen Strassenbewegungen werden wahrscheinlich antiemanzipatorisch sein. Oder als Schlange vor Apple-Stores klappern…

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