Über die Brüchigkeit des Selbstverständlichen. Gedanken während eines Aufenthaltes in Maastricht

Nein, an die Bedeutung Maastrichts für die Entwicklung der Europäischen Union habe ich nicht gedacht. Immerhin: Hier wurden im Februar 1992 mit dem „Vertrag über die europäische Union“ die Weichen für die heutige EU gestellt. Eines der Kernelemente des Vertrages von Maastricht war der Beschluss zur Einführung einer gemeinsamen Währungsunion, ein Beschluss, der uns den EURO gebracht hat, ab 1999 als Buchgeld, ab 2002 dann auch als Bargeld.

Nein, ich habe auch nicht an André Rieu gedacht, der in Maastricht 1949 geboren wurde und regelmäßig im Sommer in seine Geburtsstadt zurückkehrt, um dort während mehrerer  open-air-Konzerte in der Innenstadt seine Antonio-Stradivari-Geige  zu misshandeln.

Ich habe an Selbstverständliches gedacht. An mittlerweile Selbstverständliches für meine Generation, die, auf dem Weg nach Amsterdam und bei der Rückkehr, noch Grenzkontrollen erlebt hat, jedenfalls wenn man mit mehreren Gleichaltrigen in einem klapprigen VW-Variant oder gar einem VW-Bus fuhr, längere Haare hatte und so etwas Ähnliches wie einen Bart im Gesicht trug. Selbstverständlich ist es für uns geworden, dass es keine Kontrollen mehr gibt, dass wir, wenn es nicht die Schilder mit dem Landeswappen und –namen gäbe, überhaupt nicht merken würden, dass wir Deutschland bereits verlassen haben und uns auf dem Territorium der Niederlande befinden.

Selbstverständlich ist es also, sich ohne lange Vorbereitungen in einen Wagen zu setzen und etwa zwei Stunden später in einem Café in Maastricht Platz zu nehmen. Wegen des schönen Wetters natürlich draußen! Und dabei neben einem niederländischen Ehepaar mit einer kleinen Tochter zu sitzen und ins Gespräch zu kommen. Weil unser Jüngster nämlich ein T-shirt mit einem grünen Krokodil trägt und unser niederländischer  Tischnachbar mit diesem wunderbaren, immer an Rudi Carell erinnernden leichten Akzent fragt: „Ist das Schnappi, das Krokodil?“ Und ohne langes Zögern dann die Liedzeilen anstimmt  „Schni-schna-schnappi-schnappi-schnappi-schnapp. Ich bin Schnappi, das kleine Krokodil.“ Und so wird ein (Kinder-)Lied aus dem Jahre 2004 (aus der „Sendung mit der Maus“) zum Gesprächsanlass zwischen Bürgern Deutschlands und der Niederlande im Jahre 2017. Gewiss – kein hochtrabend-intellektueller Diskurs über die Rolle des IWF in der Auseinandersetzung  über weitere Kredite für Griechenland. Aber ein Alltagsgespräch – ohne Vorbehalte und mit einer lässigen Selbstverständlichkeit des Austausches – kurz und kurzweilig!

Am Sonntag nehmen wir an einer Führung durch die Stollen von St. Pieter teil. Aus diesem Berg wurde über Jahrhunderte Kalkstein geschnitten, der zur Errichtung von Kirchen, Gebäuden, Mauern und Befestigungswällen genutzt wurde. Während des II. Weltkrieges wurde  das unterirdische Tunnelsystem ausgebaut, um bei einer eventuellen Evakuierung der Stadt Maastricht Platz für 45 000 Menschen zu schaffen.

Wir schließen uns einer englischsprachigen Gruppe an (eine deutschsprachige Führung gibt es nicht), zu der Amerikaner, (Hongkong-)Chinesen, Menschen aus Süd- und Osteuropa und außer uns noch zwei Deutsche gehören. Es gibt in der Finsternis des Berges  (ständig 10 Grad Temperatur und etwa 95% Luftfeuchtigkeit) kein elektrisches Licht. Also wählt Joe, unser Tour-Führer, zwei Lampenträger aus. Einer davon ist unser Felix, der nun in der Mitte der Gruppe laufen muss. Am Ende der Gruppe trägt Bill aus New Orleans (Louisiana) die Lampe, an der Spitze Joe selbst. Bill ist Koch (regionale Küche), und ich spreche mit ihm ein wenig über die Beseitigung der Schäden, die der Hurrikan Katrina 2005 in seiner Heimatstadt angerichtet hat.

Rund eine Stunde lang wandert unsere kleine Weltgemeinschaft durch den Berg, steht staunend vor mit Holzkohle auf die Wände aufgetragenen Gemälden, blickt in die Dunkelheit von Gängen, die teilweise die Dimension von Kirchenschiffen haben, lauscht Joes Informationen und steht in atemloser Stille für einige Momente in der Schwärze absoluter Dunkelheit, als Joe veranlasst, die Lampen auszuschalten, um uns zu demonstrieren, wie orientierungslos man in dieser unterirdischen lichtlos-schwarzen Welt schon nach kurzer Zeit werden würde.

Zurück in der Hitze der Mittgassonne löst sich die Gruppe nach einem Abschiedsgruß und einem Dankes-Klatschen für Joe auf, jeder geht seiner Wege. Mit der Selbstverständlichkeit, mit der wir, die wir uns ja nicht kannten, zu der gemeinsamen Expedition aufgebrochen sind, um etwas über die Geschichte des Berges zu erfahren, gehen wir nun auseinander, Fremde – für 60 Minuten im Lichte von drei Lampen eine Gruppe, ohne dass unsere Herkunft, unsere Nationalität, unser sozialer Status, unsere Haut-oder Haarfarbe oder erst recht unser Glauben dabei eine Rolle gespielt hätten.

Man mag die geschilderten Begegnungen mit der niederländischen Familie und der Gruppe banal, belanglos, oberflächlich nennen, ihnen jegliche Tiefe absprechen – ich widerspräche nicht. Aber ich sehe in ihrer belanglosen Selbstverständlichkeit ihren Wert oder anders: ich sehe darin einen Wert unserer Art des Zusammenlebens, nämlich frei im Geiste zu sein, Herr (oder Frau) meiner Entscheidungen zu sein, selbstbestimmt, aber doch andere Menschen respektierend, mich auf Begegnungen einzulassen oder auch nicht – ohne dass mir ein religiöser Sittenwächter diese Freiheit nehmen kann. Wie ich, der ich kein Katholik bin, es auch frei entschieden und genossen habe, mich am Sonntag, während der Hitze des Nachmittags, in die dämmerige Kühle  der Maastrichter Liebfrauen-Basilika zu setzen, die Stille einzuatmen, das von der Sonne erleuchtete Farbenspiel der  Kirchenfenster zu bewundern und mich den anwesenden Gläubigen, den anderen Besuchern  und dem Kirchenraum selbst gegenüber respektvoll zu verhalten.

Europa ist, so gesehen, nicht der Krake aus Brüssel, das bürokratische Monstrum mit seiner Verordnungs-und Regulierungswut. Ich denke nicht einen Moment lang an diese Papier über Papier produzierende Schwatzbude der Eurokratie, in der Abgeordnete mit viel zu hohen Bezügen und zu großen Privilegien und Versorgungsansprüchen sitzen.

Europa ist vielmehr die Banalität des Selbstverständlichen, geboren aus dem Geist  der Freiheit und den Ideen der Aufklärung verpflichtet.

Wir haben an diesem Kurzwochenende in Maastricht einmal einen Polizeiwagen und in der Innenstadt zwei Streifen-Polizisten gesehen, aber keine schwerbewaffneten Ordnungshüter und schon gar keine Soldaten in Kampfmontur, an deren Anwesenheit sich unsere Nachbarn in London, Brüssel, Paris und auch in Berlin wohl schon gewöhnen mussten. Auch dort wird über weite Strecken eigentlich Selbstverständliches noch selbstverständlich sein. Aber die Bilder, die wir nahezu im Tagestakt zu sehen bekommen, machen deutlich, wie fragil dieses Selbstverständliche tatsächlich ist, das es aber zu erhalten, nein, mehr noch – zu verteidigen gilt.  Denn es ist das Selbstverständliche, das uns „Vergnügungen“ erleben lässt.

Bertolt Brecht, „Vergnügungen“ [1954]

 

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, Schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, Pflanzen

Reisen

Singen

Freundlich sein.

 

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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