Eine Vision für Gelsenkirchen?

»Wie möchtest Du morgen leben?« Diese Frage wurde nicht zufällig von der CDU in ihrem Wahlkampf mit dem Spruch »Für ein Land in dem wir gut und gerne leben« indirekt beantwortet. Von der Politik wurde, neben der Reaktion auf tagespolitische Themen, früher eine Vision davon entwickelt, wie sie sich eine Gesellschaft, ein Land oder eine Stadt vorstellt.
Neben floskelhaften, allgemeingültigen, Begriffen und Sätzen wie »gerechte Gesellschaft«, »wir kümmern uns«, »niemanden zurücklassen« oder »für die Menschen«, wären das konkrete Vorstellungen davon, wie man, wie wir, in der Zukunft leben wollen.

Für Gelsenkirchen scheint es keine Idealvorstellung davon zu geben. Man scheint die Hoffnung zu haben, dass ein großes Industrieunternehmen allen Arbeit geben wird und alles wieder so wird wie früher.
So wird es nicht kommen.
Und selbst wenn es ein großes Unternehmen gäbe, dass in der Stadt Arbeitsplätze zu vergeben hätte, so würden aus Gelsenkirchen sicher die wenigsten Facharbeiter dort arbeiten.

Was will Gelsenkirchen eigentlich in Zukunft sein?

In der Mitte des Ruhrgebiets. Industriestandort? Pionier für irgendeine Technologie? Wir erinnern uns schwach an die »Solarstadt«. Sollen in den Industrieruinen Trickfilmstudios einziehen? Menschen die Apps programmieren? Start-Ups?

Standortvorteile gibt es – aber sie werden aufgehoben

Schauen wir realistisch nach den »Standortvorteilen« der Stadt und die Vorteile, die sie gegenüber anderen hat.
Ein großer Standortvorteil von Gelsenkirchen ist die Anbindung an gleich drei Autobahnen (eigentlich sogar vier). An die A2 im Norden, an die A 40 im Süden und die A 42 in der Mitte. In Buer gäbe es noch eine Anbindung an die kurze A 52.
Ein weiterer unschlagbarer Vorteil der Stadt: Die Mieten sind sehr günstig. Jedenfalls derzeit.

Über den Gelsenkirchener Hauptbahnhof sind Dortmund und Düsseldorf recht leicht zu erreichen. Natürlich liegt es da auf der Hand, dass Gelsenkirchen eine klassische Pendlerstadt sein könnte. Sowohl für die sogenannten Arbeitspendler, als auch für Bildungspendler, also Studierende und Auszubildende. Eine große Anzahl von Pendlern brächte für sie und ihre Familien den Bedarf an Dienstleistungen mit sich.
Allerdings: Die Verkehrsinfrastruktur ist nicht auf die Anbindung an die Schiene ausgelegt. Schon alleine der Weg zur Westfälischen Hochschule dauert vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof aus etwa 50 Minuten.
Wer in Buer am Rathaus in die Straßenbahn steigt, kann in etwa 30 Minuten am Hauptbahnhof sein. Dort wohnen aber die wenigsten Menschen. Auch wohnen wenige in direkter Nachbarschaft zum Hauptbahnhof und schon gar nicht in der Nähe der Haltestelle »Buer Rathaus«.
Wer in Horst wohnt, könnte in 25 Minuten am Essener Hauptbahnhof sein oder in ähnlicher Zeit am Gelsenkirchener Hauptbahnhof. Die Reise zum Hauptbahnhof geschieht mit dem Bus. Das bedeutet für den Pendler, dass er in der Regel nicht pünktlich ist. Sowohl die Verbindung Horst-Innenstadt, die Grothusstraße, als auch die Nebenstraßen sind regelmäßig überlastet und die Verkehrsbelastung wird tendenziell zunehmen.

Gelsenkirchen-Horst, Haltestelle Buerer Straße, von Marc Schuelper (Fotografiert am 30 April 2005) [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons

Dafür gibt es auf der Grothusstraße einen wunderschönen Grünstreifen. Von Horst bis in die Innenstadt. Man muss keine Straßenbahn bauen (den Vorschlag gab es bereits, ist aber versandet), vielleicht würde es schon eine Busspur für einen verlässlichen Bus tun? Das würde eine Fahrzeitverkürzung auf 15 Minuten mit einer Aufwertung der Standorte an der Grothusstraße bedeuten. Vielleicht braucht es auch vollkommen neue Konzepte. Großkabinen-Hängebahnen über vorhandenen Straßen -um überlastete Straßen zu entlasten? Eigentlich sind der Phantasie hier keine Grenzen gesetzt. Natürlich steht vor einer Realisierung eine nüchterne Kosten-Nutzen Analyse. Ideen zu sammeln dürfte aber erlaubt sein?
Wie sieht eine Anbindung der, gerade entstehenden, Wohn- und Gewerbegebiete »Graf Bismarck« aus?

Von Osten nach Westen

Die einzige Ost-West Verbindung ist (neben der Autobahn 42) die Uferstraße und der Umweg über die Innenstadt. Die ist bei Fußballspielen oder Veranstaltungen in der Veltins-Arena und bei Stau auf der A42 regelmäßig total überlastet. Hier müsste ein neues Konzept her.
Das hätte man allerdings machen müssen, bevor man die Brücke dort abgerissen und neu errichtet wird. Nun werden Fakten geschaffen und ein Konzept zu einer zukünftigen Entlastung des Verkehrs wurde nicht vorgestellt. Für die Strecke gibt es kein ÖPNV-Gegenstück.
Man könnte »klein« beginnen und sich überlegen, ob man den Verkehr an Veranstaltungstagen direkt vor und nach den Veranstaltungen nur noch in eine Richtung, dafür dann aber zweispurig laufen lassen könnte. Das dürfte auch die Emissionen der stehenden Fahrzeuge ein wenig einschränken.
Ab Dezember 2017 wird diese Straße vollständig wegfallen. Wer an einem Morgen, oder zur Abendzeit, schon einmal auf der Grothusstraße unterwegs war, wird ahnen können, dass der Verkehr dort vollständig zum Erliegen kommen wird. Eine »Umfahrung« der Uferstraße dürfte durch die Innenstadt über die Florastraße verlaufen. Eine Umfahrung über die Gewerkenstraße Richtung Kurt-Schuhmacher-Straße dürften die Anwohner wenig amüsant finden. Die Fahrtzeit von Horst Richtung Innenstadt wird sich also weiter erhöhen.

Möglichkeiten?

Etwa 230 Kilometer entfernt von Gelsenkirchen tun sich große Dinge. In Antwerpen. Das klingt weit weg. Der Hafen der belgischen Stadt ist jedoch ein bedeutender Umschlagplatz für Güter. Wurden 2001 etwa 130 Millionen Tonnen importiert, so waren es 2016 schon etwa 210 Millionen Tonnen und die Kapazität wird weiter ausgebaut. Es wird also mehr Gütertransport aus und in alle Länder Europas geben. Nur ein Teil der Transporte werden über die Schiene abgewickelt. Es wird mehr Gütertransporte auf der Straße geben. Viele der Transporter werden von Westen nach Osten fahren und natürlich aus dem Osten den Hafen von Antwerpen anfahren. Sie werden also das Ruhrgebiet passieren müssen. Die Frage die sich Gelsenkirchen eigentlich stellen müsste, wäre doch: Wie können wir an dieser Entwicklung mitverdienen?
Schon heute stellt der Bund nicht ausreichend Parkplätze für LKWs in der Nacht zur Verfügung. Was wäre mit einem Autohof in der Nähe der Autobahn? Nutzbar gegen Gebühr? Mit Reservierung möglicherweise? Das nimmt den Fahrern den Stress und generiert hier ein Geschäft. In der Phantasie jedenfalls und an der mangelt es derzeit.

Um witzige Kommentare gleich zu kontern: Ja, der Autor weiß, dass Helmut Schmidt das gesagt hat: »Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.«

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Chajm Guski

Chajm Guski

Chajm ist begeisterter Bewohner des Ruhrgebiets (könnte sich grundsätzlich aber auch vorstellen, woanders zu leben), Herausgeber von talmud.de, Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet, Blogger, Autor von Artikeln und Glossen in der„Jüdischen Allgemeinen”. Zudem ist er ein Early Adaptor der vielen technischen Spielereien, die das Internet jeden Tag hervorbringt. Einige werden auch hier dokumentiert.
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6 Kommentare zu “Eine Vision für Gelsenkirchen?

  1. Eine Busspur auf der Grothusstr. wäre mit Baumfällungen verbunden. Und die gehen in GE gar nicht, wie sich ja schon aus der Sichtachsen-Diskussion bzgl. HSH/MiR ergibt.

    1. Wenn man in letzter Zeit durch die südlichen Stadtteile fährt, dann scheint es dort kein Problem mit der Baumfällerei zu geben. In Heßler und in der Feldmark wurde in den letzten drei Wochen doch recht fleißig gefällt. Da würden die Bäume in der Mitte der Straße kaum noch ins Gewicht fallen.

      1. Das war auch nicht ganz unironisch gemeint. Ich fürchte nur, die Bäume auf dem Mittelstreifen der Grothusstr. sind so prominent wie ihre Artgenossen vor dem Bildungszentrum. Pläne, sie zu fällen, sind deshalb vermutlich nicht mal den Ökostrom wert, mit dem hoffentlich der Server betrieben wird, auf dem diese Plattform läuft 😉

        (Die Feldmarker und Heßler’schen Bäume müssen irgendwie dringend ihre politische Lobbyarbeit stärken, fällt mir dabei übrigens noch auf….)

        J.

  2. mein völlig subjektiver und durch keinerlei Fakten oder Statistiken zu erhärtender Eindruck ist, dass es eine weitere, nicht zu unterschätzende Bremse der sozialen, kulturellen, infrastrukturellen Entwicklung dieser Stadt gibt.

    Einerseits blockieren viele ältliche Erbengemeinschaften mit Wohnsitz irgendwo, aber mit Eigentumsbesitz in GE, eine Entwicklung oder Änderung, dazu kommen holländische Investmentfonds, libanesische Clans aus Schweden und woher auch immer, Moldawier, Albaner, Türken und und und, die alle auf Teufel komm raus Grundbesitz und Häuser in GE kaufen. Über die Schrottimmobilien-Mafia will ich gar nicht erst reden. GE ist seit längerem ein begehrtes Anlageziel für Menschen mit überflüssigem Geld, hart, ehrlich und fair erarbeitet selbstverständlich.

    Aber leider kann man die entweder nicht greifen, finden und schon gar nicht einbinden in ein gemeinschaftliches Handeln zu Gunsten aller… aber.. das ist irgendwie nur so ein subjektives Vorurteil. Eine gefühlte Realität.

    Auf der einen Seite lese ich über genossenschaftliche Bewegungen zur Stadtteilverbesserung durch billigen Wohnraum für Künstler, auf der anderen Seite erlebe ich südosteuropäische Stadtteilveränderungen durch Armutszuwanderung. Wer da resilienter gegenüber den gegenseitigen kulturellen Einflüssen ist, scheint mir längst entschieden.

    Das aber sind alles nur objektiv unbelegbare Erfahrungswerte, Empfindungsstörungen – ich wollte es nur in den Ring werfen.

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