Lies! Der Exodus der Türken und seine Folgen

Gelsenkirchener Beobachter

Monatszeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur
Ausgabe März 2019

Der Exodus der Türken und seine Folgen
Verwaiste Stadtviertel, lange Haare und Leerstände

Eine Reportage von L. Leuchtenträger

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass sich im Vorfeld der Abstimmung über das Referendum für eine neue türkische Verfassung die Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei zuspitzten. Inzwischen ist die Türkei aus der NATO ausgetreten, hat sich Russland angenähert und die politischen Beziehungen zu zahlreichen Staaten der Europäischen Union nahezu eingefroren.
Die im Zuge der damaligen Auseinandersetzungen um die Einreise türkischer Ministerinnen und Minister gewachsene Entfremdung gipfelte in den Vorwürfen der türkischen Seite, Deutschland sei von Nazis beherrscht und würde türkischstämmige Bewohner des Landes systematisch benachteiligen und diskriminieren. Die im Sommer 2017 ergangene Aufforderung des türkischen Präsidenten Erdogan an alle in Deutschland lebenden Türken, das Land zu verlassen und in die Türkei zurückzukehren, hat ihre Spuren hinterlassen. Auch in Gelsenkirchen! Weiterlesen… „Lies! Der Exodus der Türken und seine Folgen“

Les Temps Perdus – Zeit sich auf die Suche nach verlorenen Dingen zu machen …….

Der Beitrag von Bernd Matzkowski ist der erste einer geplanten Reihe über Dinge/Gegenstände, mit denen Kindheits- und Jugenderinnerungen verbunden sind. Das können Alttagsgegenstände aller Art (bestimmte Küchen-oder Haushätsgeräte), Spielzeuge oder Gegenstände des öffentlichen Raums sein (Briefkasten,Telefonzelle, Wartehäuschen). Die Redaktion ruft dazu auf, uns Beiträge zu solchen Dingen zu schicken, mit denen eigene Erinnerungen verbunden sind – möglichst auch mit einer Abbildung oder einem Foto. Wir würden uns freuen, wenn durch eine zahlreiche Beteiligung ein unterhaltsamer, lehrreicher, interessanter und vielleicht manchmal auch skurriler, immer aber individueller Blick in die gemeinsame Geschichte geworfen werden könnte.
 
Le Temps Perdus

 

Streit um Raubkunst


Seit geraumer Zeit schwelt in Gelsenkirchen eine Auseinandersetzung um die Rückgabe des Gemäldes „Bacchanale“ von Lovis Corinth an die Erben. Das Bild ist während der Nazizeit den Eigentümern abgepresst worden; im Kontext der Rassegesetze wurde die jüdische Berliner Eigentümerfamilie gezwungen, ihren gesamten Besitz- und damit auch das Gemälde – zu versteigern. Nahezu die gesamte Familie der Eigentümer wurde Opfer des Holocaust und wurde in Auschwitz und Bergen-Belsen ermordet..

Die Stadt Gelsenkirchen hat das Gemälde 1957 in einer Kölner Galerie für 14 500 DM erworben. Nun ist aber längst klar, dass es sich hierbei um „Raubkunst“ handelt und dass es Erben gibt, die die Rückgabe des Gemäldes fordern. Konkrete Schritte sind, was eine Rückgabe angeht, aber bisher nicht erfolgt. Vielmehr gibt es unterschiedliche Auffassungen, wie mit dem Gemälde verfahren werden soll. So möchte die Stadt u.a. gewährleistet sehen, dass das Bild weiterhin öffentlich zugänglich ist, denkt aber auch an eine Gewinnbeteiligung bei einem etwaigen Weiterverkauf. Die Erben, vertreten durch einen Rechtsanwalt, erwarten die Rückgabe des Gemäldes.Über die Verhandlungen – und darüber, ob es solche überhaut bereits gegeben hat -, bestehen zwischen den Parteien (Stadt und Rechtsanwalt der Erben) unterschiedliche Auffassungen. Nach den Erben hat nun auch die Stadt auf Beschluss des Ausschusses für Kultur die sog. „Limbach-Kommission“ angerufen, die in Fällen von Raubkunst Vorschläge zum Verfahren macht, die aber keinen rechtsverbindlichen Charakter haben.
Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung hat nun eine Gruppe Gelsenkirchener, die sich „Lovis und die Corinthen“ nennt, damit begonnen, Plakate und Flyer zu verteilen, in denen die Stadt als Geiselnehmer des Gemäldes bezeichnet wird.
Die Herrkules-Redaktion hat sich entschlossen, ein zugesandtes Anschreiben sowie einen Flyer zu veröffentlichen, ohne zunächst den Vorgang und die Sache selbst zu kommentieren. Wir wollen vielmehr dazu aufrufen, sich intensiv an der Diskussion zum Thema „Raubkunst“ bzw. „Restitution des Corinth-Gemäldes“ zu beteiligen.

Lovis und die Corinthen

c/o J. Leuchtentrager

Horster Straße 6

45897 Gelsenkirchen 6.8.15

WAZ

Lokalredaktion

Ahstr.

Gelsenkirchen

z.Hdn. Frau E. Höving

Rückgabe des Corinth-Gemäldes an die rechtmäßigen Erben – unverzüglich und ohne Bedingungen!

Sehr geehrte Frau Höving!

Die Tatsache, dass die Stadt Gelsenkirchen das Corinth-Gemälde „Bacchanale“ weiterhin den rechtmäßigen Erben vorenthält bzw. meint, die Rückgabe an Bedingungen knüpfen zu müssen, halten wir für ein Skandalon – und dies nicht nur angesichts der Familiengeschichte der vormaligen Eigentümer des Gemäldes, die hier durch das Verhalten der Stadt um ein trauriges Kapitel erweitert wird.

Natürlich kann man sich wünschen, dass das Gemälde weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich ist. Wünschen – mehr aber nicht! Wie mit dem Bild verfahren werden soll, liegt unserer Meinung nach ausschließlich in der Entscheidungsbefugnis der Erben.

Das Verhalten der Stadt kommt einer Geiselnahme mit Lösegeldforderung nahe (Forderung nach Beteiligung an einem etwaigen Veräußerungsgewinn). Weil wir das so sehen, werden wir ab Samstag diese Position in Form von Flyern und Plakaten verbreiten, einem Kunstwerk angemessen natürlich in künstlerisch-satirisch gestalteter Form.

Ein Belegexemplar fügen wir bei, das gerne abgebildet werden darf.

Mit freundlichem Gruß

i.A. Jochanaan Leuchtentrager

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entführte Partygäste Flyer