Lies! Der Exodus der Türken und seine Folgen

Gelsenkirchener Beobachter

Monatszeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur
Ausgabe März 2019

Der Exodus der Türken und seine Folgen
Verwaiste Stadtviertel, lange Haare und Leerstände

Eine Reportage von L. Leuchtenträger

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass sich im Vorfeld der Abstimmung über das Referendum für eine neue türkische Verfassung die Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei zuspitzten. Inzwischen ist die Türkei aus der NATO ausgetreten, hat sich Russland angenähert und die politischen Beziehungen zu zahlreichen Staaten der Europäischen Union nahezu eingefroren.
Die im Zuge der damaligen Auseinandersetzungen um die Einreise türkischer Ministerinnen und Minister gewachsene Entfremdung gipfelte in den Vorwürfen der türkischen Seite, Deutschland sei von Nazis beherrscht und würde türkischstämmige Bewohner des Landes systematisch benachteiligen und diskriminieren. Die im Sommer 2017 ergangene Aufforderung des türkischen Präsidenten Erdogan an alle in Deutschland lebenden Türken, das Land zu verlassen und in die Türkei zurückzukehren, hat ihre Spuren hinterlassen. Auch in Gelsenkirchen!
Deshalb haben wir uns auf die Spurenbesuche begeben. Wobei wir nicht zwischen Türken mit und ohne deutscher Staatsangehörigkeit unterscheiden!
Gelsenkirchen, einst in der Spitzengruppe der Städte mit einem hohen Anteil türkischstämmiger Bevölkerung, hat in diesen Tagen kaum noch Einwohner mit türkischen Wurzeln zu verzeichnen. Lebten Anfang 2017 noch gut 20 000 türkischstämmige Menschen in Gelsenkirchen, so sind es heute nicht einmal mehr fünfhundert Türken oder türkischstämmige Bürger in der Revierstadt.
Ganze Straßenzüge in einzelnen Stadtteilen sind verwaist, die Wohnungen leer gezogen. Viele Ladenlokale, die einst Friseurläden, Geschäfte mit Haushaltsartikeln oder Lebensmitteln oder türkische Vereinslokale und Cafés beherbergten, sind ohne Nachmieter, seitdem die türkischen Betreiber der Läden fortgezogen sind.
Einer der wenigen Türken, die noch in Gelsenkirchen leben, ist Onur D., Inhaber eines Kiosks im Stadtteil Ückendorf. Onur D. süßt seinen Tee, nimmt einen kleinen Schluck des dampfend-heißen Getränks und sagt: „Ich habe keine türkischen Zeitungen mehr im Angebot, und auch die türkischen Zigaretten habe ich nicht mehr. Alle Türken bei uns in der Straße sind weggezogen. Aber die deutsche Kundschaft ist mir treu geblieben, sonst müsste ich den Laden schließen. Weggehen? Will ich nicht. Meine Kinder gehen zur Schule hier, aufs Gymnasium, meine Frau hat einen guten Halbtagsjob, ich habe nette Nachbarn. Nur dass ich jetzt bis nach Wanne fahren muss, um in die Moschee gehen zu können, ist etwas lästig.“
Ganz deutlich spüren den Weggang der Türken unsere Sportvereine. Bernd M., Trainer bei SW Ge-Süd: „Für uns ist das bitter. Wir haben als kleiner Verein ja alle aufgenommen, nicht nach Leistung ausgesiebt wie die größeren Vereine. Über 90% unserer Spieler waren türkischstämmig. Im letzten Jahr haben wir schon die E-, D, -C-und A-Jugendmannschaften vom Spielbetrieb abgemeldet. Jetzt müssen wir auch die B, F und G abmelden, weil wir nicht mehr genug Spieler haben. Drei Trainer haben den Verein verlassen, mit denen wir über die Jahre gut zusammengearbeitet haben. Wie lange es unseren Verein unter diesen Bedingungen überhaupt noch gibt, weiß ich nicht!“
Drei Jungen drehen auf der Laufbahn Runden, der Wind wirbelt rote Asche auf, eine Eckfahne flattert melancholisch vor sich hin. „Wer sich jetzt noch zum Fußballspielen anmelden will, der geht doch zu einem Verein mit Rasen- oder Kunstrasenplatz. Wir sind da chancenlos“, sagt Bernd M., wirft den kleinen Kompressor an und beginnt damit, Bälle aufzupumpen.
Es riecht nach Haarspray, eine ältere Dame mit silbergrauem Haar sitzt unter einer Trockenhaube. Dieter („Didi“) W., Inhaber eines Friseursalons, hat seine ganz eigene Sicht auf die Dinge: „Mal ganz ehrlich: Die Türken haben doch letztlich das Geschäft ruiniert. Bei den Preisen, die die gemacht haben, konnten wir, die nach Tarif bezahlen, kaum mithalten- von der Qualität der Leistungen mal ganz abgesehen. Jugendliche sind überhaupt nicht mehr gekommen. Die haben sich doch lieber für sechs oder sieben Euro den Kopf von einem in drei Tagen angelernten Hilfsfriseur aus Anatolien versemmeln lassen. 12 Euro bei mir- das war denen doch zu teuer. Und jetzt? Die ganzen Langhaarigen, die wieder rumlaufen, als wenn wir ein Hippie-Revival hätten. Haare bis zu den Schultern und Bärte bis zum Knie. Einfach nur hässlich! Aber wissen Sie was mich freut? Seit die beiden großen Döner-Restaurants geschlossen haben, muss ich nicht durch Berge von weggeworfenen Servietten, Pommes-Schalen und Dönerreste waten, wenn ich morgens in meinen Laden will. Stück für Stück kommt die Beschaulichkeit in unsere Straße zurück!“
Der Weg führt uns zum Rathaus. Hier geht es ja um den Gesamtblick auf die Stadt, nicht um individuelle Vorlieben oder Einzelinteressen. Hier wird über das Leben in unserer Stadt perspektivisch entschieden. Meint man jedenfalls!
Roland. K. blickt aus dem Fenster seines Büros im 3. Obergeschoss des Hans-Sachs-Hauses in Richtung Musiktheater. „Unser größtes Problem sind die Leerstände“, sagt der Stadtplaner. „Da haben wir mit viel Aufwand und Geld die Bochumer Straße aufgewertet, ein richtiges Schmuckstück daraus gemacht, und an anderer Stelle brechen uns ganze Straßenzüge weg. Vandalismus, illegales Hausen in frei stehenden Wohnungen, verdreckte Schaufenster von Ladenlokalen, einige Viertel kann man gespenstisch nennen. Und auch wenn es politisch vielleicht nicht opportun ist, das so zu sagen: in die Leerräume stoßen jetzt andere Gruppen. Da gibt es Machtkämpfe zwischen libanesischen Clans und Großfamilien aus Osteuropa und vom Balkan. Da kommt noch ordentlich was auf uns zu!“
K. nimmt hinter seinem Schreibtisch Platz. Wenn es erlaubt wäre, würde er sich jetzt wahrscheinlich gerne eine Zigarette anstecken. „Was wir dringend in Angriff nehmen müssen, sind die Schulgebäude. Hier müssen die Kollegen vom Referat Schule Vorschläge machen, welche Einrichtungen wir sinnvoll zusammenlegen können und welche dringend zu erhalten sind. Und was erhalten werden soll, muss auch unterhalten werden. Abreißen und renovieren, beide Optionen können gezogen werden. Für die Kinder und Eltern in einigen Vierteln wird das aber bedeuten, dass der Schulweg deutlich länger wird.“
Ob er optimistisch in die Zukunft blickt, was die Entwicklung der Stadt angeht?
K. schaut mich einen Moment an, als redete ich in einer ihm unbekannten Sprache. „Fangfragen beantworte ich grundsätzlich nicht!“
Ich gehe zum Aufzug. Während des Wartens kommt mir Mehmet in Erinnerung. Mehmet war der erste Türke, zu dem ich Kontakt hatte, als ich als Student in den Semesterferien in einer Gelsenkirchener Glasfabrik arbeitete. Er, der Kerl mit den Riesenkräften und Oberarmen, deren Umfang den meiner Oberschenkel übertraf, und ich saßen in den Pausen häufig gemeinsam draußen auf einer Kiste in der Sonne. Zwei Exoten – der komische Student und der Mann mit dem schwarzen Schnauzbart. Über Jahre habe ich Mehmet immer wieder getroffen – am 1. Mai auf der Demo. Irgendwann hat sich Mehmet ein altes Zechenhäuschen gekauft. Er schien hier angekommen zu sein. Und irgendwann haben wir uns dann doch aus den Augen verloren. Ob er wohl auch weggegangen ist, dem Ruf des Sultans folgend? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, wo er doch ein Linker war! Vielleicht versuche ich mal, seine Adresse herauszufinden!

EX ORIENTE LUX

Wir haben einmal mehr Grund genug, uns gen Osten, gen Orient, – noch genauer- gen Türkei zu verneigen. Denn von Woche zu Woche wird deutlich, dass die eigentliche Wiege der Menschheit wohl in der Türkei gelegen hat, unabhängig davon, ob die erste Menschen „Afrikaner“ waren. Denn wie jetzt mehrere Agenturen und Medien melden (etwa oe24.at, aber auch Cumhuriyet) , erhebt die Türkei durch ihren Wissenschaftsminister Faruk Özlü Anspruch auf Teile der Antarktis mit der Begründung, es seien osmanische Seefahrer gewesen, die einst die Antarktis entdeckten.

Dies reiht sich nun ein in eine ganze Linie von Entwicklungen und Entdeckungen, die wir türkischen Erfindern, Wissenschaftlern und Forschern zu verdanken haben. So etwa die Erfindung des Verbrennungsmotors durch Öttö und des Dieselmotors durch Dümler und Bünz.

Bahnbrechend die Forschungen von Sürlüs Dürwün (Hauptwerk: ürügün üf spüzüüs) sowie die erste Mondlandung der üpüllü-Kapsel mit einem Döner-Tier an Bord. Auch die Erfindung der Demokratie im 5. vorchristlichen Jahrhundert (im Stadtstadt Üthün) sowie die Entwicklung des Theaters etwa durch Süphüklüs können sich die Türken auf die Fahne schreiben!

Was wäre die Geschichte der Menschheit wohl ohne die Türken? Wahrscheinlich lebten wir immer noch auf Bäumen, trügen ein Fellkleid und artikulierten uns in Grunzlauten!

Schön also, dass es all diese türkischen Forscher und Entdecker, Wissenschaftler und Erfinder  gegeben hat!

Deshalb,  liebe Türken:

iyiyim, teşekkür ederim