Aus der besten aller Welten (35)

Balsam für die Seele und Antreten beim Amt

 Ich war dabei am Samstag. Ich war einer der (über?) Zwanzigtausend, die nach Buer gefahren und dann in einem schier endlosen Zug in Richtung Arena gelaufen sind. Passend für einen Herren gesetzten Alters mit Mobilitätseinschränkung habe ich – völlig durchgeschwitzt – auf der Höhe einer Wasserverwaltung ein Taxi erwischt, das mich vor dem heimatlichen Fernsehgerät abgesetzt hat.

Am Samstagabend und am Sonntag habe ich in der Glotze noch den einen oder anderen Schnipsel der Aufstiegsfeierlichkeiten nachbetrachtet. Das war es dann aber auch schon!

Am heutigen Morgen war ich gegen Viertel vor Sieben im Sportstudio. Es war dort still, fast unheimlich ruhig. Niemand lief mit einem Schalke-Trikot herum, alle kämpften mit dem Gewichten der Geräte. Null-Partystimmung also! Wie ich fand: Recht angenehm!

Aber dann gibt es – neben Schalke – natürlich noch die andere Seite. Und die bringt die WAZ auf der ersten Seite (gewollt oder ungewollt) in einer Doppelmeldung auf den Punkt: Wir sehen in Farbe die Blau-Weißen auf das Publikum zulaufen, zu schweben, zu hüpfen, die Fäuste ballen und ihre Freude herausschreien. Die Schlagzeile lautet: „Schalke ist zurück!“ Darunter die Unterschlagzeile: „Gelsenkirchen jubelt und feiert: Die Mannschaft steigt wieder in die erste Bundesliga auf!

Unter dem „Siegerfoto“ die graue Alltagswirklichkeit: „Zehntausende Jugendliche perspektivlos“. Und darunter: „Neueste Daten über Jugendliche und junge Erwachsene, die NRW-Schulen ohne solide Aussichten verlassen, erschrecken.“ Anders: Heute mag man für eine Eintrittskarte anstehen. Morgen sitzt man aber in einer Warteschlange beim Amt!

Auf der ersten Seite des Lokalteils der WAZ Gelsenkirchen überschreibt der Chef der WAZ GE seinen (sehr anschaulichen) Beitrag über die samstägliche Stimmung beim Fanmarsch, während des Spiels und nach dem Sieg mit der Zeile: „Der Aufstieg ist Balsam für die Seele der Stadt“. Und er meint das sicher nicht im christlich-religiösen Sinne, sondern in Bezug auf die Freude, die gelöste Stimmung, die Stunden des Glücks und Erleichterung und des Gefühls, etwas schaffen zu können und geschafft zu haben.

Die Stadt Gelsenkirchen ist bei nahezu allen gesellschaftlich relevanten Parametern ganz am Ende und hält die Rote Laterne in der Hand.  Zugleich aber ist Schalke einer der größten Fußballvereine der Welt mit über 220000 Mitgliedern – verteilt auf allen Kontinenten. Und der Verein lebt von seiner Geschichte und seiner Gegenwart.

Und er lebt davon, die Spannung zwischen der Größe des Vereins und der Tristesse der Alltagskultur „Fußball“ auszuhalten!

0 0 Bewertungen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
Meine Daten entsprechend der DSGVO speichern
0 Kommentare
Nach oben scrollen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x