Buer – Ein Beispiel der Stadtentwicklung im Ruhrgebiet

Vortrag von Prof. Dr. Stefan Goch, Institut für Stadtgeschichte, bei der Festveranstaltung der Stadt Gelsenkirchen zum 100. Jahrestag der Verleihung von Stadtrechten an die Gemeinde Buer am 3. Juni 2011

Was ist es, das Buer für seine Bewohner und für Außenstehende, nicht nur aus dem Süden unserer heutigen Stadt, zu einer identifizierbaren und durchaus beliebten Örtlichkeit macht?

Der Hinweis auf die Liebe zur näheren Heimat macht deutlich, dass Räume nicht nur Produkte objektivierbarer Strukturmerkmale sind, sondern auch als – Achtung ein Begriff aus der amerikanischen Stadtsoziologie – „’mental maps“ in den Köpfen von Menschen existieren. D.h. es gibt bestimmte kognitive Raumvorstellungen bzw. kognitive Karten von Individuen und Gruppen als subjektive Wahrnehmungen und Bewertungen von Räumen. Dabei sind aber mit der mentalen Konstruktion einer Region notwendigerweise deren ökonomische, soziale und politische Realitäten verbunden. Wenn Sie sich prüfen, wissen Sie ziemlich genau, was Sie von verschiedenen Stadtteilen zu halten haben. Wir haben auch noch kleinräumigere Vorstellungen, z.B. was „gute“ und was „schlechte“ Straßen sind. Wir verfügen also über Karten im Kopf, die mit Vorstellungen über soziale und räumliche Prozesse, über die in bestimmten Gegenden lebenden Menschen und deren Denk- und Verhaltensweisen verbunden sind. Damit sind etwas diffuse Auffassungen verbunden, was ein städtisches Gemeinwesen ist und wie man in den verschiedenen Teilen des Gebildes Stadt so lebt.

Wir haben eine oder auch mehrere Vorstellungen von Innenstädten, Bahnhofsvierteln, Speckgürteln, Hochhaussiedlungen der 1960/70er Jahre. Wenn ich es kurz mit Buer-Bezug anekdotisch machen darf: Da telefonierte ich vor einiger Zeit mit einer Studentin, die unser Institut besuchen wollte, und musste erklären, dass unser Sitz und auch unser Archiv im Wissenschaftspark ist und nicht in der Dokumentationsstätte in Erle. Freundlich wollte ich den Weg erklären, wobei ich erfuhr, dass die Studentin in Buer wohnte und nach eigener Aussage schon drei- bis viermal im südlichen Stadtzentrum gewesen war, sich also nicht wirklich auskannte. Auf meine Frage nach dem Startpunkt ihrer anstehenden Reise in den Süden, wurde mir eine soziale Kartierung mitgeteilt: „Cranger Straße – aber oben!“ Mit der sozialen Kartierung, mit dem Wissen um unterschiedliche Lebensweisen und Mentalitäten sowie den Vorstellungen zu einem Zusammenleben in der Stadt oder auch dem Getrenntleben in der Stadt ist etwas ungenau die Charakteristik einer Stadt angesprochen. Das nennen wird dann gemeinhin Urbanität, wobei Städte unterschiedliche Urbanitäten haben oder auch ihnen unterschiedliche Grade von Urbanität zugesprochen werden. In der frühen Form der Stadtforschung der Chicago-School definierte Louis Wirth 1938 Urbanität als einen „Way of Life“. Ich möchte mosaikhaft und sicher manchmal etwas holzschnittartig diesen Way of Life in Buer und die damit verbundenen Identitäten ein wenig beleuchten, werde mich dabei aber auf den Prozess der Stadtwerdung konzentrieren, nur ab und zu zurückblicken oder auf längere Entwicklungslinien in die Gegenwart hinweisen.

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Stefan Goch

Stefan Goch

Stefan Goch ist Jg. 1958, Sozialwissenschaftler, Dr. soc., Leiter des Instituts für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen, apl. Prof. an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum

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