Der Bruderkuss von Mythos und Ideologie

Es ist schon eine Überlegung wert, dass zwei in ihrer Anlage so unterschiedliche Aussageformen beständig miteinander verknüpft sind.

In Teilen der modernen Mythentheorie werden Mythos und Ideologie gar als gleich gesetzt bzw. als Voraussetzung gesehen.

Dort werden einerseits Alltags-Mythen zur kollektiven Besessenheit bzw. zur schöpferischen Voraussetzung von Ideologien (z.B. „Politiker machen sich eh’ alle nur die eigenen Taschen voll“), andererseits neue, nicht geschichtlich-erzählende Mythen als Ideologien selbst verstanden (z.B. „Im Internet herrscht Freiheit, die es zu verteidigen gilt“).

Unterschiedlich sind Mythos und Ideologie aber nicht nur in ihrer zeitlichen Ausrichtung. Mythen beziehen sich auf Ereignisse der Vergangenheit, Ideologie, verstanden als Lehre von den Vorstellungen und Erscheinungen (was Schein ist und erst noch wahrhaftig werden muss) beinhaltet immer Utopie und weist somit in die Zukunft. Inhaltlich unterliegt der Mythos mit seinen wahren geschichtlichen und persönlichen Hintergründen in seiner historischen Dimension der Macht des Faktischen. Ideologien als Konzept beschreiben Hoffnungen und Wünsche, mithin also Ideen oder Ideale, die bestenfalls Wahrscheinlichkeit werden können. Der Mythos hat immer personalisierte Elemente, die Ideologie an sich als Gedankengebäude kann sie nicht haben. So beschreibt der Mythos in seiner erzählenden Dimension historische Aktionen und Reaktionen von Personen. Die Ideologie bietet dagegen visionäre Reaktionen auf (unbefriedigende) Aktionen der Gegenwart an. Solange sie Alternativen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit der Realisierbarkeit zum bestehenden Zustand anbietet, gilt sie ja auch als aktuell und ist als Gedankenmodell Bestandteil der Auseinandersetzungen der Gegenwart. Während beim Mythos die historischen Gegebenheiten festliegen, allenfalls die Interpretationen sich unterscheiden, ist die Ideologie in sich korrigierbar, in ihrer Struktur und Inhalten ein Prozess. Verliert sie diese Qualität, wird sie zum Dogma.

An dieser Stelle zeigt sich die Affinität von Mythos und Ideologie. Die Personen des Mythos (z.B. Herkules) sind Helden in einer Geschichte, die in anderen Zusammenhängen zitiert und beschworen, mit ihren Eigenschaften oder Aussagen, als Beispiele oder Vorbilder geschichtlich wie in den aktuellen Diskussionen funktionalisiert werden. Der Ideologie fehlt es an heroischen Personen, die eine Theorie in die Praxis umsetzen könnten. Die Zukunft muss ja erst zeigen, ob es eine solche Person (oder Gruppe) überhaupt geben kann. Um aber eine höchstmögliche Wahrscheinlichkeit einer Verwirklichung zu schaffen, sucht sie sich ein menschliches Gesicht zu geben. Denn die Identifikation mit einer Idee funktioniert wirkungsvoller, wenn sie an eine Person geknüpft ist. Deshalb bemühen die Vertreter einer Ideologie Personen mit besonderen Fähigkeiten, mal feiern sie den Urheber als Mythos oder gerne auch gleich sich selbst. Dogma ist die gescheiterte Ideologie, die gegen die Gesellschaft oder die Menschen Regeln und Lehrsätze verkündet, die sich nur durch Gewalt umsetzen lässt. Verantwortungsbewusste demokratische Gesellschaften reagieren auf Veränderungen sinnvoll, flexibel und nicht statisch dogmatisch. Zur Natur des Menschen gehören Neugierde und Experiment. Dogma bedeutet Scheitern. Dogmatiker sind an der Wirklichkeit gescheiterte Helden.

Der interessante Versuch von Lüpertz, dem Herkules am Gelsenkirchener Nordstern-Schachtgebäude eine auf den Ort bezogene zeitgeschichtliche Dimension zu geben, kaschiert aber wohl nur seine Idee von sich selbst als Künstlerfürsten. Die sich auf die Figuren aus der Antike beziehenden Titel seiner skulpturalen Selbstportraits (Apoll, Aphrodite, Daphne) zeigen auf, wer die Angesprochenen sein sollen:

Die geldpotenten Bildungsbürger, die sich in der restaurativen Kulturpolitik der öffentlichen Hand wieder finden. Als eine endlose Reproduktion seines Selbstverständnisses („Man erfindet Vorteile selbst.“) und von sich selbst als öffentliche Person, ist es eine wirkungsvolle und energiesparende Strategie, eine nette Geste der Pop-Kultur.

Die Kunst selber ist bestenfalls langweilig und keineswegs so provokant, wie es gerne vermittelt wird.

 

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Uwe Koch

Uwe Koch

Uwe H. Koch wurde 1958 in Gelsenkirchen geboren und wohnt und arbeitet z.Zt. in Dortmund. Vor 1982 Musik – Songwritingversuche/ Texte und Gitarre/ Lyrik Ab 1984 ca. Bilder – kleine bis mittelgroße Ausstellungen/ autonome Finanzierung des Ausstellungsbetriebs 1984-88 Publizistik- u. Kommunikationswissenschaften, Neugermanistik, Philosophie und Kunstgeschichte – Uni Bochum 1988-1996 Architektur – Uni und FH Dortmund 1996 Dipl.-Ing. Architektur/ Freiberufler Mitglied der KulturMeileNordstadt in Dortmund Kunstverständnis: BasisKunst – Freie Kunst außerhalb der üblichen Vermarktungsmechanismen

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