Herkules mir graut’s vor dir…

Oder – Annäherung an einen Luftikus

Der „Herkules“ stand noch gar nicht an seinem Platz, da wurde bereits heftig über Sinn und Zweck dieses Kunstwerks diskutiert, kritisiert und spekuliert.

Es wurde ge-deutet, be-deutet und miss-deutet, gehudelt und genölt und immer wieder gefragt: Was ist das? Was soll das? Wem nützt das? Warum ein antiker Halbgott? Warum nur ein halber? Ein ganzer Bergmann hätte besser gepasst. Nicht zu vergessen der Aufschrei: Was das alles kostet! Hätte man das Geld nicht besser für andere Zwecke verwenden sollen als ausgerechnet für dieses so „hässliche“ Kunstwerk? So wird es noch eine Weile weitergehen mit den Fragen: Wieso, weshalb, warum? Aber nun ist er da, der Herkules von Markus Lüpertz. Seit dem 17. Dezember 2010 steht die 18 Meter hohe und 23 Tonnen schwere Aluguss-Skulptur auf einem eigens dafür errichteten 85 m hohen Sockel. Dieser ist mit dem Förderturm von Schacht II der ehemaligen Gelsenkirchener Zeche „Nordstern“ verbunden, der wiederum um einen fünf Etagen umschließenden Glaskubus aufgestockt wurde. Diese Räume sollen künftig für Büros und Kunstausstellungen genutzt werden. Darüber hinaus ist eine Aussichtsplattform vorgesehen, um Besuchern einen weiten Blick in alle Himmelsrichtungen des Ruhrgebiets zu gewähren. Ich habe mir einen Monat Zeit gelassen, um den Herkules zu besuchen. Er sollte sich erst einmal auf dem umgestalteten THS-Turm im Nordsternpark in luftiger Höhe akklimatisieren. Es war ein kalter und windiger, inzwischen aber wieder schnee- und eisfreier Wintertag, an dem ich mich auf den Weg machte, um mich ganz ungestört, ohne Brimborium und Firlefanz, bei grauen Tageslicht dem Herkules zu nähern. Bei der Anfahrt entdeckte ich dieses Objekt öffentlicher Empörung aus ca. 500 m Entfernung zum ersten Mal „in echt“ auf seinem Podest. Ich war zunächst geschockt von dem lindgrün schimmernden „Glashut“ auf dem rotbraunen Ziegelstein-Turm. Daneben kam mir die Statue ziemlich klein und mickrig vor. Das änderte sich aber, als ich mich Schritt für Schritt vom Parkplatz der Kanalbühne auf das Kunstwerk zu bewegte. Kontinuierlich veränderten sich die Relationen zwischen der mächtigen, aber schlicht-funktionalen Industrie-Architektur von Schupp/Kremmer und der „aufgesetzten“, gewissermaßen „auf die Spitze getriebenen“ Kunstfigur von Markus Lüpertz. Durch die allmähliche Annäherung entstand ein „Zoom-Effekt“, der die Statue selbst immer stärker ins Blickfeld rückte. Gleichzeitig verschoben sich die disproportionalen Körperteile der menschlichen Kunstfigur durch den spitzer werdenden Blickwinkel zu einem scheinbar normal proportionierten Körper. Doch wie und wohin guckt Herkules, der Gelsenkirchener Neubürger aus der Antike? Diese Frage bewegte mich vor allem. Blickt dieser Halbgott, dieser Heros, aufs Revier herab oder darüber hinweg? Er tut weder das eine noch das andere. Lüpertz lässt seinen Herkules in die Weite schauen. Aber nicht in Richtung Südosten und nostalgisch „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Auch das moderne Griechenland mit seinem aktuellen „Augiasstall“ scheint ihm keines Blickes würdig und vermag ihn nicht zu einer neuen Heldentat herauszufordern. Sein Blick richtet sich nach Nordost, dorthin, wo die Arena AufSchalke steht und das Emscherland liegt. Damit wendet er dem Glaskubus sein Hinterteil zu. Das spricht dafür, dass er bleiben will und auch das Zeug dazu hat, ein richtiger Gelsenkirchener zu werden. Nicht nur seine Blickrichtung legt diese Vermutung nahe, sondern auch seine Haltung. Die etwas verschämt vorgestreckte und lässig nach oben geöffnete rechte Hand, deutet auf Ruhri-Mentalität hin, als wollte er zu dem, was er von seinem hohen Sockel sieht, sagen: „nebbich“, „na und“ oder „was soll’s“; möglich wäre allerdings auch – „hamse nich ’n Euro für mich“. Und selbst Haare und Bart sind unverkennbar blau und die Lippen wollüstig rot gefärbt. Wenn das keine Symbolik ist, was dann? Und was ist mit dem „appen“ linken Arm. Sollte der Heros ihn vielleicht bei seinen legendären Heldentaten im Kampf verloren haben? Ist er also ein versehrter, ein geschundener Held, ein verwundbarer Halbgott, der nun seine Waffe, die Keule abgestellt hat, um sie leichsam als ein drittes stützendes Standbein bzw. als Ersatz für den auf geheimnisvolle Weise verloren gegangenen Arm zu nutzen? Denn Standfestigkeit braucht der massige Heros schon an seinem Platz, wenn er da mit seinem vorgebeugten schweren Kopf in seiner kraftprotzenden Selbstherrlichkeit und ahnungslosen Lässigkeit am Abgrund steht – eine geheimnisvolle, symbolische Position kurz vor dem Sturz in die Tiefe…

Nordsternpark

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Peter Rose

Peter Rose

H. Peter Rose, geboren 1935 in Hattingen (Ruhr). Volksschule und Handelsschule. Lehre und Berufstätigkeit als Industriekaufmann. Studium der Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, Abschluss als Diplom-Sozialwirt. 1964 Kulturreferent beim SPD-Parteivorstand in Bonn. Ab 1971 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Beraterstab beim Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn. Von 1975 bis 2000 Beigeordneter für Kultur und Bildung, Jugend und Soziales der Stadt Gelsenkirchen. Seit Oktober 2000 nicht mehr abhängig beschäftigt, aber weiterhin zivilgesellschaftlich beratend auf den Feldern Kunst und Kultur sowie politischer und kultureller Bildung aktiv.
Peter Rose
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