Pop Literatur im Ruhrgebiet

Ruhrgebiet Literaturgebiet

Vorab: Zum Stellenwert der populären Kultur

Als Einstieg ein Zitat. Es stammt aus dem Buch Das große Unterhaltungslexikon (Gondrom Verlag o. J.; auch erschienen in zwei Bänden beim Rowohlt Taschenbuchverlag 1977) von Georg Seeßlen und Bernt Kling.

 

„Mehr als Kunst und ‚hohe Literatur’, mehr als Theater, Oper und Konzert, mehr als Philosophie und Wissenschaft beeinflussen die Massenmedien, die uns zur Füllung der arbeitsfreien Zeit die Ware Unterhaltung anbieten, das kulturelle Klima. Wie frei eine Gesellschaft ist, wie ängstlich oder wie sicher sich die Menschen in ihr fühlen, welche moralischen Standards über das geschriebene Gesetz hinaus das Zusammenleben bestimmen all das lässt sich an der Unterhaltung und ihren Mythen ablesen. In der Ware Unterhaltung spiegeln sich unsere Nöte, Ängste, Bedürfnisse, Hoffnungen und Träume; sie reflektiert unsere Lebensformen.“ (S. 2)

Besser, so meine ich, lässt sich der Stellenwert der populären Kultur kaum darstellen. Da nun die sog. „Unterhaltungsliteratur“ ein wichtiger Teil der populären Kultur ist, gilt diese Aussage auch für sie. Das Zitat macht unter anderem deutlich, dass die besonders in Deutschland oft ge und verschmähte „Unterhaltungsliteratur“ eine kulturelle Bedeutung hat, den so mancher Bildungsbürger nicht wahrhaben will. (Wen interessiert heute noch der sog. Unterschied zwischen U und EMusik? Beatles contra Mozart? Absurd! Bei der Literatur dagegen hält sich diese Ab und Ausgrenzung weit hartnäckiger und dümmlicher.) Anders formuliert:Die populäre Literatur hat nicht nur in sich ihre ganz eigene Werkqualität, sondern sie sagt oft mehr über den Zustand gesellschaftlicher Befindlichkeiten aus als so manches von einer elitären Literaturkritik hoch gelobte Elaborat, das wiederum real von (fast) keinem gelesen wird. Schon allein diese Feststellung ist Grund genug, sich intensiver und ernsthafter mit der GenreLiteratur zu befassen und natürlich auch und gerade mit denen, die sie machen.

Das Ruhrgebiet als Literaturlandschaft

Denke ich in diesem speziellen Zusammenhang an das Ruhrgebiet, so fallen mir zwei Grundrichtungen ein. Einerseits sind es eher heimattümelnde und sozialromantische Geschichten über Taubenvatter Jupps Schrebergarten, Kumpel Anton, die Idylle der Bergmannskolonie oder das Kicken auf staubigen Plätzen, bei dem sich die Kumpels nach der Maloche im Fußball versuchen. Andererseits denke ich an belletristische Beschreibungen klassenkämpferisch gefärbter Konflikte zwischen Arbeitern und Fabrikherren, an Romane über die Mühen und Leiden der Arbeitswelt, an die Schilderung von Arbeitslosigkeit und sozialem Elend oder an Traktate über die geschundene Industrielandschaft. Um nicht falsch verstanden zu werden: Meine Worte sind alles andere als abwertend gemeint, denn diese Texte und Romane sind in der Regel richtig, wichtig und gehören ohne jede Frage zu unserer Geschichte. Gerade im Bereich der Literatur der Arbeitswelt verfügen wir über einen reichen Fundus an Werken, auf den andere Regionen nur neidisch sein können. Wer wissen will, was sich seit dem Aufstieg Gelsenkirchens zur industriellen Großstadt literarisch sonst noch im Sprengel getan hat, dem sei das ausgezeichnete Buch von Herbert Knorr Zwischen Poesie und Leben (KlartextVerlag, Essen 1995) empfohlen. Hier wird u. a. die „Heimatliteratur“ aufgearbeitet, die von Vertretern des konservativen Bürgertums geschrieben wurde, eine Schicht, die es in der Arbeiterstadt auch gab.

Das Ruhrgebiet als kulturelles Klischee

So richtig das alles ist, so bleibt meiner Meinung nach ebenso richtig: Die Ruhrgebietsliteratur in diesem verengten und verkürzten Sinn hat dazu beigetragen, dass letztlich (auch) ganz bestimmte Klischees über das Revier und seine Menschen verbreitet wurden. Bedient wurden, wenn auch in vielen Fällen unbeabsichtigt, Klischees, die die überregionalen Feuilletons hochnäsig aufgriffen, um sie dann ebenso stereotyp wie gnadenlos zu pflegen. Diese Klischees haben nicht unbeträchtlich zu dem beigetragen, was man gemeinhin als „das Imageproblem des Ruhrgebiets“ bezeichnet. Da kommt dann der Steiger zum xten Male, obwohl er schon lange auf Nimmerwiedersehen gegangen ist. Das hatte und hat z. T. fatale Folgen. Aktuellstes Beispiel während der Erstellung dieses Essays: Am 6.4.2011 berichtete die lokale WAZ von der Absage eines Veranstalters, in GE eine Gartenmesse durchzuführen.

Begründung: Angesprochene Firmen von außerhalb hätten geäußert: „Das geht nicht, da (gemeint ist GE, H. F.) ist nichts los, das ist die Hauptstadt der Arbeitslosen. Was sollen wir da?“ Kurz: Gelsenkirchen sei kein Ort „für schöne Dinge“. Ich empfinde es als besonders traurig, dass sich viele künstlerisch gerierende „Ruhris“ aus einem falsch verstandenen Heimatverständnis heraus an der scheinbar immerwährenden Perpetuierung der mittlerweile extrem nervenden und kaum mehr goutierbaren Klischees beteiligen.

Populäre Literatur aus dem Ruhrgebiet einmal anders

Mithin wirkt es fast schon befreiend, wenn man feststellt, dass es Menschen in Gelsenkirchen (und darüber hinaus) gab und gibt, die sich mit anderen Dingen befassen als mit dem aus der Bierpulle trinkenden Rentner an der Selterbude. Sie lassen ihre Fantasie über den Tellerrand der Currywurst schweifen, und sie träumen von Räumen und Zeiten, die nicht nur über den Kanal bis nach Buer, sondern in den Wilden Westen oder sogar in die Galaxis reichen. Das ist ein Pfund, mit dem bisher im Ruhrgebiet wenig gewuchert wurde. Schade, kann man da nur sagen. Die gerühmte Vielfalt des Reviers schlägt sich auch hier nieder wie wir überhaupt zunehmend stärker davon ausgehen sollten, dass es Ruhrgebietsschriftsteller/innen gibt, die dem „Pott“ mehr oder weniger stark verbunden sind, daraus für sich aber nicht zwingend ableiten, nun ständig und immer über das Revier schreiben zu müssen und dann auch noch in den schmalen Mustern, die oben aufgezeigt wurden.

Bekannt und doch nicht bekannt

Wie schon gesagt, geht es mir an dieser Stelle schwerpunktmäßig um jene Menschen, die wichtige Autoren/innen der literarischen Unterhaltung sind, sich auch ganz bewusst als solche verstehen und die gleichzeitig eine direkte Beziehung zu Gelsenkirchen bzw. zum engeren und weiteren Ruhrgebiet haben. Merkwürdig ist, dass sie alle sehr wohl einer breiten, weit über das Revier hinausgehenden Leserschaft mit ihren Namen bzw. ihren Pseudonymen bekannt und manchmal sogar berühmt sind, aber faktisch fast niemand um ihre Bezüge zu Gelsenkirchen bzw. zum Revier weiß. Ich werte das als ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr das genannte Klischee alles in ein Korsett zwingen will. Konsequenz: Schreibende aus dem Revier werden nur deshalb nicht als Ruhrgebietsliteraten identifiziert, weil sie sich nicht (jedenfalls nicht vornehmlich) über das Ruhrgebiet auslassen. Dem steht gegenüber, dass es bei uns eine lebendige Tradition der populären Literatur gibt, die an bekannten Namen festgemacht werden kann. Die Liste im folgenden Abschnitt belegt dies in eindrucksvoller Weise. Nun also zu den Namen, die für das stehen, was ich meine. Mein Auswahlkriterium dabei ist, dass diese Menschen deutschlandweit publiziert haben müssen und damit über eine entsprechende Lesergemeinde verfügen bzw. verfügten. Somit trifft dieses Kriterium auf alle zu, die ich jetzt nenne. (Ach so! Sollte ich den einen oder die andere übersehen haben, der/die auch hätte genannt werden sollen, bitte ich den aufmerksamen Leser um Hinweise bzw. Korrekturen.)

Populäre Literatur aus dem Revier

Die Gelsenkirchener

Ich beginne mit denen, die entweder gebürtige oder Wahlgelsenkirchener waren, aber bereits verstorben sind. Der millionenfach gelesene G. F. Unger, Verfasser vieler WesternRomane, lebte und arbeitete lange Jahre in Gelsenkirchen. Der Gelsenkirchener W. W. Bröll wurde vornehmlich durch seine Science Fiction Romane bekannt. Josianne Maas, Autorin von Liebes und Arztromanen u. a. bei Kelter und Burda, war Gelsenkirchenerin und auch mehrere Jahre Mitglied des Rates der Stadt. Der doppelgesichtige Gelsenkirchener Heinrich Maria Denneborg brillierte mit Kinderbüchern. Der leider so früh von uns gegangene Michael Klaus gehörte zur Creme der Gelsenkirchener Literaturszene.

Zu den lebenden GEAutoren zählen:KlausPeter Wolf, Jugendbuchautor und Drehbuchverfasser, wuchs in Gelsenkirchen auf und machte am GrilloGymnasium sein Abitur. Der Gelsenkirchener Peter Schmidt hat sich mit Romanen wie auch mit Sachbüchern einen renommierten Namen gemacht. Einer der aktuellen Stammautoren der Perry Rhodan Serie, Wim Vandemaan alias Dr. Hartmut Kasper, kommt aus WanneEickel, wohnt aber schon seit Jahren in GEBuer. Das Buch „Sie schreiben in Gelsenkirchen“ Texte, Daten und Fotos von 23 Autoren, 1977 hrsg. von Hugo Ernst Käufer und Hans Jörg Loskill, ist eine Anthologie Gelsenkirchener Autorinnen und Autoren, die in der „Literarischen Werkstatt“ aktiv waren. Hier findet sich der genannte Beitrag von Josi Maas, aber auch Texte von Klaus Peter Wolf und H. M. Denneborg (siehe den Abschnitt über Josi Maas). Das Coverbild stammt von Heinz Stein.

Rauchende Colts: G. F. Unger

Gerd Fritz Unger (geb. 23.3.1921 in Breslau, gestorben am 3.8.2005 in Weilburg/Hessen) war kein Ruhrgebietler im eigentlichen Sinne des Wortes, was sich schon aus seinen grundlegenden Lebensdaten ergibt. Dennoch muss er hier aufgeführt werden, weil er direkt nach dem 2. Weltkrieg nach Gelsenkirchen kam und hier bis 1960 lebte und arbeitete, also immerhin ca. 15 Jahre. Unger studierte als junger Mann Maschinenbau und gewann Ende der 30er Jahren die deutsche Jugendschwimmmeisterschaft. Wie so viele seiner Generation ließ er sich begeistert auf die NaziPropaganda ein und meldete sich beim beginnenden Weltkrieg freiwillig zur UBootFlotte. Nach dem Krieg, den er weitgehend unbeschadet überstand, siedelte er sich in Gelsenkirchen an. Sein erster Auftrag als Mechaniker in Gelsenkirchen bestand witzigerweise darin, die defekte Turmuhr am Rathaus Buer zu reparieren. Schnell arbeitete er sich hoch, sodass er schließlich bei der Firma Siemens leitende Projektfunktionen ausübte. Für uns wird Unger aber erst richtig interessant, als er 1949 beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) einen Hörspielwettbewerb gewann. Das brachte ihn dazu, in seiner Freizeit Abenteuerromane zu verfassen zuerst Seeabenteuer und dann Westernromane. Seine Veröffentlichungen auf dem in den 50er Jahren außerordentlich populären Leihbuchmarkt gestatteten es ihm schon 1951, hauptberuflicher Schriftsteller zu werden. Der Erfolg setzte sich im späteren Heftroman und Taschenbuchmarkt fort. Unger war ein extremer Vielschreiber. Es heißt, dass er auf dem Höhepunkt seiner Produktion fast jede Woche einen neuen Roman vorgelegt hat. Dieses mörderische Pensum war natürlich nicht durchzuhalten, aber Tatsache ist, dass er insgesamt ca. 760 Romane geschrieben hat. (Hier ist übrigens zu berücksichtigen, dass die Romane ungefähr 60 bis 80 Heftseiten umfassen. Er hat also keine Texte produziert, wie wir sie im Schnitt rein umfangmäßig von einem Roman erwarten.) Unger ist der deutsche WesternAutor par excellence. Seine oft im Präsens gehaltenen Arbeiten zeigen den aufrechten Mann, der sich ganz allein auf sich gestellt in der Gefahr bewähren muss. Damit hatte er den Kern des Genres kongenial erfasst und umgesetzt, und das war auch mit Sicherheit der Schlüssel für den enormen Zuspruch, der ihm zuteil wurde. Unger ist ohne Zweifel der erfolgreichste deutschsprachige Westernschriftsteller mit millionenfacher Auflage. Seine Romane wurden zudem ins Englische übersetzt und in die USA verkauft einmalig für einen deutschen Autor in einem Genre, das als uramerikanisch gilt. Und: G. F. Unger ist nicht vergessen! Selbst heute noch kann man in jeder Bahnhofsbuchhandlung und in jedem Zeitschriftenladen seine Hefte und Taschenbücher kaufen. Die dicken Buchstaben G. F. Unger, die einem Markenzeichen gleich jeden seiner Titel zieren, sorgen nach wie vor für den Verkaufserfolg.

Armes Weltall: W. W. Bröll

Über Werdegang und Lebensweg von Wilhelm Wolfgang Bröll (geb. 9.7.1913 in Gelsenkirchen, gestorben am 28.2.1989 in Gummersbach) ist relativ wenig bekannt. Der Gelsenkirchener zog irgendwann (?) nach Köln und schließlich nach Gummersbach, wo er auch starb. Ähnlich wie Unger war er als junger Mann ganz und gar von den Scheinwerten der Nazis durchdrungen, sodass er sich aus freiem Willen und enthusiastisch zum Kriegsdienst meldete. Im Unterschied zu Unger aber hatte er auch nach dem Krieg nichts dazugelernt. Seine Verwurzelung in rechtsnationalistischen Denk und Gefühlsmustern blieb so stark, dass sie sich auch in den Romanen niederschlug, die er nach dem Krieg schrieb vor dem Krieg hatte er bereits einige Krimis veröffentlicht. Sein Hauptbetätigungsfeld bis in die 60er Jahre hinein waren Science FictionGeschichten, die sich aber nur einer SFKulisse bedienten, ohne inhaltlich etwas Neues, wirklich der SF Gemäßes anbieten zu können. Entsprechend wird er in der Kritik verrissen und zwar zu Recht. Der SFKritiker HansJoachim Alpers nennt Brölls Elaborate „Landserromane im SFGewand“. Andere geißeln seinen pathologisch anmutenden Antikommunismus. Dritte prangern seinen Rassismus an, der ständig „die gelbe Gefahr“ beschwört und seine interplanetaren Recken gegen alles wüten lässt, was anders aussieht bzw. eine andere Hautfarbe hat. Alpers kommt in seinem Lexikon der Science Fiction Literatur zu dem Fazit: „(W. W. Brölls) intergalaktische Kriegsberichte (…) konnten sich in den sechziger Jahren nicht mehr durchsetzen und zwangen ihren Verfasser dazu, in andere Gefilde der Subliteratur überzusiedeln, was für die deutsche SF möglicherweise gar nicht hoch genug bewertet werden kann.“ (1. Band, S. 213, München 1980). Die anderen Gefilde, das waren vor allem Jugendbücher, die sich an Fernsehserien anlehnten wie z. B. „Lassie“ oder „Bonanza“. In der Tat gehört Bröll wahrlich nicht zu den Ruhmesblättern der GenreAutoren des Reviers. Dennoch steht er exemplarisch für eine mächtige Strömung der 50er Jahre, die sich gerade auch in den Mythen der Unterhaltungskultur widerspiegelte. Sein schriftstellerisches Wirken hat zwar auch im Rahmen der GenreLiteratur kaum einen Wert, aber als Figur der kulturellen Zeitgeschichte sollte er nicht wegdiskutiert werden.

Herz und Hirn: Josianne Maas

Josianne (Susanne) Maas (geb. 10.1.1921 in Paderborn als Susanne Vahle, gest. 14.2.1986 in Recklinghausen) wohnte und arbeitete über ein Vierteljahrhundert lang in Gelsenkirchen. Sie ist bezeichnenderweise die einzige Frau unter der Autorenriege, die ich hier Revue passieren lasse. Da sie eine ganze Anzahl (ca. 20) von sog. „Frauenromanen“ geschrieben hat (z. B. Liebes und Arztromane, veröffentlicht u. a. bei Kelter, Burda und Bauer), legt das sofort den Schluss nahe, dass sie sich bruchlos als ideologische Vertreterin des reaktionären Frauenbildes der 50er und 60er Jahre einordnen lässt. Wie vorschnell und sogar falsch eine derartige Beurteilung ist, machen folgende Fakten deutlich. 1) Josianne Maas (auch „Josi“ genannt) war in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit eine bemerkenswert vielseitige Frau, die es sehr wohl verstand, intellektuellen Anspruch mit flüssig lesbarer Unterhaltung zu verbinden. Sie schrieb eben nicht nur Heftromane im „Schicksals“Genre, sondern publizierte auch ganz andere Texte. In dem Band Sie schreiben in Gelsenkirchen, 1977 herausgegeben von dem heute fast schon legendären Hugo Ernst Käufer (damals Leiter der Gelsenkirchener Stadtbibliothek und Initiator der berühmten „Literarischen Werkstatt“) und dem ehemaligen Kulturredakteur der lokalen WAZ HansJörg Loskill, findet sich ein treffendes Beispiel, das hier nur stellvertretend für zahlreiche ähnliche Texte von Maas steht. Gemeint ist die Kurzgeschichte Teufelskreis. In ihr geht es um die Diskriminierung psychisch kranker Menschen also um ein Thema, das ganz und gar nicht in eine süßliche und verlogene „HerzundSchmerzLiteratur“ passt. 2) Überhaupt war Josi Maas eine sehr engagierte Frau, die sich gegen soziale Ungerechtigkeiten und gegen die gesellschaftliche Verächtlichmachung von Menschen stellte, die nicht so sind, wie die Masse es gerne hätte. Belege dafür liefert nicht nur ihr literarisches Werk. Ihr ganz praktisches Engagement führte dazu, dass Josi Maas 1975 für die SPD in den Rat der Stadt Gelsenkirchen gewählt wurde. Dadurch hatte ich das Glück, sie noch persönlich gekannt zu haben, und die Jahre, in denen ich mit ihr zusammen Stadtverordneter war, sind mir nach wie vor in bester Erinnerung. Ich kann also auch aus persönlichem Erleben heraus bestätigen, dass Josi Maas alles andere war als das Heimchen am Herd, dessen höchste Erfüllung darin bestand, devote Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu sein und dies entsprechend zu propagieren. 3) Schließlich sind auch ihre Heftromane nicht ohne! Das mag auch gar nicht überraschen, da eine Frau ihres Kalibers mit Sicherheit nicht ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen in die Schublade sperrte, wenn sie sich an die Schreibmaschine setzte, um einen „Frauenroman“ zu schreiben. Sie verstand es, dieses Genre, das wohl von allen populären Literaturgattungen den meisten Hohn und Spott zu ertragen hat (wobei das in vielen Fällen durchaus berechtigt ist), mit Inhalten zu füllen, die zum Nachdenken anregen. Natürlich musste sie im vorgegebenen Regelwerk der Verlage bleiben, wollte sie veröffentlicht werden und damit Geld verdienen. (Daraus machte sie übrigens nie einen Hehl, weil sie, wie sie offen sagte, das Geld für ihr behindertes Kind gut gebrauchen konnte.) Trotzdem: Ausschussware waren selbst ihre „reinen“ Unterhaltungsromane nicht. Insgesamt kann man guten Gewissens sagen das stellen auch Käufer/Loskill in ihrem bereits zitierten Buch fest , dass Josianne Maas ihre explizit kritischen Texte mit ihren Werken populärliterarischer Art durchaus harmonisch zu verbinden wusste. Einen grundlegenden Bruch zwischen ihnen gibt es jedenfalls nicht, und auch das ist eine Kunst, die erst einmal beherrscht werden muss.

Doppelgesicht: Heinrich Maria Denneborg

Heinrich Maria Denneborg (geb. 7.6.1909 in GelsenkirchenHorst, gestorben am 1.11.1987 in Neggio Lugano, Tessin, Schweiz ) war trotz seines Sterbeortes ein urwüchsiger Gelsenkirchener. So war er nicht nur in GE gebürtig und aufgewachsen, sondern er bezog auch ab 1935 eine Wohnung in der Gelsenkirchener Künstlersiedlung Halfmannshof, der er trotz seines Zweitwohnsitzes Neggio bis zu seinem Ende treu blieb. Denneborg, der anfangs bildungs und berufsmäßig keine Meriten erwarb, hatte künstlerisch zwei Standbeine. Das eine waren seine Kinderbücher, das zweite war das Puppentheater. Beides integrierte sich in seiner Orientierung auf eine kindgerechte Vermittlung künstlerischer und moralischer Botschaften. Sein Wirken wurde mit Ehrungen überschüttet, und sein prall gefüllter Terminkalender führte ihn mit seinem „KasperleTheater“ rund um den Globus. Obwohl ihn das Puppentheater nie losließ und er damit große Erfolge erzielte, begründet sich sein eigentlicher Ruhm auf seinen Kinderbüchern. Vor allem Das Eselchen Grisella und Jan und das Wildpferd mit seiner Fortsetzung Das Wildpferd Balthasar wie auch Kater Kasper waren „Renner“ auf dem Kinderbuchmarkt. Sie haben bis heute nichts an Faszination verloren, und sie verkaufen sich nach wie vor gut. In der Tat sind sie allesamt wunderbare Geschichten, die ein Kinderherz und das Herz eines dafür empfänglich gebliebenen Erwachsenen höher schlagen lassen. Denneborg könnte also als makelloser Kinderbuchautor und Puppenspieler in die Geschichte eingehen, wäre da nicht seine dubiose NSVergangenheit. Obwohl im Inneren kein Anhänger der Nazis, biederte er sich aus blankem Opportunismus den braunen Machthabern an und ließ sich und seine Kunst recht willig vereinnahmen detailliert nachzulesen in dem schon erwähnten Buch Zwischen Poesie und Leben von Herbert Knorr (S. 407 ff). Sein Bild als „Schelm“, „guter Onkel“ und „lieber Geschichtenerzähler für Kinder“ bekommt damit einen Riss, den man schwerlich kitten kann.

Grenzgänger: Michael Klaus

Michael Klaus (geb. am 6.3.1952 in Brilon; gest. am 1.6.2008 in Gelsenkirchen Buer) gehört auch nach seinem Tod zur ersten Garnitur der Gelsenkirchener Autoren. Er wuchs in GE als Kind einer Arbeiterfamilie auf und entdeckte schon relativ früh, dass ihm das Schreiben die Möglichkeit gab, die geistige Enge seiner damaligen Lebenssituation aufbrechen zu können. Wahrscheinlich lag aber genau hier der Grund, warum er mit seinen schriftstellerischen Ambitionen auf wenig Verständnis und Zuspruch seines Umfeldes stieß. Das änderte sich erst, als sich Michael Klaus als junger Mann der bereits erwähnten „Literarischen Werkstatt“ anschloss (siehe auch den Abschnitt über Josianne Maas) und dort gefördert wurde. Auf Dauer aber war ihm auch die „Werkstatt“, die sich in ihrem Mainstream auf die sog. „Arbeiterliteratur“ konzentrierte, zu begrenzt, sodass er dann endgültig eigene und unabhängige Wege ging. Mittlerweile hatte Klaus in Bochum und Essen Germanistik und Kunst studiert, eine Familie gegründet und sich ab 1982 als freier Schriftsteller etabliert. Das hört sich glatter an als es war, denn um sich als freier Autor auf dem Markt eine einigermaßen gesicherte Existenz zu verschaffen, bedarf es lukrativer Aufträge und literarischer Erfolge, die nicht auf der Straße liegen und kaum steuerbar sind. Es ist deshalb begründet zu vermuten, dass sich bei ihm zeitweise immer wieder materielle Sorgen einstellten. Andererseits kam Michael Klaus zugute, dass seine große Begabung breit gefächert und deshalb auch vielseitiger verwertbar war. So finden wir in seinem Werk nicht nur Romane, Kurzgeschichten und Satiren, sondern auch Drehbücher für Film und Fernsehen, Libretti, Lyrik und Essays. Daneben hielt er Vorträge, übernahm als Gastdozent Lehrveranstaltungen an verschiedenen Hochschulen, arbeitete im deutschen PENZentrum mit (später sogar als Vizepräsident) und unterstützte politisch verfolgte Schriftstellerkollegen. Überhaupt pflegte Klaus ein klares und offenes Wort und scheute auch bei bestimmten Tagesaktualitäten nicht den Weg in die Öffentlichkeit, wenn es ihm notwendig erschien. Dass ihm Ehrungen und so mancher Literaturpreis zuteil wurden, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt. Das umtriebige MultiTalent Michael Klaus, der Mann, der auf so vielen literarischen Klavieren z. T. virtuos zu spielen vermochte, wurde schließlich nach langem, qualvollem Leiden vom Krebs besiegt. Ihm waren nur 56 Lebensjahre vergönnt gewesen. Wer mehr als eine Ahnung von seinem letztlich aussichtslosen Kampf gegen eine schreckliche Krankheit bekommen möchte, der greife zu seinem bewegenden Roman Totenvogel, Liebeslied (erschienen 2006, also zwei Jahre vor seinem Tod). Was bleibt gerade auch unter dem Aspekt meines Generalthemas zu einer Gesamtwürdigung von Michael Klaus zu sagen? Ich meine: Klaus ist unter allen im Aufsatz vorgestellten „PopLiteraten“ des Reviers in zweifacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Er ist ein Grenzgänger zwischen den Welten. . Einerseits repräsentiert er viel stärker als die anderen den „Ruhrgebietsautor“, der seine Bezüge zum Pott nicht nur z. B. durch seine Herkunft belegt, sondern diese auch inhaltlich in weiten Teilen seines Werks unmissverständlich deutlich macht während das bei vielen anderen nur rudimentär oder überhaupt nicht der Fall ist (was von mir ganz wertneutral gemeint ist). Hier sticht geradezu exemplarisch seine Verbundenheit zum Fußball und zu Schalke 04 hervor, was sich nicht nur in seinem frühen Roman Nordkurve (1993) niederschlägt, sondern auch in dem Musical nullvier Keiner kommt an Gott vorbei, für das er das Libretto schrieb und das im Jahr 2004 zum 100jährigen Jubiläum des Vereins im Musiktheater seine Welturaufführung erlebte. Ein anderes Beispiel: Sein berühmtes Drehbuch zum TatortKrimi Schimanski muss leiden, das übrigens für den GrimmePreis nominiert wurde, spielt zwar nicht in Gelsenkirchen, bleibt aber ohne jeden Abstrich dem Reviermilieu treu Andererseits ist Klaus wiederum nicht der „typische“ Revierautor, der sich auf die von mir eingangs monierten Klischees und das kleine PottPepita reduzieren lässt. In diesem Kontext ist z. B. interessant, dass Klaus ausdrücklich die enge Orientierung der „Literarischen Werkstatt“ auf eine agitatorisch verstandene Arbeiterliteratur kritisierte. Auch deshalb hatte er die Gruppe verlassen. Seine Ruhrgebietsliteratur ist differenzierter, vielschichtiger und realistischer. Einerseits ist Michael Klaus zweifellos ein Genre Autor und ein Vertreter der populären Literatur, so wie es alle anderen Genannten sind. Auch er will unterhalten, und auch er bedient sich ohne viel Federlesens der strukturellen Genre Muster, die z. B. einen Krimi oder eine Liebesgeschichte ausmachen. Andererseits versteht es Klaus, die Genre Muster partiell und zuweilen schon fast subversiv zu überschreiten, zu unterlaufen, ja sogar zu sprengen und ihnen dadurch eine zusätzliche Dimension zu geben. In diesem Sinne ist er der „Grenzgänger“, der sich nicht vom literarischen Regelwerk bevormunden lässt, sondern mit ihm spielt. Alles in allem hätte sich Michael Klaus an prominenter Stelle einen festen Platz in einer Gelsenkirchener „Hall of Fame“ erworben, wenn es sie denn gäbe.

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.
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