Instrumente zur Beurteilung des „Herkules“ von M. Lüpertz

„Jetzt ist der Kappes auf dem Tisch, nun muß der Kappes auch gegessen werden.“ Volksweisheit; übersetzt: Der Herkules wurde vom Volk nicht bestellt, aber jetzt ist er da und nun muß er verarbeitet werden.

Einige Anmerkungen zu „Bildern“ im öffentlichen Raum als Instrumente für eine Beurteilung des „Horster Herkules“ von Markus Lüpertz

Vorbemerkung aus gegebenem Anlass:

Hans Peter Feldmann "David" 2006 - by-nc-sa: Heinz NiskiIch wollte mit diesen Ausführungen Begriffe erläutern, die im Zusammenhang mit der Figur verwendet wurden und auf die Rahmenbedingungen der Produktion zeitgenössischer Bildwerke hinweisen. Urteile zu fällen, wäre erst der nächste Schritt. Dann müssten noch stärker ästhetische Kategorien eingeführt werden, z.B. Nah- und Fernwirkung, Oberflächenbehandlung. Ich habe viele der folgenden Fakten selbstverständlich nicht selbst  herausgefunden, sie sind angelesen aus den verschiedensten Quellen. Während meines Architekturstudiums in Aachen gehörte die Befassung mit alter und moderner Kunst zur Grundausbildung und das lebenslange Lernen hat mir Vergnügen gemacht. Besonders hervorheben möchte ich die systematischen Anregungen aus dem 1984/85 ausgestrahlten „Funkkolleg Kunst“, das 1990 durch eine Nachfolgeveranstaltung über „Moderne Kunst“ ergänzt wurde. (Einer der Autoren des Funkkolleg, Hans Belting, verfaßte später das sehr detaillierte Werk „Bild und Kult – Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst“.)

Bilderlust oder Bilderskepsis in der Vergangenheit

Das Anfertigen von großen bronzenen oder steinernen figürlichen Darstellungen war in den griechischen Stadtstaaten eine häufig geübte Praxis. Es handelte sich um Weihegabe an die Götter oder um Erinnerungsmale für wichtige lebende oder gerade gestorbene Menschen. Als Stifter traten Familien oder religiöse oder politische Gemeinschaften und reiche Privatpersonen auf.

Diese griechische „Bilder-Kultur“, die die Römer weiterführten, bildet für Europa ein wichtiges künstlerisches Erbe. Es existiert eine andere „Kulturlinie“, die das Herstellen von menschlichen Abbildern als gottähnliche Schöpfertätigkeit und damit als Bruch eines religiösen Tabus ansah. Judentum und Islam pflegten keine Menschendarstellungen.

Da mag auch Lebensklugheit mitgespielt haben. „Abbildungen“ sind etwas Starres, geben einen Momentaneindruck wider; sie sind manipulierbar und sollen gerne schon mal „bigger than life“ sein. Heute gibt es in Europa eine fast inflationäre Verwendung des Begriffs „Ikone“. So wie in den USA Sportklamotten nach der griechischen Siegesgöttin Nike benannt oder Saturn-Raketen ins Weltall geschossen werden, werden generell Bilder als „icons“ bezeichnet und der Begriff wurde unreflektiert ins Deutsche übertragen.

In Byzanz gab es einen langen und sehr heftigen Streit über die Verehrung von fast als heilig angesehenen Ikonen oder die Ablehnung von religiösen Bilddarstellungen, den sog. „Ikonoklasmus“. Ikonen durften kopiert, aber in der Form nicht verändert werden. Ihre „Urfassungen“ galten als „nicht von Menschen – oder zumindest nicht von gewöhnlichen Menschen – gemacht“: das Schweißtuch der Veronika, die „vera ikon“ – das „wahre Bild“, sollte der Abdruck des blutbeschmierten verschwitzten Gesichts von Jesus sein und die Madonnenbilder sollten alle auf ein Bild zurückgehen, das der Evangelist Lukas von Maria gemacht hätte.

Dieser Streit tobte zur Zeit Karl des Großen. Der katholische Westen lehnte die rigorose Bilderfeindlichkeit ab, aber im Mittelalter gab es lebensgroße Bildwerke bis auf Grabfiguren fast nur im religiösen Bereich. Die „Reformierten“ waren auch gegen „Götzenanbetung“ (Idolatrie); so sind bis heute z.B. in den Niederlanden die reformierten Kirchen bildlos.

In der „Ostkirche“ sind Plastiken bis heute tabu. Der „lateinische Westen“ wollte mit Bildern religiöse Geschichten nacherzählen, z.B. die Kreuzigung mit der Darstellung von Jesus zwischen Maria und Johannes. Es entstanden Hunderte derartiger Plastik-Gruppen; im Bereich der Ostkirche sind das in der Regel nur ausgeschnittene, auf Blech gemalte Bilder. (Wir können dankbar sein, dass Werbung, – so unangenehm groß sie inzwischen auch geworden ist – in der Regel nur zweidimensional auftritt.) Außerhalb von Kirchen waren im Mittelalter lebensgroße Bilder sehr selten. Bemerkenswert waren eigentlich nur die Roland- Figuren vor Rathäusern oder auf Marktplätzen. Das waren „politische Plastiken“; sie sollten auf besondere Gerichts-Rechte der Gemeinde hinweisen.

Der Sprung zur „öffentlichen bzw. politischen Großplastik“ erfolgte in Italien. Hier gab es eine antike Tradition: Eine der ganz wenigen römischen Großplastiken, die Reiterstatue des Marc Aurel in Rom, war nie eingeschmolzen worden, weil man sie für eine Figur des heiliggesprochenen Kaisers Konstantin ansah. Sie war z.B. auch das Vorbild des „Bamberger Reiters“. An der Außenseite des Domes von Verona gibt es Gräber mit Reiterfiguren von Mitgliedern der Familie der Scaligeri. Der nächste Schritt waren frei vor der Kirche stehende Reiter-Figuren in Padua und Venedig. Weil sich sowohl die Republik Venedig und Klein- Fürstentümer in Italien keine stehende Armeen leisten wollten oder konnten, beauftragten sie für Militäraktionen Söldnerführer, sog. Condottieri, die sie nicht immer gut bezahlten und darum auch schon mal „ehrenvoll“ mit einem Reiterbild entschädigten.

Es wurden aber für diese Aufgabe exzellente Bildhauer gewählt, das machte Schule und so wollten später viele Fürsten ein Reiterstandbild. Dagegen hatte der David des Michelangelo eine andere Entstehungsgeschichte.

Er war eine unmittelbar politische Figur: In Florenz hatten die Bürger die beherrschende Adelsfamilie der Medici aus der Stadt vertrieben. Wie sollte man das feiern und verbildlichen? Da kam die Idee von einer David-Figur auf, von einem wachsamen Helden-Jüngling, dem ein unwahrscheinlicher Sieg gelungen war. Die Figur (ungefähr 5 Meter groß) wurde deshalb bewusst vor dem Rathaus aufgestellt und erhielt auch keinen sehr hohen Sockel. Bis zur Französischen Revolution wurden nur sehr wenig nicht-religiöse Bildwerke auf Straßen und Plätzen aufgestellt. Im 19. Jahrhundert wurden Bildwerke gern zu „Schmuckstücken“ auf Plätze und in öffentliche Grünflächen gestellt. Gelsenkirchen als vergleichsweise späte und arme Stadt besaß und besitzt nur wenige „öffentliche“ Großplastiken. In der „Kaiserzeit“ existierte bis zum Zweiten Weltkrieg in (Alt-) Gelsenkirchen das Denkmal für Wilhelm I. auf dem Kaiserplatz und in Schalke das Grillo- Denkmal. An jüngeren figürlichen – und „nicht-dekorativen“ – Großplastiken wären in der Altstadt die durch Initiative eines Geistlichen, auf Kirchengrund, aufgestellten Figuren des Augustinus und des um sein Glück gebrachten Bergmanns zu nennen.

Die Rolle von Bildern

Es hat eine lange polemische – und letztlich unfruchtbare – Diskussion über den Begriff „Kunst“ gegeben, besonders mit dem „platten“ Verdikt: dieses oder jenes sei keine Kunst. Es ist deshalb hilfsweise der neutrale Begriff „Zeichen“ eingeführt worden, der alles umfassen kann von der Musiknote und dem Buchstaben bis zur Körpersprache und zu komplexen zwei- und dreidimensionalen Objekten. Ein wichtiger Satz aus der „Zeichenlehre“ lautet: Sender und Empfänger müssen die Zeichen in gleicher Weise verwenden und verstehen, denn Zeichen sind Kommunikationsmedien und Bilder sind besonders komplexe und eindringliche Zeichen. Lüpertz bezeichnet sich selbst als „Ikonograf“ – oder läßt sich so bezeichnen; das wäre wörtlich übersetzt der „Bild-Schreiber“ oder „Bild-Macher“.

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Lutz Heidemann

Lutz Heidemann

Lutz Heidemann, geb. 1938 in Dresden, aufgewachsen in Thüringen, Architektur-Studium in Aachen, Nebenfächer Kunstgeschichte und Soziologie, hat von 1972 bis 2000 im Planungsamt GE gearbeitet. Schon früh engagierte er sich als Bau- und Stadthistoriker in Gelsenkirchen und im Ruhrgebiet. Sein Wirken trug nachhaltig zum Erhalt einiger städtebaulich interessanter Gebäude in Gelsenkirchen bei.

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