Kapitel 1 – Wie alles begann

Kapitel 1 „Wie alles begann“

Im zarten Alter von 18 Jahren betrat ein aufgeweckter, aber noch recht naiver Jüngling mit klopfendem Herzen das Büro der Gelsenkirchener SPD, das sich 1968 im Woolworth-Haus an der Bahnhofstraße befand.

Besagter Knabe war ich, und Sie ersehen daraus, dass ich ohne jede Werbung oder gar Überredung von anderer Seite ganz freiwillig und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte in die SPD eingetreten bin. (Ich habe es trotz allem nie bereut.) So kam es zu meiner ersten Begegnung mit Karl-Heinz Wolf in seiner Funktion als Parteisekretär, mit dem ich dann noch so manchen Strauß ausfechten sollte, und der damaligen Bürobesatzung, bestehend aus der resoluten Itta Zintz und der zurückhaltenden Isolde Bandilla. Karl-Heinz Wolf hatte über seinem Schreibtisch, der immer regelrecht mit Papier zugemüllt war, einen Spruch hängen: „Nur das Genie überblickt das Chaos.“ Einmal sagte ich ihm, als er mich wieder geärgert hatte: „Das stimmt zwar, Karl-Heinz, aber leider bist du kein Genie!“ Karl-Heinz Wolf ist im vergangenen Jahr (2008) nach langer, schwerer Krankheit gestorben, und obwohl wir immer wieder aneinander gerieten, habe ich ihn geschätzt, ja sogar gemocht.

Karl-Heinz war Sozialdemokrat mit Leib und Seele, und das ist etwas, das heute Seltenheitswert hat. Mein Entschluss, Sozialdemokrat zu werden, hing mit mehreren Faktoren zusammen. Einmal spielte eine gewisse sozialdemokratische Vorprägung durch mein Elternhaus eine Rolle. Auch Armut habe ich am eigenen Leib erfahren. Als mein Vater 1952 an den Folgen eines Autounfalls starb (ich war zwei Jahre alt), war meine Mutter mit ihren zwei Kindern ganz alleine auf sich gestellt. Da musste – ohne jegliche staatliche Unterstützung – mit dem Pfennig gerechnet werden. Das zog sich über Jahre hin und war streckenweise sehr hart. Ich habe also schon ziemlich früh erkannt, dass in Not geratene Menschen von der Gesellschaft nicht alleine gelassen werden dürfen.

Den Begriff dafür, das „soziale Netz“, lernte ich zwar erst später, der Sachverhalt, den er beschreibt, war mir aber unmittelbar einsichtig. Dann hatte ich ebenfalls schon ziemlich früh meine politische Ader entdeckt. Mir fiel auf, dass es mir Freude machte, mich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen – sei es als Klassensprecher, sei es als einer der Schülervertreter der gesamten Schule. In dieser Funktion durfte ich nach den Girgensohnschen Reformen (etwa um 1968) erstmalig in der Schulgeschichte des Landes an einer Lehrerkonferenz teilnehmen.

Auch meine Mitarbeit an der legendären Schülerzeitung des Grillo-Gymnasiums, genannt ‚Janus’, die zum Teil viel Ärger mit beleidigten Lehrern und verklemmten Lehrerinnen einbrachte, sorgte für erste politische Erfahrungen. Ein Spot: In der dritten Janus-Ausgabe erschien der Artikel „Moderne Sexualität – und der Schüler?“ von Bernd Aulich, der später Redakteur bei der Buerschen Zeitung war und für mich immer zu den besten Journalisten in Gelsenkirchen gezählt hat. In diesem Artikel bediente sich der junge Bernd allerdings noch einer sehr verquasten Soziologensprache. Das hatte den Effekt, dass sein Aufruf zur „freien Liebe“ ungefähr die erotische Ausstrahlung einer Tiefkühltruhe hatte. Trotzdem entfachte eine vertrocknete Philosophielehrerin einen Sturm der Entrüstung mit der Folge, dass Bernd von der Schule gemobbt wurde. Das war das Empörende, nicht der Artikel! Schließlich das wohl ausschlaggebende Moment: Die Studentenbewegung! Die Studentenbewegung, die auch in der Gelsenkirchener Provinz ihre Spuren hinterließ, politisierte mich. Ich verehrte Rudi Dutschke, robbte mich Schritt für Schritt, d. h. Buch für Buch an eine demokratisch sozialistische, marxistisch orientierte Weltanschauung heran und schritt auch zur Tat, indem ich z. B. eine Schülerdemonstration mitorganisierte, die von zwei extra angereisten SDS-Studenten agitatorisch „betreut“ wurde. (Ich weiß gar nicht mehr, wofür oder wogegen wir demonstrierten.

In Erinnerung geblieben ist nur ein schöner Spruch, den wir begeistert skandierten: „Bürger, lasst das Gaffen sein. Kommt herunter, reiht euch ein!“). SDS Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) war ursprünglich eine sozialdemokratische Hochschulorganisation. Mit der Zeit rückte der SDS immer weiter nach links und entfernte sich programmatisch von der SPD, sodass sich die SPD vom SDS trennte (1961). In der Kernzeit der sog. „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) – 1968 bis 1970 – war der SDS die führende politische Organisation der APO. In diese Zeit fielen auch die Kämpfe um den Cola-Automaten in der Schule und den Raucherhof, eigentlich banale Geschichten, die aber doch ihren Stellenwert hatten. Uns wurde nämlich durch die Reaktionen von Teilen des Lehrerkollegiums (in dem sich sogar noch alte Nazis tummelten) immer wieder ganz plastisch bewusst gemacht: Die Adenauer-Ära hatte uns trotz Aufbauleistung ein miefiges und verknöchertes gesellschaftliches Klima beschert, das wie Mehltau das Atmen schwer machte, ganz zu schweigen von der damals allseits üblichen Vergangenheitsverdrängung. Das schrie geradezu nach Reformen. So wurde mir zunehmend klarer, dass die Bundesrepublik Deutschland eine grundlegende Erneuerung bitter nötig hatte, wollte sie zu einem wirklichen demokratischen und sozialen Rechtsstaat werden.

Ich machte mir auch Gedanken über die Frage, wie ein derartiger Prozess zustande kommen könnte. Schon früh erkannte ich, dass nur eine Massenorganisation, die breit im Volk und besonders in der Arbeitnehmerschaft verankert war, derartiges zu leisten vermochte, und das war nun einmal die SPD. Natürlich gefielen mir Teile der aktuellen Politik der SPD und gewisse Vorkommnisse in ihrer Geschichte überhaupt nicht. Andererseits faszinierte mich die Idee des demokratischen Sozialismus – was mich übrigens von Anfang an immun machte gegen jede Form des Kommunismus, also auch gegenüber der DKP oder den ML-Richtungen, die noch schrecklicher waren -, und ich fand, dass sich die historische Bilanz der SPD trotz allem sehen lassen konnte. Andere linke Gruppen, wie z. B. die Trotzkisten, das Sozialistische Büro usw. waren mir zwar durchaus sympathisch, stellten für mich aber wegen ihres Sektierertums keine Alternative dar. Den letzten Anstoß für meinen Entschluss, mich der SPD anzuschließen, gaben die Jungsozialisten. Denn just zu diesem Zeitpunkt begann ihr atemberaubender Aufstieg von einer bürokratisch-langweiligen Abnick-Organisation zu einem politisch bedeutenden Jugendverband mit eigener demokratisch-sozialistischer Identität.

Die sich herausschälenden Konzeptionen der Jusos, zu deren Herzstücken die „systemüberwindenden Reformen“, die „Doppelstrategie“ und der „Marsch durch die Institutionen“ gehörten, begeisterten mich. Das war genau das, was mir immer, wenn auch sehr verschwommen vor Augen gestanden hatte. Jetzt gab es kein Halten mehr, zumal ich auf diese Weise auch einen Ausweg aus dem Dilemma fand, mich einer Partei anzuschließen, deren offizielle Politik ich teilweise ablehnte (z. B. den Eintritt in die große Koalition, die Notstandsgesetze, die Halbherzigkeit der SPD gegenüber dem Kampf gegen den Kapitalismus usw.). Heute sehe ich manches anders, aber damals half es vielen kleinen Mini-Revolutionären à la Hans Frey, mit ihren Widersprüchlichkeiten fertig zu werden. Sie fanden den Weg in die SPD, die sie im Grunde, ohne es zugeben zu wollen, doch liebten. Anders jedenfalls sind m. E. die Jungsozialisten in dieser Zeit nicht erklärbar.

 

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.

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