Kapitel 12: Abnabelung

 Doch gnadenlos tickte die Uhr. Es gibt einen ziemlich konkret zu benennenden Zeitpunkt, an dem ich für mich ganz persönlich das Ende der ersten Etappe meines politischen Lebens festmachen kann.

Es war wieder ein Juso-Bundeskongress, und zwar der von 1975 in Wiesbaden. Als sich dort so gegen zwei Uhr in der Nacht die Juso-Fraktionen darüber stritten, ob der Staat ein „ideeler Gesamtkapitalist sei“ oder „nur als ein solcher wirke“, kam mir schlagartig die Erkenntnis, dass die schöne Zeit der politischen Weltformeln und der Gebrauchsanweisungen zur Schaffung eines makellosen demokratischen Sozialismus vorbei war.

Die Abnabelung von der Welt der reinen Lehren hatte aber schon früher begonnen, und zwar schon zu der Zeit, als ich noch im Bundesausschuss der Jusos war. Meine dortigen Beiträge veranlassten v. a. die Stamokaps dazu, mich zunehmend mehr in eine rechte (!) Ecke zu drücken. Es störte und ärgerte mich nämlich, dass einige Gruppen sich ein Definitionsmonopol über den Begriff „links“ anmaßten. Dabei war ihre Vorgehensweise simpel.

Wie von einer Glaubenskongregation wurden Position X oder Y für „links“ erklärt. Wer das nicht nachplapperte, war dann eben „rechts“. Natürlich war eine Qualifizierung als „rechts“ für jeden Jungsozialisten ein schlimmer Makel, den keiner auf sich sitzen lassen wollte. Deshalb funktionierte die Methode auch bei relativ vielen. Bei mir funktionierte sie nicht, denn ich hatte keine Lust, mir Denkverbote erteilen zu lassen.

Das war übrigens ein Grund mit, warum ich Anhänger der sog. „Bundesvorstandslinie“ war. Hier gab es klare Positionen, aber keinen Dogmatismus, und ich erlebte oft genug, wie BuVo-Mitglieder, die wirklich etwas auf dem Kasten hatten (z. B. Johano Strasser), unter dem gebetsmühlenartig vorgetragenen Ideologiebrei litten. Da ich meine Gewohnheit, meine Meinung laut und deutlich zu sagen, auch bei den Jusos nicht abgelegt hatte, wurde ich nun auch hier für einige Gruppen zum Stein des Anstoßes, wobei sie durch ihr Vorgehen genau das bestätigten, was ich kritisierte. Die Diffamierungsversuche gipfelte in einer regelrechten kleinen Kampagne, sodass z. B. die DKP nahe „Sozialistische Korrespondenz“ in ihrem Käseblatt schrieb, es gäbe eine „Juso-Rechte um Hans Frey“. Im Grunde ließ mich das kalt – bis auf eine Tatsache. Die Kampagne zeigte Wirkung in meinem Juso-Heimatbezirk WW! Auch hier formierte sich Widerstand gegen den „rechts angehauchten“ Frey.

Das wurde zwar nie offen gesagt (man traute sich wohl nicht), aber ich bemerkte bei vielen unbedarften Delegierten ein untergründiges Misstrauen. Das Ende der Scharade: Ich verlor 1974 mein Bundesausschussmandat, das von der Juso-Bezirkskonferenz WW per Wahl vergeben wurde. Richtig gewurmt hatte mich das nicht, da ich in Gelsenkirchen genug zu tun hatte, aber es signalisierte doch so etwas wie eine erste Abkehr vom allerersten Überschwang. Die oben angesprochene nächtliche Erkenntnis in Wiesbaden war somit das Ende eines innerlichen Prozesses, der irgendwann im Jahr 1973 begonnen hatte. Meine politischen Werte und Ideale hatte (und habe) ich mir bewahrt, aber es schien ab 1975 doch angesagt, mehr Pragmatismus und Realitätsnähe walten zu lassen. Der Wiesbadener Bundeskongress der Jungsozialisten war mithin auch der letzte, an dem ich teilgenommen habe. Heute interpretiere ich den Vorgang zudem als das Wachsen der Einsicht, dass es für den großen politischen Rahmen eine bessere und auch sozialverträglichere Orientierung ist, von demokratischen Werten und nicht von vorgegebenen oder gar vorgestanzten Modellen auszugehen. Politik- und Gesellschaftsmodelle sind etwas Feines, wenn sie Hilfen geben, im Meer der Meinungsfluten den Kurs halten zu können. Werden diese Modelle aber zu Korsetts mit Ausschließlichkeitsanspruch, droht Unbill oder Schlimmeres.

In diesem Licht erscheint mir heute das Godesberger SPD-Programm von 1959 gleichbedeutend mit einer Großtat der SPD für eine demokratische Zivilgesellschaft zu sein. Noch das bis dahin gültige Heidelberger Programm von 1925 hatte ja eine marxistische Weltanschauung verbindlich vorgeschrieben, obwohl diese vorher und nachher nie irgendeine Bedeutung für die Realpolitik der SPD gehabt hatte. Die Loslösung der SPD vom Heidelberger Programm durch Godesberg war, so meine ich, in einer gewissen Weise nur die Bestätigung des berühmten Wortes von Karl Marx „Ich bin kein Marxist“. Wer also Teile der Marxschen Geschichtsauffassung und Grundzüge seiner Kapitalismuskritik für richtig hält, muss noch lange nicht für die Planwirtschaft oder den sog. „demokratischen Zentralismus“ sein. Mit anderen Worten: Was ich als Jungsozialist an Godesberg tadelnswert fand, finde ich heute (und schon seit langem) richtig. Aus diesen Überlegungen ersehen Sie vielleicht auch, dass ich immer wieder versucht habe, Neues und Anderes dazu zu lernen. Das ist mir, hoffe ich wenigstens, hier und da sogar gelungen. Quod erat demonstrandum!

Exkurs 1: Parallelwelten

Während meiner bisherigen Schilderungen mag sich so mancher gefragt haben, ob ich eigentlich außer Politik nichts anderes getan habe. (Damals kursierte ein bös gemeinter Witz, der da lautete: „Die Jusos bestreiten alles, nur nicht ihren Lebensunterhalt.“ Wir lachten trotzdem.)

War Hans Frey hauptberuflich „Juso“? War das seine „Ausbildung“ und bezog er hier sein Einkommen? Selbstverständlich nichts von alledem! Alles, was ich ab 1968 bei den Jusos und in der SPD gemacht habe, habe ich neben meiner Ausbildung, neben meinem Beruf und neben meiner Familie gemacht. Erst als ich 1980 in den Landtag einzog, wurde ich Berufspolitiker, u. a. auch deshalb, weil ich aufgrund der Gewaltenteilung meinen Beruf als Lehrer gar nicht mehr ausüben durfte. Nur wegen des besseren Verständnisses ein kurzer Überblick über eine meiner Parallelwelten im Schweinsgalopp:

► 1969 machte ich mein Abitur.

► Dann ging es zwecks Grundwehrdiensts ab zur Bundeswehr, der ich allerdings schon im Oktober 1970 den Rücken kehren durfte, da ich zu diesem Zeitpunkt mein Studium an der sich noch im Aufbau begriffenen Ruhr-Universität Bochum aufnahm.

► 1976 legte ich mein 1. Staatsexamen ab. Es folgte ein einjähriges Referendariat mit dem 2. Staatsexamen. Ab 1977 war ich Studienrat am Grillo-Gymnasium bis zu meiner Wahl zum MdL 1980.

► Zwischendurch hatte ich mich dann auch noch verliebt, geheiratet, einen eigenen Hausstand gegründet und Kinder bekommen.

Ja, Sie haben Recht. Seit 1968 war mein Leben randvoll, und das ist eigentlich so geblieben, obwohl ich seit meinem Ruhestand ab Juni 2005 wesentlich mehr Zeit zum Luftholen habe und vor allen Dingen meine Aktivitäten bedeutend selbstbestimmter gestalten kann als zu der Zeit, als mich noch die Termine jagten. Ich gestatte mir diesen Exkurs auch deshalb, weil ich mittlerweile die Klagen vieler, vor allem auch junger Leute satt habe, die sich über die „drückenden“ Belastungen durch Ausbildung und Studium beschweren und damit ihre politische Abstinenz begründen. Ich will das nicht über Gebühr breittreten, aber doch sagen dürfen, dass hier viel Wind über den Zaun geschaufelt wird. Natürlich gibt es bei diesem oder jenem besonderen Belastungen, und wer sie tatsächlich hat, der braucht sich auch nicht zu entschuldigen.

Für alle hat der Tag nur 24 Stunden! Andererseits werde ich bei vielen den Verdacht nicht los, dass es sich hier nur um Ausreden handelt. Da ich selbst, der ich weder ein Einstein noch der Allerfleißigste bin, das o. g. Pensum plus des politischen Engagements ohne übermäßige Mühe geschafft habe, gehe ich davon aus, dass es viele andere auch können bzw. könnten, wenn sie denn nur wollten. (Nebenbei: Auch ich musste zur Finanzierung des Studiums arbeiten gehen – z. B. im Strangguss-Lager bei der Metallfirma Seppelfricke, bei der Stadtverwaltung oder als Werkstudent beim Falken Landesverband – wo ich übrigens Helmut Hellwig kennen lernte, mit dem mich später v. a. das aktuelle forum verbinden sollte. Das alles war für mich aber kein Grund, in einem fiktiven 20. Semester immer noch kein Examen anzusteuern.)

Okay! Die Entscheidung, sich nicht politisch zu betätigen, sondern lieber Tennis spielen zu gehen oder „Party zu machen“, muss akzeptiert werden. Dies aber mit mangelnder Zeit oder Überlastung zu begründen, finde ich anrüchig. Ich halte es mit den alten Athenern, die die Demokratie erfunden haben. Dort wurde der Begriff „Idiot“ nicht in dem bei uns üblichen Sinn („Blödmann“) gebraucht, sondern genau definiert.

Ein Idiot war der, der sich nur um sein Privatleben kümmerte und sich nicht an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten beteiligte. Ich finde, die Athener hatten damit schon vor 2300 Jahren den Nagel auf den Kopf getroffen. von Hans Frey {jcomments on}

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.

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