Kapitel 19: Konspiration unter dem Apfelbaum

So traf sich denn auf Anregung von Heinz Meya irgendwann im Frühling 1971 (ich meine, es muss in dieser Zeit gewesen sein) erstmalig eine Gruppe von sechs Menschen unter einem Apfelbaum im Garten von Kurt Bartlewski an der Frankampstraße

in Gelsenkirchen-Erle. Außer den beiden bereits Genannten gehörten dazu: Egbert Reinhard MdL, Joachim Poß, Kurt Woiwod und ich.

Heinrich Meya

Zweifellos hat sich Heinz Meya große Verdienste bei der geschilderten Veränderung der GE-SPD erworben. Ohne ihn wäre vieles nicht möglich gewesen. Dies ist m. E. zu wenig gewürdigt worden.

Dennoch hatte er eine Achillesferse. Sie bestand aus meiner Sicht darin, dass er, ein hochintelligenter und gebildeter Mann, politisch zu sehr Taktiker und „Eventpolitiker“ und persönlich zu sehr auf Repräsentationsposten fixiert war. Sein Hang zu klingenden Titeln wie auch seine wiederholten Versuche, sich mit einem internationalen Flair zu umgeben, waren da nur die Spitze des Eisbergs.

Inhaltlich habe ich ihn als sozialdemokratischen Linksliberalen verortet, der sich für den sozialen Ausgleich einsetzte, sich aber bei der Operngala bedeutend wohler fühlte als in der Laubenkolonie. So waren ihm die Jusos wohl auch nur als Bündnispartner wichtig gewesen, während ihm ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen letztlich immer fremd geblieben waren. Mir scheint, dass die politische Isolation, in die er nach 1976 zunehmend geriet, und die schlussendlich zu seinem politischen Scheitern führte, viel damit zu tun hat.

Nebenbei: Der einzig „Neue“ im Bunde war für mich Kurt Bartlewski. Wie mir heute auffällt, ist mir merkwürdigerweise wenig über seine Vorgeschichte bekannt. Jedenfalls stieß er über Heinz Meya zu uns und fungierte in diesen Tagen als eine Art Privatsekretär von Heinz, wie überhaupt Kurts Talente weniger im Inhaltlich-Konzeptionellen, sondern weit mehr im Organisatorischen zu finden waren.

Hinzu kam ein durchaus einnehmender, „kumpelhafter“ Umgang mit anderen Menschen, der aber auch eine doppelbödige Seite hatte.

Egbert Reinhard

Für mich hat Egbert Reinhard als Person und Politiker eine ungleich größere Rolle gespielt als Heinz Meya. Er war für mich Mentor, Ratgeber, Lehrer, Mitstreiter, Kumpel und Freund in einer Person. Dreißig Jahre lang sind wir einen gemeinsamen politischen Weg gegangen, und auch in seinem Ruhestand (bis zu seinem Tod) hatten wir engen Kontakt. Egbert, der ein festes links-sozialdemokratisches Weltbild hatte, war ein ebenso sachkundiger wie gewiefter Politiker. Immer wieder überraschte er mit treffsicheren Einschätzungen und Voraussagen politischer Vorgänge, sodass er auch respektvoll „der Fuchs“ genannt wurde. Natürlich war auch er nicht ohne Fehl.

Seine z. T. rüde Art machte ihn umstritten, und politisch war er in seinen Mitteln zuweilen nicht zimperlich. Das wiederum schmälert seine Leistungen nicht. Dreißig Jahre lang gehörte er zu den dominierenden SPD-Politikern in GE und darüber hinaus. Mit seinen klaren inhaltlichen Positionen, seinem unermüdlichen Einsatz für mehr Demokratie und Gerechtigkeit und mit seinen Erfolgen (z. B. Erhalt der Alten Post, Fachhochschule für Verwaltung u. v. m.) hat er politische Maßstäbe gesetzt, die heute noch zählen. Und dass ohne ihn der Umbruch in den 70ern kaum vorstellbar ist, versteht sich fast von selbst. Niemand (vielleicht außer Kurt selbst) dachte in diesen Tagen daran, dass Kurt Bartlewski einmal Oberbürgermeister werden sollte, geschweige denn daran, welch unrühmliches Ende seine politische Karriere nehmen würde.

Doch davon später. Aus dem ersten Treffen wurden regelmäßige Zusammenkünfte. Hier wurde diskutiert, analysiert und koordiniert. Hier wurden neue Ideen geboren, strategisch-taktische Fragen besprochen und das weitere Vorgehen abgestimmt.

Kurz: Diese „Sechser-Gruppe“ war die wirkliche Keimzelle der Veränderung! Die Gruppe wäre höchstwahrscheinlich nicht (v. a. nicht in ihrer Durchschlagskraft) möglich gewesen ohne das fortschrittliche gesellschaftlich-politische Klima jener Zeit. Andererseits wäre ohne sie der Umschwung in der Orts-SPD auch nicht möglich gewesen. Wir waren es, die das allgemeine, mehr diffuse Gefühl nach Veränderung für die Gelsenkirchener Verhältnisse politisch auf den Punkt brachten. Wir setzten es in wirksame politische Aktion um. Die Gruppe war Initiator und Katalysator zugleich, und die Dynamik, die sich aus ihr entfaltete, sollte ungeahnte Kreise ziehen. von Hans Frey  

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.

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