Jürgen Kramer ist tot oder Die Einschläge rücken näher

Gestern Abend um 20 Uhr 30 übte M. gerade die von mir überarbeitete Fassung eines Vortrags ein, den sie demnächst zum Thema Gerechtigkeit in Bregenz hält.

Ich hockte am PC und sah nach, wie hoch bei ebay der Preis für eine bestimmte Nokia D 90, die ich mir gerne vom Taschengeld kaufen würde, bereits geklettert war.

Plötzlich das Telefon… .Bis ich mich vom Bildschirm losriss, hörte ich M. schon aus der Küche zum Telefon im Flur gehen, irgendeine Verärgerung über die Störung murmelnd. Dann Stille. Und dann ihr „Nein“, mit dem halb entsetzten, halb fassungslosen langgedehnten „eiiii“, das ich so hasse.

Es bedeutet meistens das Ende. Den Tod. Ich gehe raus, stelle mich neben sie. „Jürgen Kramer ist tot“, sagt sie und lauscht weiter auf die Stimme im Hörer. Es ist die von H., Jürgens Ex-Frau, die auch nach der Trennung mit ihm befreundet blieb. Gerade vor einer halben Stunde hatten wir noch mit ihr telefoniert, uns zu einem gemeinsamen Essen verabredet. Kurz danach wurde sie benachrichtigt.

Jürgen ist am Morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Vor einem Monat feierte er sein 63. Geburtstag… Zwei Bilder des Beuys-Meisterschülers hängen bei uns im Wohnzimmer. Kleiner als ein A-4-Blatt., aus seiner dunklen Schaffensphase, in der Tod und Gespenster ein manchmal nur angedeutet schattenhaftes und oft furchterregend direktes Un-Wesen trieben.

Ein weiteres, großes Format steht auf dem Kamin. Griechische Idylle 2, gemalt 2009. Da hatte er die schwarze Phase, in der sich eine existenzielle Lebenskrise künstlerisch niederschlug, längst überwunden.

Es ging wieder aufwärts. Mit ihm persönlich und mit seiner Kunst. Schade, dass ihm nicht mehr Zeit verblieb. Vielleicht hätte sein Schaffen noch einmal auf jenen schmalen Höhengrad geführt, den er vor Jahrzehnten bereits erreicht hatte. Und von dem er – wie so viele Künstler – jäh abstürzte, als er seinem schlimmsten Feind Tribut zollen musste.

Nur wenige, die ihn ganz nah kannten, wussten, dass er damals im Wortsinn ums Überleben kämpfte. In seinen damaligen Bildern hat sich dieser Kampf wieder und wieder materialisiert. So betrachtet, waren all die vielen Jahre danach, die einen neu beseelten, witzigen und lichten Jürgen Kramer zurück ans Licht und auf die Leinwand brachten, geschenkte Jahre.

Und trotzdem: Der Tod hat ihn viel zu früh ereilt. Und im falschen Moment (aber wann wäre es je der richtige?).

In zwei Tagen, am 25. November, sollte er in der Städtischen Galerie Bergkamen den Einführungsvortrag für eine Beuys-Ausstellung (Multiples, Graphiken, Arbeiten auf Papier) halten.

Sie werden dort vergeblich warten. Der Schüler trifft sich – vielleicht – nun woanders mit dem Meister. Das Griechenlandbild schenkte ich M. vor zwei Jahren zum Geburtstag. Ich erinnere mich noch gut an die etwas zähen Honorarverhandlungen mit Jürgen. Seine und meine Preisvorstellungen lagen zunächst etwas weit auseinander. Natürlich weiß ich als kreativ tätiger Freiberufler, dass Künstler auch nicht für Freunde und Bekannte zum Nulltarif arbeiten können.

Mehr noch: Mich ärgert es maßlos, wenn Veranstalter, Kulturämter – und manchmal eben auch gute Bekannte – das Bild vom armen Poeten der von Luft und Liebe lebt, zum Leitbild ihrer Honorarverhandlungen erheben. Und Jürgens Werk war den geforderten Preis allemal wert (Das seine Werke bereits einmal mit fünfstelligen Beträgen gehandelt wurden, wissen wohl ebenfalls nur wenige in dieser merkwürdigen Stadt, die mit ihrem kreativen Potential aller Sparten meist umgeht, als wüchse es täglich auf den Bäumen nach).

Was also tun? Das Bild war es mir wert, Jürgen war es mir wert und M. sowieso. Nur ­– das gesparte Taschengeld von zwei Jahren hätte das Ende aller meiner – zugeben, ein wenig vielen – sonstigen Leidenschaften bedeutet. Jürgen löste das Problem. Mit der simplen Frage, wie viel ich denn zahlen könnte. Zögernd nannte ich Zweidrittel des geforderten Preises. Er überlegte kurz, sagte dann sinngemäß etwas wie „besser zu Lebzeiten geschätzt als später in irgendeinem Depot vergammeln“ und schlug ein. Ich bin ihm noch heute dankbar dafür.

Und außerdem absolut sicher, dass keines seiner Werke je irgendwo vergammeln wird. Tschüss Jürgen! Mit deinem Tod sind die Einschläge wieder einmal näher gerückt.

© Werner Schlegel

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Werner Schlegel

Geb. 1951 in Bayern. Lebt seit 1994 in Gelsenkirchen. Gelernter Bürokaufmann. Kam zum – zunächst journalistischem - Schreiben aus Neigung (erste Artikel mit 16 für heimische Lokalzeitung). In den 80ern Redakteur für Politik bei einem Monatsmagazin und Chefredakteur eines Anzeigenblattes. In den 90ern Pressereferent einer kirchlichen Einrichtung. Heute als freier Autor und Journalist u.a. Öffentlichkeitsarbeit für eine Gewerkschaft. Schrieb und arbeitete bisher u.a. für Die Zeit, Stern, taz, 10 Jahre für das Ruhrgebiets-Magazin Marabo, ZDF und Hörfunk (z.B. WDR / SR / NDR). Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, von Suhrkamp bis Rowohlt. Mehrere eigene Lyrik- und Prosabände. Außerdem Sachbücher, u.a. im Suhrkamp Verlag (mit M.Rullmann). Letzte Buchpublikation 2010. Ab 1999 bundesweite Auftritte mit Solo-Kaba-Programmen: „Ich denke, also spinn‘ ich“, „Hiebe deinen Nächsten!“ und „Der ganz normale Wahnsinn – 10 Leersätze aus einem unnormalen Autorenleben“ (auch auf CD). Seit 1980 Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS). Seit 2006 Leiter der Literarischen Werkstatt der VHS (die insel) Marl. Bisher zwei Preise, für ein Kirchensachbuch (1994) und einen literarischen Essay (2002).
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