Kapitel 21: Von der „Uhle“ zum „Lili-Kreis“

Jenseits dieser mehr politiktheoretischen Überlegungen gab es auch ganz handfeste Gründe, warum der Uhlenkrug-Kreis nach unserem Sieg nicht überleben durfte und konnte.

Schon in seiner Entstehungszeit und dann in seinen Hochzeiten gab es immer diejenigen, die schwerpunktmäßig an neuen Inhalten interessiert waren, während für andere die Personalpolitik im Vordergrund stand. Diese Aussage möchte ich an dieser Stelle noch nicht als Bewertung verstanden wissen, denn die Binsenweisheit, dass Politik von Menschen gemacht wird, impliziert zuerst einmal die prinzipielle Gleichrangigkeit beider Bereiche. Eine neue Politik kann in der Regel auch nur mit und von neuen Personen gemacht werden. Insofern hatte ich auch nie ein Problem damit, über die Neubesetzung von Funktionen und Mandaten zu reden – vorausgesetzt, die Infragekommenden hatten sich inhaltlich ausgewiesen. Hier aber lag der Hase im Pfeffer.

Von Anfang an war der Uhlenkrug-Kreis keine geschlossene ideologische Einheit (etwa im Sinne von „links“, so wie es die Jusos zu verstehen meinten), sondern ein Bündnis von Leuten mit z. T. sehr unterschiedlichen Anschauungen, Einstellungen und Motiven. Ich brachte das damals auf den vergröberten Nenner, dass der Uhlenkrug-Kreis eine Koalition zwischen dem liberalen und dem linken sozialdemokratischen Flügel in Gelsenkirchen sei.

Kurzerhand taufte ich ihn in „Lili“-Kreis um („Lili“ = Abkürzung für links-liberal), und überraschenderweise bürgerte sich der neue Name mit rasender Geschwindigkeit in der Parteisprache ein. Fortan wurde fast nur noch vom Lili-Kreis gesprochen, womit ja indirekt die von mir skizzierte Widersprüchlichkeit der Truppe bestätigt wurde. Tatsächlich war selbst der Begriff „links-liberal“ geschönt, da sich z. B. die mächtige IGBE (Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, heute IGBCE) zu einem tragenden Standbein des Lili-Kreises entwickelte.

Was die traditionell konservative und „rechte“ IGBE dazu veranlasste, bei uns einzusteigen, soll hier nur angedeutet werden. Man muss wissen, dass zu Beginn der 70er Jahre die GE-SPD immer noch eine reine Gewerkschaftspartei war. Mehr oder weniger offen bestimmte die Solidarität zu dieser oder jener Gewerkschaft auch das Abstimmungsverhalten auf dem SPD-Unterbezirks-Parteitag. Nun gab es offensichtlich eine intensive Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Dienst (ÖTV und GdP), der IG Metall und der IG Chemie, welche sich nicht zuletzt an der Gewerkschaftszugehörigkeit der amtierenden Spitzengenossen ablesen ließ – Löbbert: IG Chemie; Urban: IG Metall; Gertzen, Kuhlmann, Nuth: öffentlicher Dienst.

In dieser Konstellation fühlte sich die IGBE an den Rand gedrückt und in der SPD nicht richtig berücksichtigt. Es lag also nahe, sich der aufkommenden innerparteilichen Opposition anzuschließen, um die eigene Position zu stärken. Der dominierende Repräsentant der IGBE im Lili-Kreis war der Gewerkschaftssekretär Heinz Menzel, der dann über zwei Jahrzehntelang zu den einflussreichen Personen in der GE-SPD zählen sollte. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Heinz Menzel nie gemocht habe – und das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Als Student gehörte ich für Menzel zu den akademischen Spinnern, „die noch nie ‚ne Schüppe in der Hand gehabt haben“. Zum Ausgleich war Menzel in meinen Augen ein bornierter Betonkopf mit spießbürgerlichen Ansichten. Es mag sein, dass sich diese Einschätzungen in den folgenden Jahren differenzierten, die Distanz zwischen Heinz und mir ist aber immer geblieben – nicht zuletzt auch deshalb, weil Heinz Menzel auch mit unfairen Mitteln immer wieder versuchte, mir Steine in den Weg zu legen.

Nun gut, in der Politik muss man sich nicht mögen, geschweige denn lieben. Wichtig ist, dass man einigermaßen zusammenarbeiten kann. So akzeptierte ich Heinz Menzel als notwendiges Übel, so wie er mich als leider nicht zu verhindernden Faktor in der Gesamtpolitik zu schlucken hatte. Wir beide wollten schließlich Mehrheiten haben, und die waren ohne Kompromisse nicht zu bekommen. Der Niedergang bis hin zum endgültigen Zerfall des Lili-Kreises hatte aus meiner Sicht mehrere Ursachen mit unterschiedlicher Wertigkeit.

Nachdem die Riege um Josef Löbbert ins definitive politische Aus geschickt worden war – wie das genau geschah, berichte ich gleich -, gab es schlicht keinen Grund mehr für die Weiterexistenz des Lili-Kreises. Denn einerseits waren mit dem Aus auch die „Düppeler Schanzen“ zusammengebrochen, und andererseits konnte man ja schlecht gegen sich selber „konspirieren“. Wir hatten also – übrigens auch aus grundsätzlichen Erwägungen (siehe oben) – ein ureigenes Interesse daran, die Willensbildung der Partei wieder in die dafür vorgesehenen Bahnen zu lenken. So geschah es, und das war auch gut so.

Indes wurde das relativ jähe Ende des Lili-Kreises (gegen Ende des Jahres 1974) durch interne, immer schärfer zu Tage tretende Widersprüche noch beschleunigt. Gab es, wie ich eben aufgezeigt habe, schon von Anfang an eine gewisse Spannung zwischen den Prioritäten Personal- oder Sachpolitik, so tauchten im Laufe unseres zunehmenden Erfolges immer mehr Leute auf, die den Braten rochen und einfach zu den Gewinnern gehören wollten. Pointierter formuliert: Die Zahl der Trittbrettfahrer und Opportunisten nahm in erschreckendem Maße zu. Das korrespondierte mit der sich vehement verstärkenden Neigung v. a. bei Heinz Meya und Kurt Bartlewski, endlich zum Durchbruch zu kommen. Für sie hieß das, auch dort Koalitionen zu schmieden, bei denen es nur noch um Stimmenkontingente, aber nicht mehr um Inhalte ging. Ein absoluter Höhe- bzw. Tiefpunkt dieser Entwicklung traf mich wie ein Hammer, und ich nehme an, einigen anderen ging es genauso.

Eines Sonntagmorgens betrat ich, nichts Böses ahnend und völlig uninformiert über die geheimen Kungeleien, die sich – nicht ohne Absicht – über meinen Kopf hinweg in den Vortagen ereignet hatten, den Versammlungsraum des Uhlenkrugs. Eine der vielen Sitzungen des Lili-Kreises stand wieder an.

Da sah ich ihn! Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, denn inmitten der altbekannten Mitstreiter saß mit treuherzigem Augenaufschlag Hans Gertzen. Er, der das sinkende Löbbert-Schiff erkannt hatte, hatte die Seiten gewechselt!

Ich war empört. Nur – alle meine Emotionen nutzten nichts, denn den machtpolitischen Argumenten konnte ich kaum etwas entgegen setzen. Das Argument: Weder wir noch die Löbbert-Gruppe (ohne Gertzen) hatten die Mehrheit auf dem Parteitag. Damit war Gertzen zum Zünglein an der Waage geworden, denn er verfügte über eine ihm treu ergebene Anhängerschaft von ca. vierzig Delegierten. (Deshalb nannte ich ihn von da ab „die innerparteiliche FDP“.) Der Deal: Er brachte „seine“ Stimmen in unser Lager ein, womit die Mehrheit perfekt war. Dafür versprach man ihm eine weitere Ratsperiode und eine weitere Runde als MdB – nebenbei auch eine klare Verletzung des Antidoppelmandatsbeschlusses.

Diesem ganzen Konstrukt konnte ich nur vehement widersprechen, indem ich darauf hinwies, dass die Zeit sowieso für uns arbeiten würde. Es würde bei einem Verzicht auf den Deal eben nur länger dauern, dafür aber würden wir die Sache sauber und unbelastet über die Bühne bringen können. Natürlich drang ich nicht durch, und zwar hautsächlich deshalb nicht, weil wir ja nicht nur den UB-Vorstand, sondern v. a. auch die Ratsfraktion verändern wie auch bei den überörtlichen Mandatsträgern Verschiebungen erreichen wollten.

Wäre es nur um die Parteigremien gegangen, wären weitere zwei Jahre nicht unbedingt ins Gewicht gefallen. Aber es ging um die anstehenden allgemeinen Wahlen, und da gab es eben in 1974/75 gesetzlich vorgeschriebene Wahlkreiskonferenzen zu absolvieren. Nutzte man diese nicht, hieß es, weitere vier bzw. fünf Jahre warten zu müssen – mit all den Unwägbarkeiten, die sich in dieser für die Politik langen Zeit ergeben könnten. Das leuchtete mir trotz heftiger politischer Bauchschmerzen ein.

Zuzugeben ist auch, dass auch ich endlich Licht am Ende des Tunnels sehen wollte. Wir hatten über vier Jahre lang richtig hart gearbeitet. Jetzt wurde es Zeit für einen echten Sieg. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich fügte mich zähneknirschend und trug die sich ergebenden Konsequenzen mit.

Ungefähr zeitgleich zu Gertzen (es mag etwas früher oder später gewesen sein) wechselte auch Werner Kuhlmann die Pferde. Bei ihm sah und sehe ich die Angelegenheit allerdings anders als bei Gertzen, denn Werner Kuhlmann war der Einzige der betroffenen Doppelmandatsträger, der den Beschluss nicht nur verbal anerkannt, sondern ihn auch befolgt hatte. Noch während der laufenden Ratsperiode gab er sein Stadtverordnetenmandat zurück. Es bleibt dahingestellt, ob Werner Kuhlmann aus politischer Cleverness oder aus Überzeugung handelte. So wie ich ihn kenne, spielte wohl beides eine Rolle. Auf alle Fälle handelte er, während die anderen (Jupp Löbbert sogar explizit in einem WAZ-Interview) deutlich machten, dass sie nicht im Traum daran dächten, den Beschluss zu respektieren.

Dieses Verhalten, das weit über unseren Kreis hinaus ins demokratische Herz der Partei traf, wurde Jupp Löbbert und Heinz Urban nicht verziehen. Das war, so meine ich, einer der entscheidenden Punkte für ihr politisches Scheitern. Immerhin kann man ihnen trotz ihrer die Partei desavouierenden Haltung in der Doppelmandatsfrage eine gewisse generelle Geradlinigkeit nicht absprechen, auch wenn diese zuweilen einer unpolitischen Sturheit verdächtig nahe kam und sie auch sonst politisch falsch lagen.

Unabhängig davon war also Werner Kuhlmann im demokratischen Ansehen durch diese Vorgänge „geadelt“ worden, sodass man, ohne groß zu diskutieren, ein Auge zudrückte, als er 1975 Oberbürgermeister wurde, gleichzeitig aber noch ein letztes Mal eine Runde als Landtagsabgeordneter drehen durfte. Für Puristen bleibt sicherlich der Makel, dass im Interesse einer machtpolitischen Verschiebung ein inhaltliches Kernstück der „Neuen“ (zumindest partiell und zeitweise) auf Eis gelegt wurde.

Als Realpolitiker, der eben auch das taktische Vorgehen zu berücksichtigen hat, mache ich indes keinen Hehl aus meiner Auffassung, dass ein derartiges Verfahren dann vertretbar ist, wenn es sich nach der Devise „aufgeschoben, aber nicht aufgehoben“ richtet – ehrliche Absicht vorausgesetzt.

Da die Gelsenkirchener SPD ab 1980 bis heute niemandem mehr ein Doppelmandat erlaubt hat (auch Kurt Bartlewski nicht, der Ende der 80er Jahren Landtagsabgeordneter werden, zugleich aber Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion bleiben wollte) ist das Ziel erreicht worden. Insofern halten sich, wenn ich an die Gertzen/Kuhlmann-Episode zurückdenke, meine Gewissensbisse in engen Grenzen. Überhaupt stellt sich jedem, der politisch tätig ist, ständig die Frage, wie viel Taktik, oder in einem erweiterten Sinn, wie viel Kompromiss gegenüber eigenen Inhalten statthaft ist, und die Entscheidung über die richtige Gewichtung ist durchweg schwer. Dennoch muss man ihr (sogar im Alltagsleben) die Stirn bieten. Kompromisse, die übrigens etwas anderes sind als Opportunismus, sind nie schön, aber sie helfen in der Regel, das Zusammenleben erträglicher zu machen. Wer das nicht versteht, sollte die Finger von der Politik lassen.

Exkurs 4: Trauriges Nachspiel

Hatte sich Werner Kuhlmann, wie oben geschildert, durch sein Verhalten auch bei uns jungen „Revoluzzern“ ein gewisses Ansehen erworben, so war es bei Hans Gertzen anders. Hier war es nur die reine machtpolitische Faktizität, die ihn noch einige wenige Jahre umworben machte. Es verwundert denn auch nicht, dass Ende der 70er alles um ihn herum in einem atemberaubenden Tempo zusammenbrach. Und, wie es oft im Leben ist, kam alles gleichzeitig knüppeldick. Seine Machtbasis zerbröckelte wie trockener Lehm, seine Ehe zerbrach und obendrein hatte er mit einer plötzlichen Krankheit zu kämpfen.

Ich will mir die näheren Umstände ersparen und nur noch, was ihn betrifft, eine kleine Geschichte erzählen. Als ich 1998 die Nachricht von seinem Tod erhielt, entschloss ich mich, Vergangenheit hin oder her, zu seiner Beerdigung zu gehen. Schließlich war ich SPD-Unterbezirksvorsitzender, und er war, wie immer man es auch bewertete, ein Teil der Gelsenkirchener SPD-Geschichte. Eingefunden hatte sich ein kleines Häuflein von Menschen; Verwandte und engere Bekannte ohne, soweit ich das beurteilen konnte, SPD-Bezug. Von der Partei war nur noch Egbert Reinhard da. Uns beide, die wir immer ausgewiesene innerparteiliche Gegner von Hans Gertzen gewesen waren, berührte es schon, dass von seinem ganzen „Gefolge“, seinen „Freunden“ und „Kumpels“, die ihn bejubelt und durch die Bank von seiner fragwürdigen Klientel-Politik profitiert hatten, keiner den Weg zum Friedhof gefunden hatte. Nichts war übrig geblieben. Ein Menetekel? {jcomments on}

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.
Hans Frey
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