Die blauen Schafe

Die Blauen Schafe

Auch nach Lübeck kamen die weltgewandten ULTRAMARINBLAUEN PLASTIK-SCHAFE

 Sie sind willkommener als manch ein homo sapiens erectus, besonders einer aus Fleisch und Blut, der ein Dasein zwischen Nichtein-Können und Nichtaus-Wissen

führt als das Unwesen eingefleischter Ultra-Ignoranz und marinierter Realität, was äußerlich unspektakulär als der reichsten Männer Deutschlands ultramarinblauer Plastikbeutel an seiner Hand und für seine Aussichten nurmehr als blasse Wand in Erscheinung tritt, von der alles abgeschminkt ist bis auf den Teufel, zu dem er sich noch scheren könnte.   

 

 

Er führt ein Leben in einem strengen Realismus, dessen Stillleben sich nicht plastisch abheben vor der ungeschminkten Realität, denn sie machen weder Eindruck, noch gelten sie als Ausdruck.    

 

 

 

Anders und fern davon die ULTRAMARINBLAUEN SCHAFE. Die sind – ganz im Gegensatz zu jenen unwesentlichen Existenzen – vielerorts gern gesehen und so hatte der BLAUSCHÄFER BONK ihrer „über 150“ auch auf die Rasenflächen vor das weltbekannte Lübsche Holstentor treiben dürfen mit der Erlaubnis, sie grüppchenweise „den ganzen Tag über grasen“ zu lassen. 

Glücklicherweise macht es BLAUEN SCHAFPLASTIKEN gar nichts aus, erhobenen Hauptes zu grasen, und dass sie vorbeugend zu Grasenden erklärt werden müssen, tut ihnen auch keinen Zwang an. Durch dieses Grasen erhobenen Hauptes lassen sich einerseits schnöder Naturalismus, andererseits ständiger Verdacht des Grasverzehrs und der Grasnarbenschädigung leicht vermeiden, indem es BLAUEN PLASTIKSCHAFEN nicht nur besonders leicht fällt, auffällig nicht zu grasen, indem sie es demonstrativ nicht tun, sondern auch Kunstwerk zu sein. Denn sobald dem unerwünschten weil naturalistischen Grasen nichts anderes übrig bleibt als in den Köpfen der Betrachter zu entstehen und darin Statt zu finden, ist die BLAUSCHAFHERDE sicher als Kunstwerk zu erkennen, ganz gleich, ob das Grasen nun dort entsteht und Statt findet oder nicht. Entscheidend ist, dass die BLAUSCHAFHERDE nicht nur kein bisschen grast, sondern auch keine Anstalten dazu macht. Die künstlerische Lösung eines unlösbaren Widerspruchs anzuerkennen fällt dem Betrachter sehr viel leichter als zu entdecken, dass ohne diese kein Widerspruch vorhanden wäre. Natürlich könnte man sie, die BLAUSCHAFHERDE, besonders dass sie grast ohne zu grasen, noch leichter als Kunstwerk erkennen, wenn sie etwa in Gestalt BLAUER QUADER grasen würde (vorausgesetzt, die Lokalpresse ließe die HERDE BLAUER SCHAFE vorab ausdrücklich als BLAUE QUADER „daherkommen“, denn sonst wäre sie als Kunstwerk gleichwohl einer Herde ROTE KÜHE, GÜLDENE LÖWEN oder BEIGE AUSSERIRDISCHE zum Verwechseln mit BLAUEN SCHAFEN nicht unähnlich genug).

Das Grasen einer Herde BLAUER QUADER wäre künstlerisch zwar vollkommen, rein und unschuldig, wird aber dem BLAUSCHÄFER mit Recht zu kompliziert erschienen sein für die kulturferneren Schichten, die in einer BLAUSCHAFHERDE, wenn es schon sein muss, eher bereit sind, ein Kunstwerk zu erkennen, als in einem Kunstwerk eine HERDE BLAUE SCHAFE. Ein Kunstwerk, bevor es möglicherweise friedlich grast, müsste erst als SCHAFHERDE erkannt werden, also sind die BLAUEN SCHAFE erkennbar als blaue Schafe aus Plastik und stellen nur möglicherweise ein Kunstwerk dar.

Das ist sicherer.

Denn während ein Kunstkenner gewiss eher so seine Schwierigkeiten hätte, fassen zu sollen, dass eine SCHAFPLASTIK tatsächlich ein Schaf darstellt, aber jedes Verständnis dafür aufbrächte, sollte ein QUADER eins darstellen, ist der einfache Mann, seine Frau, und sind seine Kinder durchaus in der Lage, in einer SCHAFPLASTIK leicht und sicher ein Schaf zu erkennen, sogar und erst recht, wenn es ihm auffallend ähnelt, und können das auch – wie man sagt – artikulieren: „Ahhh, ein Schaf!“. Das, weil die PLASTIK äußerlicher Gestalt nach eindeutig Schaf ist ohne jede Ähnlichkeit mit einem Kunstwerk. Und da die PLASTIK sonst nicht die geringste Gemeinsamkeit hat mit einem natürlich vorkommenden Schaf, ist sie wiederum eindeutig als Kunstwerk erkennbar – und in Blau natürlich erst recht! Aber genügt es, BLAUE SCHAFE einfach auf grünen Grund zu stellen und ihre Wirkung sich selbst zu überlassen? Reicht es aus, dass sie für die einen als Schaf erkennbar sind, für andere als Kunstwerk? Muss nicht, was Schaf ist und Kunstwerk, als Kunstwerk Nutztier sein und als Schaf etwas bedeuten?

BLAUSCHÄFER BONK: Symbolik der Herde als Installation und als Möglichkeit, auf friedliches Miteinander und Toleranz, Wir-Gefühl aufmerksam zu machen. Die Herde erweckt sozusagen ein bisschen den Eindruck von soner friedlich weidenden Herde; nur wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass alle Schafe genau gleich sind, und diese Botschaft, alle sind gleich – oder dieser Erkenntnisprozess – das ist sozusagen der Kerngedanke dieses gesamten Kunstprojektes.

Man kann die Befangenheit des Kunstkenners, in der er BLAUE SCHAFE leichter oder überhaupt erst erkennen kann, wenn sie durch BLAUEN QUADER dargestellt werden, nun besser verstehen. Denn wie man sieht, besteht die Gefahr, dass, wenn eine Herde BLAUE SCHAFE eine Herde Schafe darstellt, damit der Eindruck einer friedliche weidenden Herde erweckt wird, das mit dem Hinstellen einer Anzahl BLAUER PLASTIKSCHAFE natürlich keine Kunst mehr ist. Das BLAUE SCHAF wird zum Nutztier. Allein dass hocherhobene Schafsköpfe es dem Kunstkenner ermöglichen, sie sich friedlich weidend vorzustellen, entschädigt ihn nicht dafür, dass er genauer hinsehen soll, um zu erkennen, dass alle identischen Schafe genau gleich sind. Eine solche pleonastische Störung der Geistesgegenwart hätte sich mit einer Anzahl BLAUE QUADER vermeiden lassen, würde er sich mit Recht sagen, denn diese hätten gewiss genug damit zu tun, den Eindruck zu erwecken, dass sie BLAUE SCHAFE darstellen, ebenso die Betrachter damit, dass es gelingt.

 

Eine friedlich auf den Rasenflächen vor dem Holstentor grasende Herde lebender Schafe könnte für friedliches Miteinander, Toleranz und Wir-Gefühl nicht mindestens wahrhaftiger Beispiel geben? Weil Schäfer und Schäferhund dann nicht in Frankfurt am Main übernachten und so ruhig schlafen könnten wie ein BLAUSCHÄFER? Nein, das kann der Grund nicht zu sein, denn auch der BLAUSCHÄFER lässt seine Herde nicht über Nacht im Freien, obwohl womöglich gerade nachts auf friedliches Miteinander, Toleranz und Wir-Gefühl aufmerksam zu machen wäre.    

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Martin Klingel

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Martin Klingel spielt, schreibt, schnitzt als Theatermacher, Blogger und Holzbildhauer in Lübeck.
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