Kapitel 22: Der Lili-Kreis muss weg!

Schließlich gab es ein Ereignis, welches mich noch stärker prägte als das Gertzen-Wendehalsmanöver. Es überzeugte mich sozusagen ultimativ davon, dass der Lili-Kreis so schnell wie möglich wieder in der Versenkung zu verschwinden hatte.

Der Hintergrund: 1975 gab es zeitgleich zur Kommunalwahl auch die Landtagswahl. Das bedeutete, dass in 1974 die MdL-Kandidaten aufzustellen waren, und wie das nun unter den bekannten Umständen üblich war, fand die „echte“ Nominierung nicht auf der Wahlkreiskonferenz (hier wurde nur noch formal nachvollzogen), sondern im Lili-Kreis statt.

Wir hatten drei Wahlkreise zu besetzen. Werner Kuhlmann und Egbert Reinhard waren unstrittig. Offen war der dritte Wahlkreis, für den Karlheinz Edelbrock für den Bergbauflügel und Kurt Woiwod als Juso antraten. Es kam zur geheimen Abstimmung, und wider Erwarten gewann Kurt Woiwod! Wir freuten uns unbändig, zumal es nach den bislang geltenden Kautelen eine endgültige und verbindliche Entscheidung war.

Doch weit gefehlt! Tatsächlich wurde Heinz Meya anschließend von Menzel und der IGBE so unter Druck gesetzt (bis hin zur Aufkündigung des Bündnisses), dass er in die Knie ging und seinerseits eine „Seelenmassage“ bei etlichen Mitgliedern des Lili-Kreises durchführte. Dann wurde kurzerhand auf der nächsten Sitzung eine Wiederholung der Abstimmung angesetzt.

Ergebnis: Jetzt bekam Karlheinz Edelbrock die Mehrheit!

Natürlich wollten wir uns diese Ungeheuerlichkeit nicht bieten lassen, doch als Kurt erklärte, er werde im Interesse des Ganzen die Entscheidung akzeptieren und nicht auf der Wahlkreiskonferenz kandidieren, war die Luft raus. Ich glaube, dass Kurt Woiwod wegen der prekären Gesamtsituation zurückzog, obwohl er, so mein Eindruck, die Sache nie wirklich hat verwinden können.

Vielleicht liegt hier auch ein wesentlicher Grund, warum er später abdriftete und in einer abenteuerlichen Koalition mit dem bereits seinem Untergang entgegengehenden Hans Gertzen versuchte, neues Terrain zu gewinnen. Das alles misslang gründlich, und Kurt verabschiedete sich wohl nicht nur aus beruflichen Gründen aus Gelsenkirchen.

Schade! Kurt war ein politisches Talent. Wäre er weniger sprunghaft gewesen, wäre er für die Partei auch langfristig eine Bereicherung gewesen. Für mich blieb allerdings nicht nur Kurt auf der Strecke, sondern v. a. der Lili-Kreis. Man bedenke: Hätte er auf der WK-Konferenz kandidiert und gewonnen, wäre die Entscheidung nicht mehr revidierbar gewesen. Warum? Weil die WKK ein ordentliches Gremium mit klaren rechtlichen Rahmenbedingungen ist und kein mehr oder weniger zufällig zusammen gewürfelter Haufen.

Im Grunde konnte der Lili-Kreis trotz seiner schwammigen Struktur nur funktionieren, so lange alle Beteiligten einmal getroffene Entscheidungen auch anerkannten. Die Menzel-Aktion offenbarte hingegen, wie leicht diese Struktur manipulierbar war und in Willkürakte abrutschen konnte. Damit war die an sich schon schwache demokratische Legitimation des Kreises endgültig obsolet geworden.

So verstarb der Lili-Uhlenkrug-Kreis, ohne dass ich ihm eine einzige Träne nachweinte. Er war ein zeitlich befristetes Instrument gewesen, das seinen Zweck erfüllt hatte, nicht weniger, aber beileibe auch nicht mehr. Dass er sich genau zu der Zeit auflöste, als seine Existenz schädlich zu werden drohte, ist kein Zufall, aber dennoch ein Glücksfall.

Nachzutragen bleibt, dass es dem Bergbauflügel tatsächlich für eine nennenswerte Zeit gelang, wichtige Mandate zu besetzen. 1975 wurde Karlheinz Edelbrock Landtagsabgeordneter (bis 1995). Heinz Menzel wurde 1976 Bundestagsabgeordneter (bis 1990). Ihm folgte Norbert Formanski, ebenfalls Bergbau, als MdB (bis 2002). Der ebenso umgängliche wie unverbindliche Formanski blieb indes eine folgen- und einflusslose Episode, vielleicht ein fleischgewordenes Zeichen für den allgemeinen Niedergang des Bergbaus.

Auch an Karlheinz Edelbrock mag die Bergbauklientel keine so rechte Freude gehabt haben. Der etwas fahrige Karlheinz, ein menschlich angenehmer Zeitgenosse und für einen IGBE-Mann erstaunlich liberal und kunstinteressiert, war und blieb politisch blass. Eine bestimmende politische Rolle spielte er nie.

Dagegen trat Heinz Menzel als harter und einflussreicher Interessenvertreter auf. Doch ein Handicap (seine Fistelstimme) wie auch menschliche Defizite (sein sprichwörtlicher Geiz stieß selbst seine Kumpel ab) und sein schmales Politikverständnis verhinderten, dass er zu dem großen, allseits geschätzten Arbeiterführer wurde, für den er sich selbst immer gehalten hat.

Politisch gelernt habe ich durch den Lili-Kreis eine ganze Menge. Ich habe z. B. gelernt, wie jenseits des Bürgerkundebuchs Politik in der Suche nach Mehrheiten tatsächlich funktioniert, was es heißt, wenn, wie man salopp sagt, „gemangelt“ wird, was Begriffe wie „politische Kommunikation“, „Meinungsführerschaft“ und „Willensbildung“ wirklich bedeuten. Gelernt habe ich, und darüber bin ich besonders froh, demokratische Politik realistisch zu sehen.

Demokratie ist v. a. in der Theorie etwas Großartiges. Das verführt allerdings schnell dazu, ihre Abläufe zu idealisieren und ihre in der Tat hohen Ansprüche bruchlos auf das Alltagsgeschäft zu übertragen. Wird diese Eins zu Eins-Umsetzung z. B. durch die Niederung profaner Interessen oder durch den egoistischen Streit verschiedener Gruppen gestört, neigt v. a. der Unkundige dazu, sofort das Gesamte in Frage zu stellen.

In Wirklichkeit ist die Demokratie genau für diesen Alltag und für die eben nicht idealen Menschen gemacht. Es geht darum, Konflikte zu regeln und Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen, ohne dass man sich die Köpfe einschlägt oder Andersdenkende reihenweise in Gefängnisse sperrt. Und, oh Wunder, das geht sogar – aber nur in der Demokratie! Gelernt habe ich auch, wie wichtig gerade für die Demokratie klare und geordnete Strukturen sind, die Befugnisse, aber auch Begrenzungen haben, die an Recht und Gesetz gebunden und die kontrollierbar, d. h. immer wieder überprüf- und veränderbar sind. Weil man in der Regel Einzelnen wie auch Gruppen – nicht nur in der Politik – niemals restlos vertrauen darf, bedarf es des Ausgleichs und der Kontrolle von Macht.{jcomments on}

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Hans Frey

Hans Frey

Hans Frey (geb. 24.12.1949 in Gelsenkirchen, verw., drei Kinder) studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitete dann als Studienrat an einem Gelsenkirchener Gymnasium. 1980 wurde er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen gewählt, dem er bis 2005 angehörte. Seit dieser Zeit lebt er (formal) im Ruhestand. Neben der Politik war und ist Hans Frey publizistisch und künstlerisch engagiert. U. a. kreierte er 1996 als Drehbuchautor und Regisseur die Stadtrevue „Ja, das alles und mehr…“, gab sieben Jahre lang das Stadtmagazin DIE NEUE heraus und gehörte 2004 zu den Mitinitiatoren der Kunstausstellung RUHRTOPIA in Oberhausen. Im September 2007 war er Mitbegründer von gelsenART e. V., Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Ruhrgebiet. Unter seinen Buchveröffentlichungen finden sich u. a. - der fantastische Roman „Die Straße der Orakel“, der in einer Antike spielt, die man so aus den Geschichtsbüchern nicht kennt (2000), - das Sachbuch „Welten voller Wunder und Schrecken – Vom Werden, Wesen und Wirken der Science Fiction“ (2003), ein umfangreiches Werk, das alle Facetten der Science Fiction beleuchtet, - und sein aktuell letztes Buch (September 2009), der erste Band seiner politischen Autobiografie „Ja, das alles und mehr! – Geschichte und Geschichten aus 35 Jahren Politik“ mit dem Titel: „Wilder Honig“.

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