11 Eltern sollt ihr sein

Bamm, Bamm, Bamm. Die 1,5×1,5m-Eisen-Heizkohlen-Einfülltore des Gauss-Gymnasiums scheppern. Samstag Mittag, es regnet irgendwann Anfang der 70er.

Ich schieße den schweren, nassen Lederball von der Straße immer wieder aus jeder Lage auf die Eisentore der Schule.

„Aufhören Mittagsruhe Schluss!“ höre ich die gestressten Nachbarn rufen. Ich murmele irgendwas von wegen „ja gleich…“, denn ich muss mich vorbereiten für das Jugendspiel am morgigen Sonntag in der Glückaufkampfbahn.

Heimspiel: Schalke 04 gegen Erle 19. Erle 19 ist immer unangenehm, die gehen immer auf die Socken wenn es gegen Schalke geht. Das Gauss-Gymnasium in Bulmke leidet in dieser Zeit, aber es bleibt stabil.

Hausmeister Fröhlich scheint nicht da zu sein. Ich umdribbele den ersten Baum auf der gegenüberliegenden Straßenseite und spiele Doppelpass mit dem zweiten, lege den Ball vor und BAMM. Die parkenden Autos in der Straße nerven, sie sind im Weg. Schließlich will ich noch Freistöße aus 20m Entfernung üben. Ich lege den Ball provozierend nahe an die parkenden Autos in der Hoffnung, dass deren Halter per Fensterview Einsicht finden und ihr Fahrzeug aus der Gefahrenzone verlegen.

Und tatsächlich! Die Straße leert sich!

Gegen 6 Uhr ist Schluss, Sportschau, Tor des Monats, Ernst Huberty. Kartoffelsalat mit Würstchen.   Sonntag – Spieltag.

Die Eltern-Community trifft sich in der Glückaufkampfbahn am Tribüneneingang, die Mütter parfümiert und frisiert, einige mit Mini-Alkoholika in den Täschchen, die Väter schwadronierend sezierend über die Bundesligaspiele des Vortages. Elterngrüppchen formieren sich. Man ist stolzer „Schalker“ und damit erlesener Teil des Vereins, nein, der Stadt, weil Gelsenkirchen = Schalke.

Neid und Mißgunst unter den Eltern ist unterschwellig spürbar, ist doch der eigene Sohn DIE tragende Säule der Mannschaft. Hier die Eltern der Spieler, die im Fokus stehen und Talent haben – dort die anderen, die hoffen, deren Kinder aber kein Talent haben.

Menschen im Schwarm. Die Starken hier, die schwachen da. Für mich war diese Stigmatisierung immer irritierend. Besonders nach den Spielen. Im Kabinentrakt der GKB riecht es nach einer Mischung aus Holz, Reinigungsmittel und frisch gemähten Rasen.

Karl-Heinz Neumann, unser damaliger Mannschaftsbetreuer wirft den alten Lederkoffer mit den Trikots auf die Massagebank.

Jetzt heisst es aufgepasst!

Die Hosengrössen reichen von Grösse 4- 6. Wer beim Öffnen des Koffers jetzt nicht ganz vorn steht, bekommt anstatt der kleinen Hose nur die XL -Hose (oder umgekehrt) und einen lustigen Spruch. Ich stehe immer nahe bei dem Koffer und lasse mich nicht ablenken.

Wir waren immer heiss darauf, auf dem Hauptplatz der GKB zu spielen, weil der Rasen immer ordentlich gepflegt war. Ein Traum für Techniker. Wir waren damals eher Techniker. „Die Groben“ – das waren meistens die anderen – wie Erle 19.

„Wo spielen wir, Hauptplatz?“. „Nee, Nebenplatz…, die 1. trainiert heute morgen auf dem Hauptplatz.“

Auf dem Weg zum Warmmachen kommt „Vater A“ gewöhnlich zu mir und mahnt mich: „Spiel den Volker eher an, du musst mit dem Volker spielen!“

– Väter mutieren dann zu Trainern und wollen mein Talent, mein Spiel also diktieren. „Jaja, mal sehen..“ antworte ich dann immer irritiert. Wenn solche Spiele verloren gehen, werden aus erwachsenden Menschen tobende Kinder – „deiner hat doch nur Mist gespielt…“, „Ach hör doch auf…“ Im Reigen der erregten Eltern, von denen einige bereits bedrohlich stark nach Alkohol duften und mit glasigem Blick „noch ne Flasche Bier“ entgegennehmen, stehen wir Kinder wie begossene Pudel mit unseren Sporttaschen am Wurst-Bierstand und warten auf die Heimfahrt.

Man hat’s nicht leicht als Fußball-Knabe bei Schalke 04. Ich denke, ich muss nächsten Samstag noch viel eher runter zum Gauss-Gymnasium. Hoffentlich ist Hausmeister Fröhlich dann auch nicht da, sonst gehe ich auf den Rasen vor der Pauluskirche, aber dann mit Torwart. BATSCH.

Fazit:

Anfang bis Ende der 70er stand die Jugendarbeit von Schalke 04 unter einem weitaus größerem Medieninteresse als heute.

Da wurde mal der damalige OB Kuhlmann „gebooked“ für einen gemeinsamen Empfang im Restaurant „International“, die Lokalausgabe der WAZ-Sport berichtete Montags fast ganzseitig. Der Hoffnung der Eltern an einem neuen „Schalker Kreisel“ beteiligt zu sein, löste sich später für viele in Luft auf. Für manche von uns Akteuren natürlich auch.   Würden es Eltern heute anders machen?

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Andreas Bordan
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