herrkules-magazin vom 27. Januar

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

herrkules-magazin vom 27. Januar Die Sprachlosigkeit gegenüber der Schoah haben wir auf herrkules-magazin.de dadurch zum Ausdruck gebracht, dass wir schlicht nichts gesagt haben.

Wir haben den Leser einen Augenblick mit seinen Gedanken zum Thema allein gelassen. Im schlechtesten Fall hat er das Fenster direkt wieder geschlossen und die nächste Seite aufgerufen. Im besten Fall haben wir ein paar Leser erreicht und ihnen das Datum vergegenwärtigt.

Heinz Niski: Obgleich seit 1996 der 27. Januar der «Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus” ist, scheint er in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle zu spielen. Zwei Gedenkveranstaltungen gab es in Gelsenkirchen, eine organisiert vom Institut für Stadtgeschichte und der jüdischen Kultusgemeinde und eine Reihe von kleinen Aktionen in der Innenstadt, die auf Rituale wie das Aufstellen von Kerzen zurückgreift.

Chajm Guski: Die erste Veranstaltung dokumentiert, dass die Stadt Tag und Anlass Ernst nimmt und dem Bürger die Möglichkeit gibt, teilzunehmen. Als ich vor einigen Jahren einem israelischen Bekannten die kleine Landsynagoge von Selm-Bork zeigte, wunderte er sich darüber, dass das schmucklose Fachwerkhaus mit dem aufgemalten blauen Sternenhimmel im Inneren, die Pogromnacht überstanden hat.

Und noch bevor ich antworten konnte, dass ein Nachbar kurz zuvor das Gebäude für einen »guten Preis« erwarb, sagte mein Bekannter etwas, was, meiner Meinung nach, viel über die Wahrnehmung des Nationalsozialismus aussagt: »Vielleicht kannten die Nazis den Ort ja nicht und wussten nicht, dass hier eine Synagoge ist« worauf ich ihm antwortete »Natürlich wussten sie, wo die Synagoge war. Die ›Nazis‹ kamen ja nicht von außerhalb, oder landeten von einem außerirdischen Planeten hier und übernahmen die Macht. Die ›Nazis‹ kamen aus dem Ort, aus der Straße, oder auch aus dem gleichen Haus. Das waren Menschen von hier« und diese scheinbare Banalität erschreckte uns beide gleichermaßen. Zum einen, weil die Bewegung mitten aus der Gesellschaft kam, zum anderen, weil wir diese Tatsache gerne verdrängen oder vergessen.

Heinz Niski: Wie also Menschen quer durch alle Bildungsschichten und sozialen Hintergründe erreichen, wie junge Leuten mit migrantischer Familiengeschichte sensibel machen für ein Thema, das viele von ihnen nicht als das ihre empfinden?

Peter Rose: Verwenden wir beim Erinnern die richtigen Begriffe? Schoah – Holocaust – Genozid sind 67 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee »Opfer«-Begriffe, Fremdwörter für die Massentötung von Menschen, nicht aber für das, was es tatsächlich und exakt in deutscher Sprache zum Ausdruck gebracht war, ist und bleibt: »Völkermord«. Und genau dieses Verbrechen hat der Nazi-Staat »im Namen des deutschen Volkes« begangen und damit der »deutschen Volksgemeinschaft« eine kollektive Schuld aufgebürdet und den Nachgeborenen eine historische Verantwortung übertragen, der wir nur durch das Erinnern, also die Vergegenwärtigung dieses grausamen Geschehens, gerecht werden können. Der Opfer zu gedenken ist die eine Seite der Medaille, sich der Täter und ihrer Taten zu erinnern die andere…

Heinz Niski: … was beides gleichermaßen aber Zuwanderern erst einmal kaum zu vermitteln ist…

Peter Rose: … Vorsicht. Es gibt inzwischen durch Zuwanderung zunehmend stärker werdende Bevölkerungsgruppen aus anderen Kulturkreisen der Erde, die aus verschiedenen Gründen nach Deutschland gekommen sind. Was haben sie und ihre Kinder mit der deutschen Geschichte zu tun. Möglicherweise sind sie in Ihren Heimatländern selbst verfolgt worden und vor Massakern geflohen, um in Deutschland Asyl zu finden. Und ihre Integration in unsere demokratische Gesellschaft ist wichtig, aber warum sollten diese Kinder im Geschichtsunterricht mit den Nazi-Verbrechen konfrontiert werden? Weder ihre Eltern noch die Kinder haben dazu eine Beziehung. Wie und warum sollten sie sich erinnern können? Was gibt es für sie zu gedenken? Interessanter wäre es da schon, mit den zugewanderten Türken über den Völkermord der Türkei an den Armeniern von 1915 ins Gespräch zu kommen? Was denken und fühlen ausgesiedelte Russen, Weißrussen und Ukrainer, die in der Sowjetunion verfolgt und schikaniert worden sind, wenn in Deutschland vom Holocaust die Rede ist?

Heinz Niski: … die Türken empfinden Gespräche über ihre Verstrickungen in einen Genozid als Antitürkisch …

Chajm Guski: Können wir das quantifizieren? Wohl kaum. Wir gewinnen den Eindruck, können aber nicht sagen, ob das wirklich so stimmt. Die Haltung der derzeitigen Regierung scheint es zu sein.

Peter Rose: Der Völkermord der Nazis darf nicht durch Auf- und Gegenrechnungen relativiert werden. Vielmehr muss klar sein, wie kompliziert es ist, den qualitativ-inhaltlichen Prozess des kollektiven Erinnerns in Zukunft zu ermöglichen. Jeder muss um die Mechanismen der Rechtfertigung wissen, indem etwa Opfer und Täter verwechselt werden. In Deutschland darf es jedenfalls keine Generalabsolution für den Völkermord geben. Die deutsche Kultur war lange mit der Aufklärung und der Klassik verbunden. Dieser Mythos der deutschen Geschichte des 18./19. Jahrhunderts wurde durch den »Völkermord« ein- für allemal zerstört. Trotz intensivster Aufarbeitung gibt es auch nach 67 Jahren noch noch immer viele dunkle Stellen und viele Fragen, die erhellt und geklärt werden müssen. Und neue Fragen werden hinzu kommen, weil ähnliche »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« durch perverse Machtvorstellungen autokratischer Herrscher nach wie vor verübt werden. Wachsamkeit ist geboten. Sie kann aber nur wirksam bleiben, wenn das unglaubliche und unvorstellbare Geschehen immer aufs Neue erinnern, indem wir es mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit dem eigenen Verstand bedenken und uns zu Wort melden, wann immer Gefahr im Verzuge ist.

Chajm Guski: Wie tragen wir dieses Anliegen und die damit verbundenen Aufgaben in die Öffentlichkeit? Ein Weg von vielen wäre natürlich Kunst. Kunst die Schmerzen verursacht. Eine Kunstaktion von der, sonst Unbeteiligte, sagen »Das tut weh. Hör auf damit.« Irgendetwas, das eine Reaktion erzwingt ohne die Opfer oder ihr Andenken zu schmähen. In Lublin hat der Künstler Ronen Eidelman Bilder der früheren jüdischen Bewohner in die Stadt geklebt und gleich daneben Fragen an den Beobachter gerichtet: »Was für ein Jude bist Du?« oder »Versteckt Deine Familie ein großes Geheimnis?«. Die Bilder der aufgeklebten Personen sind zwar nicht permanent, aber sie lösen im vorübergehenden Betrachter eine unmittelbare Reaktion aus. Zum festen Repertoire der Reden an Gedenktagen gehört die Formulierung »Nie wieder!« und dennoch haben wir »es« »immer wieder« erlebt und erfahren müssen, wie dünn die Schicht der Zivilisation auf dem Menschen ist. Der Jugoslawienkrieg fand direkt vor unserer Tür statt. In einem Land, in dem wir Deutschen gerne Urlaub gemacht haben. Dennoch wollte oder konnte man das Töten nicht stoppen. Srebrenica müsste man immer dann rufen, wenn wieder jemand sagt »Nie wieder«. Oder »Darfur«. Die »Coalition for International Justice« geht von 400.000 getöteten Menschen aus. Aber sie sind weit weg und werden nicht gesehen. Was wir darüber hinaus brauchen ist ein Verständnis dessen, was Menschen einander entfremdet und auch schon kleinste gegenseitige Ausgrenzungen ermöglicht. Das sind auch nur wieder Forderungen.

 

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