Wahlspezial XI – Countdown

Countdown

Wir haben gewählt. Wir in Schleswig-Holstein. 60% von uns. Wir haben den Piraten 6% unserer Stimmen geben, auch der FDP. Tja.

In Bezug auf die FDP sind es aber nur 6% von nur 60% wahlberechtigten Schleswig-Holsteinern, die sie gewählt haben, darum sieht es nach viel aus.

Dumm, dass es nach soviel aussieht, aber es sind relativ weniger.

 

Vielleicht hätte die FDP 12% kriegen können, wenn die Piraten nicht gewesen wären? Nein. Höchstens 7%. Warum? Weil ohne PIRATEN hätten nur 54% von uns gewählt, und die 6% für die FDP hätten im Verhältnis nach noch mehr ausgesehen. Alles relativ, da muss man die Relativitätstheorie gar nicht mal verstehen.

Die FDP bzw. Rösler hat gesagt, dass man die PIRATEN ernst nehmen müsse. Das ist kein Wunder, denn die PIRATEN haben 6% in S-H, genausoviel wie die FDP.

Der Unterschied zwischen diesen beiden 6% besteht darin: die FDP-6% sind ein kaum begreifliches Wunder (Kubicki, steckt da nicht schon die Potenzierung drin?), die 6% der PIRATEN sind frohlocker erwartet worden; die FDP ist trotzdem nicht mehr ernst zu nehmen, aber es ist schön, dass sie die Piraten ernst nimmt.

Die PIRATEN werden also bei uns im Landtag sitzen, 6 Stimmen erheben dürfen. Mehr muss nicht.

Von Piraten verstehen wir was, mehr als NRW. Aus Geschichte (Störtebecker, deutsch: StürztdenBecher) und Gegenwart.

Wir haben ja hier noch heute das ganze Jahr jede Art der Piraterie, angefangen von der Strandkorbpiraterie, Kurtaxenpiraterie, Parkgebührenpiraterie, Gasthauspiraterie, also Strandräuberei und Wegelagerei.

Dass diese Strandräuber- und Wegelagerer-Piraten die PIRATEN -Partei direkt gewählt haben, versteht sich für manchen wahrscheinlich von selbst. Allerdings kann man sich auch fragen, wieso die jetzt plötzlich eine Partei brauchen, das ging doch bisher auch so? Aber man erinnere sich: es gab einen Linksruck im Land, der Rösler hat ihn vor einer Woche bekannt gemacht und angezeigt nach Tradition der Herolde; darum gibt’s nun die Piraten. Quod erat demonstrandum. Da muss man sich organisieren in seinen Kindern. So einfach ist das (aber der Rösler hat eben nicht recht mit der Behauptung – auch wenn er sie in schönster Pennälermanier vorgebracht hat – nämlich, dass die CDU „sozialistisch“ geworden sei. Eher ist die SPD „christlicher“ geworden, alles andere hätte sie selber bemerkt. Durch solche Changierung kann die CDU durchaus „sozialistischer“ wirken. Aber wenn man bedenkt, wie „sozialistisch“ die SPD ist und wie „christlich“ die CDU, dann wird man doch verstehen, dass die SPD im Sinne der CDU sehr wohl „christlicher“ werden kann? – die CDU jedoch niemals „sozialistisch“ im Sinne der SPD oder gar „sozialistischer“?)

Aber die FDP? Brüderles Schwesterpartei. Wer wählt noch die?

Wahrscheinlich – wir wollen es freundlich sagen – die Konservativen.

Damit sind jene Konservativen gemeint, die noch immer Butterfahrten mitmachen und mit Bussen unterwegs sind, ihre Gewinne von Lotterieaktionen abzuholen, an denen sie nicht teilgenommen und die nicht stattgefunden haben, die diese Hauptgewinne einlösen wollen ohne Ziehen des entsprechenden Loses, ohne das entprechende Glück gehabt haben zu müssen, tja, es sind die, deren Kofferklappe automatisch aufgeht und für die der Scheibenwischer zu wischen beginnt, wenns regnet, ohne dass sie einen ihrer wertvollen Gedanken daran verschwenden müssen; das sind die Väter oder Großväter jener Enkel, die 200 PS-BMW-Motorräder kaufen mit Anti-Schlupf-Reglern, damit auch bei Vollgas ihr alter Traum, die Maschine zu „beherrschen“, erfüllt wird, kurz UnsereHeldenGeneration, in deren Gen sich allmählich der burnout, der Rauch ohne Feuer, der Zusammenbruch vor der eigenen Standhaftigkeit, sich einnistet – na, immerhin evolutionär – das sind die, die noch FDP wählen, obwohl es die Abkürzung zu den PIRATEN schon gibt.

Die Konservativen sind nur noch nicht soweit, und vermutlich werden sie auch nicht mehr soweit kommen, weil sie schon weit darüber hinweg sind einzusehen, dass „die Kinder“ nicht „UNSERE Zukunft sind“, sondern ihre eigene. Was die PIRATEN aus selbstverständlichstem ego ebenso selbstverständlich schon leben. Die tragen die Hosen tief, so demonstrativ tief, da wo kein Arsch mehr ist.

Eine zweite Hürde dürften für die Konservativen deren freibeuterische bzw. vitalienbrüderliche Ansichten bzw. Absichen bezüglich Urheberrecht bilden. Das schmeckt ihnen auch noch nicht. Denn wenn man sich als Urheber von allem Guten und Notwendigen in der Innen- und nun erst recht in der Außenpolitik fühlt, dann ist die Vorstellung einer Demokratisierung des Rechtes, sich zugleich als dessen Inhaber zu fühlen, natürlich problematisch.

Die FDP wird also wahrscheinlich nur noch von denen gewählt, die die Freiheit zur Piraterie nur bis 2 km urheberrechts- bzw. inseigenelandeinwärts verteidigen. Nämlich den Landstrich incl. Urlauberpromenade, auf dem sie sie verfolgen.

Sie sind noch ein bisschen zurück, wie man bei uns sagt, aber auf Augenhöhe.

Wer wählt nun aber CDU oder SPD? Sicher die, die es noch können.

CDU wird außerdem gewählt, weil sie regiert. Wir haben gewählt, nun seid ihr dran (ich habe nicht gewählt, weil ich krank gewesen bin und im Fiebertraum auf euch warten wollte – nun ist es zu spät! Mein Abenteuer mit dem Willy und der SPD nächstes mal)!

Wir müssen die Scham los werden!

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Martin Klingel

Martin Klingel

Martin Klingel spielt, schreibt, schnitzt als Theatermacher, Blogger und Holzbildhauer in Lübeck.

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