Deutschland – mon amour?

Deutschland – mon amour?

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber er hatte Recht: Deutschland ist ein schwieriges Vaterland.

Das merkte ich einmal mehr, als mich der Enkel eines Bekannten fragte, weil er von meiner „Roten Vergangenheit“ hörte, ob ich , a), je ein Terrorist war und ob ich „trotzdem“ ein wenig Vaterlandsliebe verspüre.

Bei einem Vierzehnjährigen ist man versucht, über die Schwere dieser Frage leicht hinwegzugehen. Aber meine Generation, auch die 68er aus ihr, sind so geworden wie sie sind(?), waren(?), weil ihr Menschen begegnet sind, die eben nicht über die Fragen der damals Vierzehnjährigen hinweggegangen sind,

Man vergisst das leicht: Die, die uns erzogen haben, waren die, welche die ganze Brutalität des Krieges und der Naziherrschaft überlebt hatten. Und längst nicht alle waren bereit, alles zu vergessen und zu verzeihen und sich dem „ungehemmten Konsum des Wirtschaftswunders“ hinzugeben. Das „Wi-Wu“ ist mir in meiner Kindheit in Gelsenkirchen nie begegnet. Wohl das allweihnachtliche „Da haben wir kein Geld für…“

Natürlich gab es auch diese Idioten, die nicht wahrhaben wollten, dass die „Große Zeit“ vorbei war und sie, trotz allem soldatischen Mutes, die Verlierer waren. Sie benahmen sich teilweise wie Idioten. Auf der Hochstraße in Buer, Höhe „Nordsee“, wurde mir von so einem Berserker der Weg versperrt und verdunkelt weil ich, der ich im zwoten Lehrjahr, also Fünfzehn war, nicht etwa etwas mit seiner Tochter hatte, das wusste er zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, sondern er wollte mich mit einem rostigen Sägeblatt kastrieren, weil ich lange Haare hatte. Einige beherzte Hausfrauen schoben ihn schimpfend von mir weg, gottlob, aber er hatte puren Hass in den Augen. Das sehe ich noch heute manchmal vor mir.

Diese Type hat mich davor bewahrt, jemanden nach seinem Herkommen zu beurteilen, geschweige denn nach seinem Aussehen.

Denn so wie der, das war absolut klar, werde ich nicht.

Ob meine Vaterlandsgenossen noch heute zu solchem Hass fähig sind? Fragt man einen Orientalen, lautet die Antwort „ja“. Fragt man einen hier lebenden Iren, lautet die Antwort „nein“.

Nicht verschweigen will ich die Antwort eines Mannes aus West Sahara Polisario. Er meinte, wenn er hier nachts vom Hauptbahnhof ins Kneipenviertel ginge, würde er angepöbelt werden. Wenn aber ein Europäer nachts durch den Suk seiner Heimatstadt ginge, würde er wahrscheinlich das Ende der Gassen nicht erreichen.

Immerhin bringt es mein Vaterland fertig, allen, die ihm zustreben, Nahrung, Kleidung, ein Dach überm Kopf und ärztliche Betreuung zukommen zu lassen. Das schaffen andere Länder nicht einmal bei ihrer eigenen Bevölkerung.

Mein Vaterland hat es sich aber auch erlaubt, die arbeitende Bevölkerung der Gnade der Industrie auszuliefern, indem es die – zuerst fast segensreich scheinende – Schaffung der „minderwertigen Arbeit“ legalisierte. Ganze Belegschaften wurden ausgetauscht, zur kurzfristigen Freude der Aktionäre (Konzerne wie Karstadt, einst größter Einzelhändler der Welt, haben es nicht überlebt, den Verkauf ohne Verkäufer). So wurden die Gewinne vergrößert und eingestrichen, die Verluste dem Steuer- und Beitragszahler überlassen.

Dann hat mein Vaterland die Liste der Arbeitslosen zusammengstrichen, die Kurzarbeiter und „Minderwertigen“ fielen heraus, nach einer gewissen Frist fallen auch Langzeitler hinaus und so steht die jeweilige Regierung stets glänzend da, was die Zahl der Beschäftigten anbelangt.

Glaubt man vielen (nicht allen) Publikationen, war der Schritt meines Vaterlandes zu Europa hin ein großer Blödsinn. Die Selbstopferung des Saates Preußen für das Deutsche Reich 1871 war der Beginn des Elends.

Es scheint – leider – gewisse Gesetzmäßigkeiten für die Schaffung großer, sagen wir ruhig: Reiche, zu geben. Und derer eine lautet: „Friedlich geht nicht“. Die USA mit ihrem Bürgerkrieg, die Sowjetunion mit ihrem Stalin-Terror, Afrika mit seinen steten Kriegen, der nahe und ferne Osten.

Nur hierzulande träumen einige Politiker (der Berufs-Politiker ist ja ständig auf der Suche nach neuen Existenz-Nischen. Man bedenke nur die Vielzahl an Politikerjobs durch die Schaffung der EU. Etwas konkret Greifbares, was das Leben wirklich vereinfacht oder sicherer macht, wie Schutz der Industrie oder der Währung vor Banken-Terror etc. ist nach alle den teuer bezahlten Jahren noch nicht herausgekommen. Etwas, was auch den skeptischsten Bürger sagen lässt, „Gott, bin ich froh, dass es die EU gibt!“

Herausgekommen ist eine dicke Rente für Herrn Verheugen und jede Menge heiße Luft und hin und wieder ein Urteil gegen Deutschland, dem Schurkenstaat in der EU.

Da macht mein Vaterland einen waidwunden Eindruck.

Und mein Vaterland schleppt natürlich einen furchtbaren Ballast seit 1933-1945 mit sich herum.

Eines der Merkmale der Geschichte ist, dass sie fortschreitet. Nicht so in meinem Vaterland. Die Schuld an den Nazigreueln liegt beim Deutschen Volk. Warum? Weil diese Greuel im Namen dieses Volkes begangen wurden. Dieses Volk hat das in seinem Namen geschehen lassen! Dass dieses Volk sich dagegen nicht mehr wehren konnte, wird verschwiegen, immer noch.

Sebastian Haffner, die britische Journalisten-Legende mit Berliner Wurzeln schreibt in den „Anmerkungen zu Hitler“: „Wirkungsvoller Widerstand war nur in den ersten drei bis vier Monaten nach der Machtergreifung möglich gewesen. Danach konnten die Nazis nur noch mit Gewalt und von außen beseitigt werden. Der Terror griff schon zu hart zu.“

Und eigentlich sollte doch jedem denkenden Menschen klar sein, dass ein Mensch frei von Schuld ist an Dingen, die sich noch vor seiner Geburt ereignet haben.

Dieses „Frei“ beinhaltet aber auch, dass fast 99 Prozent meines Vaterlandes frei ist von der Verpflichtung, diese Greuel ständig in Erinnerung zu halten. Der Kindergeneration immer wieder zu oktroyieren: „Unmittelbar seid ihr natürlich unschuldig, aber…“

Das geht so nicht.

Wenn man Generationen von Generationen die Möglichkeit nimmt, stolz auf die eigenen Vorfahren zu sein, endet das in Abkapselung und Schlimmerem. Also muss mein Vaterland zumindest den nach jener Zeit geborenen Menschen sagen: „Ihr seid genauso unschuldig wie jeder andere eurer Zeitgenossen.“ Alles andere wäre verlogen. Dinge wie Schuld und Unschuld lassen sich nicht vererben, und freiwillig schon gar nicht.

Schlimmer als in anderen Völkern, die mit dem Holocaust nichts zu tun haben, sind die aus unserer Mitte, die die Verbrechen leugnen und noch heute an dem Nationalsozialismus Erhaltenswertes finden. Das ist die „Sünde wider den Geist“ die nach der Bibel, Matth. 12/31, niemals vergeben wird.

Liebe ich mein Vaterland?

Das politische akzeptiere ich, im Bewusstsein seiner Fehler und Unzulänglichkeiten, voll und ganz. Ich bin ein wenig (ich wage kaum, es hinzuschreiben) stolz, in der gleichen Sprache zu leben und zu denken wie ein Goethe, ein Schiller, ein Luther, ein Wilhelm Hauff oder wie Wissenschaftler wie Heisenberg oder Planck oder Gaus oder wie unsere Genies alle heißen. Sie gehören zu meinem Volk. Auch wenn das ein sehr unmoderner Satz ist.

„Nein“, ich war nie ein Terrorist, weil ich meinte, durch mein Vaterland sei im vorigen Jahrhundert schon genug Gewalt in die Welt gekommen, und

„Ja“, ich liebe mein Vaterland, ohne eines anderen Menschen Vaterland geringer zu schätzen.

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Friedhelm Möllmann

Friedhelm Möllmann

Friedhelm wurde im Februar 1950 in Gladbeck Zweckel geboren, zog im Alter von einem Monat nach Scholven um und wurde damit zum überzeugten Bueraner. Er ist bekennender Christ und wohl auch bekennender, weil kritischer Katholik. Schriftsetzer mit allen Gutenbergschen Würden. Gelernt hat er bei der damals besten “Bude” der Welt, K+B auf der Hagenstraße in Buer. Er ist ohne Probleme durch die Zwiespältigkeit der Jugend, hie DPSG, dort Rock’n'roll, gekommen. Er hat kein Abitur. Seit 1980 ist er verheiratet, mit mittlerweile zwei erwachsenen Nachfahren, nach 3 Herzinfarkten und einem Stammhirnapoplex ist er seit 2011 berentet und nicht mehr ganz fit – aber nur körperlich!! Er gehört keiner Partei an, wobei er den Unionsparteien, der FDP, den Piraten, den Grünen und den Linken ganz besonders nicht angehört. Nach IG Druck und Papier, nachmals IG Medien, jetzt bei IG ver.Di nur noch zum Rentnerbeitrag Mitglied. Friedhelm Möllmann verstarb im Oktober 2015.

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