Notizen eines Frontschweins - Karikatur: Uli Queste

Was bleibt?

Notizen eines Frontschweins - Karikatur: Uli Questein den sommerferien musste ich beim amtsarzt vorstellig werden.

es ging einerseits um die frage, ob (m)eine wiedereingliederungsphase nach schwerer erkrankung im vergangenen jahr noch einmal verlängert würde. verbunden war die entscheidung darüber aber mit der grundsätzlichen frage, ob ich überhaupt noch dienstfähig bin und aus gesundheitlichen gründen nicht vorzeitig pensioniert (oder aus dem schuldienst versetzt und in eine verwaltungsstelle eingewiesen) werden sollte.

der noch recht junge, sympathische amtsarzt (wie mir scheint übrigens ein recht stressfreier beruf) formulierte es recht flockig so: ich muss im prinzip ein gutachten darüber erstellen, ob sie noch in der lage sind, vor der klasse zu stehen und die kreide in der hand zu halten, damit sie etwas an die tafel schreiben können.

hier wären verschiedene repliken denkbar gewesen:

a) wegen meiner sauklaue schreibe ich ungern etwas an die tafel;

b) heute arbeitet man doch eher mit dem whiteboard oder laptop und beamer, wobei

a) auf mich zutrifft

und

b) mangels ausstattung an der schule nicht.

ich schwieg aber.

und schon auf dem heimweg – nach diversen untersuchungen, dem pipi-abgeben und moderatem belastungs-ekg auf dem fahrrad – stellte ich mir die frage: was bleibt?

zunächst dies:

man kann, wie es bei mir der fall ist (eintritt in den dienst 1976) diverse kultusminister, zahlreiche dezernenten, schulleiter und vor allem sturzfluten von „reformen“ und systemveränderungen halbwegs schadlos überleben, wenn man als richtschnur einfach die schüler, um die es ja gehen soll, im blick behält.

dann das:

man will ja nicht nur als vermittler von inhalten auftreten, erziehen und junge menschen auf dem Kinder seid ihr jung geworden - Karikatur: Uli Questeweg zu einem bildungsabschluss begleiten und sie fördern, man möchte auch geliebt werden. hier habe ich eine schlichte faustformel auf der grundlage meiner erfahrung mit tausenden von schülern und hunderten von klassen und kursen an verschiedenen schulen entwickelt: ein drittel mag einen, ein drittel eher nicht, ein drittel ist diffus eingestellt oder meinungslos (das sind die schlimmsten – oder, um es mit lessing zu sagen: lau ist schlimmer noch als kalt!).

die bandbreite reicht bei mir vom statement eines (angetrunkenen) jungen nach dem abitur: „sie sind das größte arschloch an unserer schule“ über die äußerung „verlangt viel, ist streng – aber cool“ bis zu dem urteil (jüngst in einer mail von einer ehemaligen türkischen schülerin übermittelt): „ich habe sie mir zum vorbild genommen und studiere jetzt im dritten semester mit freude und erfolg deutsch und geschichte“.

dittens: man sollte sich nicht in den sumpf des jammerns ziehen lassen über schlechte schüler, die schlechten arbeitsbedingungen, den alltäglichen wahnsinn. schüler von heute sind nicht schlechter als früher- sie sind anders. aber sie sind auf ihre art und weise erfrischend – ganz einfach, weil sie das privileg der jugend auf ihrer seite haben.

und weiter: das wichtigste ist, so meine erfahrung, authentisch zu bleiben. nicht zu meinen, etwas verkörpern zu müssen, was man nicht ist. schüler verzeihen viel – z.b. immer wieder vorkommende handwerkliche mängel im unterricht.

was sie nicht verzeihen ist verstellung oder das gefühl, nicht ernst genommen zu werden. und was sie kaum verzeihen ist der eindruck, man hätte fachlich nichts auf der pfanne. letzteres betone ich deshalb, weil mir, in bezug auf die nachwachsenden lehrergenerationen, da manchmal zweifel kommen.

ich hatte in den letzten jahren das privileg, als mitglied von prüfungskommissionen bei zahlreichen II.staatsprüfungen an verschiedenen schulen dabei zu sein. ich habe dadurch nicht nur einen einblick darin bekommen, wie unterschiedlich die lehr-und lernvoraussetzungen in unserem land sind (austattung der schulen, schulgebäude, zusammensetzung der schülerschaft), sondern dass in der ausbildung von jungen lehrern das methodenrepertoire im vordergrund steht und die (fachlich abgesicherten) inhalte erst an zweiter stelle kommen (haarsträubend fachliche mängel, aber tolle „methoden“, sozusagen „komplettes halbwissen“).

zuletzt: ich weiß, dass ich als lehrer an einem gymnasium, gemessen an kollegen, die an hauptschulen oder auch gesamtschulen unterrichten, nahezu auf einer insel der seeligen lebe.

das einmal eingerechnet, sage ich trotzdem: gut, dass damals, als an der uni bochum (ich war im 5.semester, wenn ich mich recht erinnere) 10 medizinplätze per los vergeben wurden und ich mich beworben habe, das los mich nicht getroffen hat.

und gut, dass ich, wie ich kurz nach beginn meines lehrerlebens einmal überlegt habe, nicht ein café in gelsenkirchen aufgemacht habe. vielmehr gut, dass ich noch ein wenig an der schule bleiben kann, um in krakeliger schrift mit kreide sätze an eine tafel schreiben zu können.

wobei: die schriftliche stellungnahme des amtsarztes liegt noch nicht vor.

vielleicht muss ich doch demnächst irgendwo akten sortieren.

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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