Claudia – Nachruf und Tagtraum

Mit vollem Recht wird sie sich vielleicht gesagt haben, dass am Aschermittwoch erst vorüber ist die Fassenacht, bis dahin bleibt der Jecke an der Macht!
Aber es war dramatisch.

Wie man heute Morgen von Augenzeugen gehört hat, sei sie nach ihrer „Wahlniederlage“ blass in die Bitt getreten. 


Wer sie kenne, so hieß es, der kenne sie ja nur „poppig bunt mit roten Wangen“, kämpferisch und unbefangen – da aber sei sie fahl gewesen, fast weiß, verstört, „wie zu einer Beerdigung“. 

Nunja, da darf man vermuten, dass sie das intensive Gefühl, den Eindruck gehabt haben könnte, es sei ihre eigene. 

Manch anderer wäre vielleicht froher, gar glücklich gewesen, seine eigene Beerdigung zu erleben, dieser zum Trotz, weil man ja für gewöhnlich schon vor seiner eigenen Beerdigung tot ist, vermutlich, um sie nicht mitmachen zu müssen. Schon die eigene Aufbahrung zu liegen wäre eine Zumutung, wenn man nicht tot ist.
Nein, der Tod muss feststehen, ehe an Beerdigung gedacht wird. 


Der Mensch macht das Leben mit bis zum Tod, bis dahin muss ers mitmachen, weiter nicht, meint der Bürger (allerdings kann er sich zukünftig überlegen, ob es ihm nicht nur um das Alter allgemein und einen Pflegeheimaufenthalt im besondern zu lang werden könnte, sondern auch um den Lebensleistungsrentenbezug, falls er ihm nicht gewährt werden könnte).

Dabei ist die Beerdigung der Claudia eine, die sich sehen lassen kann. Es ist eher der karnevalistische eines komisch tragödischen Originals, das im Elferrat sitzt und da auch hingehört, sitzen bleiben möchte und doch auch nicht wegzudenken ist?!

Aber sie hat keine Wahl, wenn andere wählen. Da ist sie eben dann in der bekannten schrecklichen Lage, sich nicht rühren zu können und doch alles mitzubekommen. Oder?

Heute Morgen nun hat sie erklärt, sie werde nicht zurücktreten, stattdessen noch einmal kandidieren, also an ihrer Beerdigung weiterhin teilnehmen, geradezu als Faktotum. Sie ist nicht tot!

Erinnert man sich noch an Heide Simonis? Sie hat einer ähnlichen Beerdigung beigewohnt incl. den Empfang des Erdendrecks von dem kleinen Schäufelchen…

Sie, die Claudia, hat ganz wie die Heide nach dem ersten Wahlgang soviel Zuspruch weiterzumachen bekommen, sagt sie, ein „Handystorm“ sei es gewesen der Bitten, nicht aufzugeben, auch aus der Basis; Göring-Eckardt, Trittin (Vizekanzler in spe), Cem sowieso, selbstverständlich – kurzum, ein Storm des Zuspruchs, wie man ihn nur im Fall des „Rumpelstilzchens“ – wie hieß er noch, wie war sein Name? jaah, von zu Guttenberg! – erlebt hat.
Aber auch hier war alles eitel Bittstorm, der Shitstorm fegte unter dem Teppich und war nur für Professoren und Fußsohlen beachtlich.
Schließlich, man weiß es, erlebte das „Rumpelstilzchen“ weniger seine Beerdigung als vielmehr das ihm entsprechende Verschwinden in der Versenkung.

Aber die Claudia hat keine Ahnung, was eine Lebendbeerdigung ist.
Sie weiß nicht, wie sich diese in Jobcentern, einsamen Wohnzimmern, Alten- und Pflegeheimen, auf der Straße, in U- und S-Bahnen, in den zu lebendiger Beerdigung Auserwählten und Berufenen jeweils abspielt. Sie wird nicht ahnen, dass die Lebendbeerdigung durchaus nicht ungewöhnlich, ja, dass dieses lebend Untergehen und Begrabenwerden so konventionell geworden ist und mit demselben Bedauern oft institutionell vollzogen wird wie das Klassen-Begräbnis nach einem biologischen Tod.
Es gibt nur keine Totenfeier, das Handy verstummt, nur die Lippen beginnen sich miteinander zu unterhalten.

Von Lebendbeerdigung wird man sich, wie die Claudia, meist unerwartet betroffen fühlen, es ist aber auch nicht unmöglich, dass man gewissermaßen vorbereitet ist, indem man, was andern geschieht, auch dass es einem selbst geschehen kann, für möglich hält.

Man kann auch, wenn man den Mumm hat, einfach gehen.

Die Claudia wird sich also natürlich der Wahl nochmal stellen, wie jeder von uns sich nochmal bewerben kann, bis er 67 ist. Und wie jeder Bewerber bis 67 wird auch sie gespannt sein, und sind auch wir gespannt.

 

Mir träumte, der Teufel habe seinen Rücktritt angekündigt für den Fall, dass er nicht mehr gewählt werden sollte. 

Er war schon nicht begeistert davon gewesen, dass er sich hatte überhaupt einer Wahl stellen müssen, aber siehe, es hatte sich begeben, dass der menschlich-technische Fortschritt es ermöglichte, ihn mit konventionellen Mitteln zu ersetzen und so war er nicht mehr alternativlos.

Aber ein Staystorm hub an und ein Shitstorm, mannigfaches Für und Wider.
Die Einen meinten, man bedürfe seiner nicht mehr, Böses gebe es kaum mehr, da es verboten sei, die Religionen davon frei, und für die Kriminellen habe man die Polizei.
Die Andern gerieten in arge Bedrängnis ob ihres Festhaltens am alten Teufel, an der Diktatur, an Überwachung, an einer jeder parlamentarischen Kontrolle entzogenen, nicht nachweisbaren Hölle mit offenem Feuer, an der Gefahr für die Zukunft der Kinder und Jugendlichen – dessen verwahrte sich der Teufel allerdings dann doch: Verblödung, Verrohung, Hochmut, Fettsucht, Faulheit, Hang zu Lug und Trug, Arschgeweih und Zipfelmütze sei doch vielfach gefördert, ausgezeichnet und geehrt, so mancher Doktorhut sitze drauf, es mache was her und manche Notwendigkeit, Liebe, Zuneigung und Hörigkeit hinge dran, sei systemrelevant doch ganz gewiss, und es sei ihm nicht erinnerlich, wann er zuletzt ein Zutun dran hätte zu geben gehabt. 

Und er fragte „Bin ich denn der Schöpfer?“, und er fragte „Soll ich denn lebendig begraben werden?“ und „Wohin zum Kuckuck soll ich denn gehn, ihr Idioten?! Zum Teufel?“. 

Und der Teufel unterlag im ersten Wahlgang und erlebte die Hölle auf Erden, büßen zu müssen – da meldete sich der Heilige Vater aus Rom zu Wort, und mir träumte, er habe dem Teufel für sein bisheriges Engagement gedankt und – der lange Löffel an der langen Schnur schlug gegen die Glocke überm Prager Knochenmann –

carpe diem!{jcomments on}

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Martin Klingel

Martin Klingel

Martin Klingel spielt, schreibt, schnitzt als Theatermacher, Blogger und Holzbildhauer in Lübeck.

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