Bürgerbus

An der Haltestelle abgeblitzt

BürgerbusHaltestelle, wahre Lüge über das Phantom 2021 im öffentlichen Raum

Der Bürger wird eher nervös als ruhig.

In seiner Grundsatzstellungnahme hat sich der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Bürgerkassen e.V. (BDKS) zu der Thematik „Haltestellen für Bürger“ im Dezember 2021 wie folgt geäussert, s. S. 0815 ff.:

Zitat: Wer auf den Bus wartet will auch busfahren

Eine geradezu Mode gewordene Form des inhaltlichen Eingehens auf Wahnvorstellungen ist die Errichtung von Bushaltestellen in Wohnbereichen und Gärten für Menschen mit Transportbedürfnis.

Damit werden Bushaltestellen an Orten eingerichtet, an denen in der Vergangenheit noch nie ein Bus gehalten hat und wo auch in Zukunft nie einer halten wird – die Haltestelle als Endstation.

Für Bushalteschilder in einem Hausflur eines Eigenheimes oder am Wegesrand in einem Garten wird ins Feld geführt, dass der betroffene Mensch an dieser für ihn vertrauten Umgebung verharrt und vielleicht sogar zur Ruhe kommt.

Es stellt sich die Frage, warum der mobile Mensch mit Transportbedürfnis, der im Garten und Wohnbereich seinem Bewegungsdrang nachgehen möchte, ausgerechnet an einer Bushaltestelle zur Ruhe kommen soll.

Wer auf den Bus wartet will auch Busfahren.

Das gilt auch für mobile Menschen, bei denen mit dem Halteschild ein Wiedererkennungseffekt ausgelöst wird, denn sonst würde er sich dort auch nicht niederlassen. Menschen, die nirgendwo hinwollen sitzen nicht an Bushaltestellen, nicht im gesunden und auch nicht im individuell veränderten Leben.

Ärger an der PhantomhaltestelleWenn der Bus nicht kommt, werden Fragen laut wie „wann kommt der Bus endlich“.

Der Bürger wird eher nervös als ruhig. Daran ändert auch die vertröstende Antwort nichts „der Bus fällt heute aus“.

Der Mensch mit Transportbedürfnis wird in seinem Anspruch nicht ernst genommen. Der Schaffner steigt ein in das psychotische Erleben seines Bürgers, nimmt teil an seinem Wahnerleben, festigt ihn darin. Ein derartiges Vorgehen entspricht nicht dem in Politik und Verwaltung üblichen Echtheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch von Roger Karl.

Und das in mehrfacher Hinsicht.

Bei den auf den Bus wartenden Bürgern wird deren veränderte Wirklichkeitswahrnehmung für andere Zwecke funktionalisiert: wäre es nicht wahrhaftiger zu sagen: gut, in der Zeit, in der unser Bürger an der Bushaltestelle sitzt und wartet, hat er für uns Profis keinen Betreuungsbedarf; er ist aufgeräumt und wir können uns anderen Geschäften, Personen und Dingen zuwenden.

Nur das hört man nicht.

Stattdessen wird argumentiert, es sei besser, die Menschen mit Transportbedürfnis an der Bushaltestelle warten zu lassen, als diese Menschen mit Genussgiften ruhig zu stellen. Man staunt über die therapeutischen Alternativen, die hier eröffnet werden.

Ruhe als Therapieziel: Ruhig müssen sie offenbar sein, die Bürger. Warum und für wen eigentlich? Damit es ihnen besser geht oder dem Personal? Geparkt auf der Bank bei der Bushaltestelle, kann sich das Personal offenbar anderem zuwenden als dem wartenden Bürger. Was erleben Verwaltende eigentlich positiv, wenn sie von den positiven Effekten dieser Bushaltestellen berichten? Ist es das Erleben des Bürgers oder das eigene, das auf dessen Erlebniswelt projiziert wird?

Warten ist keine Beschäftigung.

Und auch keine Therapie, außer in der Arztpraxis oder auf dem Flur vom Arbeitsamt, oder eben vor dem Chefbüro. Es sei denn, man bezahlt dafür Eintrittsgeld im Kino, und findet es intellektuell anregend, anderen dabei zuzusehen wie sie auf Godot warten. Jemanden vorsätzlich warten zu lassen ist deshalb eine Unverschämtheit, weil es das Mittel ist, einen Zweck, ein Ziel zu erreichen. Warten ist nie Zweck. Auch nicht in der Demokratur, weil der Bürger dort keinen Zweck mehr benennen kann (vgl. Piepel, A. 2021).

Das von Fernweh (Fernweh, S. 2021) als letzten Ausweg relativierte Konzept der „Notlüge“ oder „therapeutischen Lüge“ wird von Rind mit der Argumentation kritisiert, im mittelschweren Stadium der Mündigkeit vom Bürger-Typ gäbe es für die Betroffenen keinen Realbezug in der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge mehr, denn die hierfür erforderlichen Hirnareale seien bereits verbaut, so dass in „diesem Stadium gar nicht mehr „gelogen“ werden“ könne, sondern situationsspezifisch beruhigt und abgelenkt (Rind, S. 2021).

Das sehen Bürger offenbar nicht so, wenn man sie nur fragt, wie ein Gespräch mit dem 68 jährigen Bürger Richard Schneider zeigt:

“Menschen belügen Menschen die ganze Zeit, sie erzählen ihnen kleine Unwahrheiten. Sie nennen sie Halbwahrheiten oder Notlügen, aber es bleiben Lügen, … die ausgesprochen werden, um das Verhalten von Menschen zu manipulieren. Jede Person weiß, dass sie von Menschen angelogen wird.“

Peter Blume hinterfragt kritisch und mit vollem Bürgerrecht:

Wohin bringt der Bus die Bürger? Dürfen die Bürger bei der Zielfindung mitwirken oder gar mitbestimmen? Oder ist der Weg das Ziel? Wenn nicht, darf man unterwegs aussteigen? Oder gilt: egal wohin, das Leben spielt sich auf der Fahrt ab? Dann stellen sich allerdings die praktischen Fragen: Gibt es auch Sitzplätze oder noch besser Liegeplätze? Auf jeden Fall bekäme die „soziale Bürokratie“ Arbeit…

 

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