Badatz!

»Badatz!« klingt lautmalerisch, vielleicht ist es das auch. »Badatz!« ist ein neues Buch von HerKules Magazin Mitautor Chajm Guski und eine Sammlung von  44 Geschichten aus dem »jüdischen Alltag«. Es treten Menschen aus London, Antwerpen,  natürlich dem Ruhrgebiet, Israel und von nebenan auf.

Man trifft auf jüdische und nichtjüdischen Besucher von Synagogen, auf Super-Orthodoxe, Konvertiten, Naa-zis, Zionisten und Anti-Zionisten. Natürlich sind das alles Stereotypen, aber welche, die man wiedererkennt. Durchaus ernstgemeinte Exkurse zum Thema Kaschrut und Hawdalah, der Zeremonie zum Ausgang des Schabbat, sind dazwischengeschoben. Was »Badatz!« eigentlich bedeutet, wird übrigens schon in der ersten Geschichte erklärt. Diese Geschichte zeigt HerrKules-Magazin hier.

»Badatz!«

war das Geräusch, das die Pappschachtel machte, als sie auf dem Boden unserer neuen Küche auftraf, nachdem ich meiner Frau die Botschaft überbracht hatte:

Ich wollte unsere neue Wohnung gern einigen Verwandten und Bekannten zeigen. Deshalb hatte ich sie alle zu einem festlichen Kiddusch eingeladen.

»Badatz« wäre auch das Geräusch gewesen, das der feuchte Schwamm an meinem Kopf gemacht hätte, den meine Frau nach mir warf – wenn ich mich nicht rechtzeitig weggeduckt hätte.

»Badatz« wird aber auch das Kaschrut-Zertifikat der »Edah HaChareidit« in Israel genannt.

Von diesem Zertifikat sagt man, also eigentlich sagt es die Edah HaChareidit, es stehe für den höchsten, ja allerhöchsten, Standard.

Meine Frau sagte, Onkel Joram achte da besonders drauf. Und so erhöhten sich unsere Ausgaben für die Veranstaltung um mehrere hundert Prozent.

Das bedeutet, wir mussten Plastikgeschirr kaufen, denn Onkel Joram würde sich ansonsten nur ein Glas Wasser wünschen. Wer weiß, welche nichtkoscheren Dinge wir vorher auf unserem Ge­schirr liegen hatten. Auch wenn das nicht der Fall war, gehört eine gesunde Portion Misstrauen zum guten Ton. Wohl deshalb erschien mir das Glas Wasser als gute und günstige Alternative, dachte ich. Verkniff mir aber, genau dies auch laut zu sagen. Auch meine Frage, ob das schlimm sei, wenn die Lebensmittel mehr kosteten als die neue Küche.

Als ich vom Einkaufen zurückkam, hatte ich sogar Eier mit einem Kaschrut-Zertifikat in der Tüte. Wobei sich das einfach anhört. Mal eben zum »Einkaufen« bedeutete eigentlich 200 Kilometer nach Antwerpen und 200 Kilometer wieder zurück ins Ruhrgebiet. Die ganzen Waren mit entsprechendem Stempel gibt es ja nicht bei jedem Discounter. Zu den unfassbar hohen Preisen kamen jetzt noch die Fahrtkosten.

Irgendjemand hat mal behauptet, Juden seien reich. Muss man das irgendwo anmelden? Ich könnte mir vorstellen, dass das auch auf mich zutrifft. Ich hätte nichts dagegen. Leider ist das noch nicht der Fall.

Das Zertifikat der Eier allerdings stammte nur von der »Edah Virtualit«, einer fiktiven Zertifizierungsstelle, deren Stempel einem Zeichenprogramm auf meinem PC entsprang. Überflüssig zu erwähnen, dass Onkel Joram diesen Stempel besonders beeindruckend fand.

Tante Keren hingegen achtete nicht besonders auf Kaschrut, bestand aber darauf, dass die Lebensmittel aus ökologisch einwandfreien Betrieben stammen. Also entweder vom Biometzger oder Biohof und dann per Biotransport zum Bioladen.

Da es offenbar keinen speziellen Bioschächter mit Biokaschrutzertifizierung »Öko-Badatz« gab, mussten wir auch hier improvisieren.

Da sie Jüdin war, würde sie uns die Gleichung »Koscher = Gesund« natürlich nicht abnehmen.

Das Plastikgeschirr dagegen fand sie überaus praktisch für kleine Feiern. »Dann kann man später einfach alles wegwerfen und hat Ruhe.« Das beeindruckte sie.

Ihren Mann traf ich übrigens häufiger in der Innenstadt, wenn er sich nach der Arbeit in einen Imbiss schlich, um sich eine »vernünftige Zwischenmahlzeit« zu gönnen. Döner meistens, aber ohne den ganzen Salat: »Fleisch reicht«.

Ob der schöne neue Teppich, der unter unserem großen Esstisch lag, denn auch ökologisch einwandfrei wäre, fragte Tante Maya. Noch bevor ich antworten konnte: »Klar, sonst werden doch die Kinder krank, die ihn knüpfen«, schob sie hinter-her: »Den müsst ihr gut pflegen«.

»Badatz« war dann das Geräusch, das der Plastikkidduschbecher von Tante Maya machte, als er unseren nagelneuen Teppich traf und dessen Muster um einen roten Kreis aus billigem Kidduschwein ergänzte -irgendwo musste ich sparen und man konnte den Wein ganz praktisch in die Flaschen des hochwertigen Weines umfüllen. Unsymmetrisch blieb es nicht lange, denn Tante Maya feuerte wenig später einen weiteren Becher hinterher und eines der Kinder ergänzte etwas Traubensaft. Übrigens bringt es nichts, mit den Schuhsohlen darauf herumzureiben. Das entfernt den Flecken nicht, aber es gibt ihm eine andere Form. Vielleicht bezweckte Onkel Joram das ja.

Auch aus dem frühen Aufbruch der Gäste, den wir uns erhofft hatten, wurde leider nichts. »Dann bleiben wir bis zur Hawdalah und fahren mit dem Taxi nach Hause«, schlug jemand vor. Ein Wunder, dass noch Wein übrig war für Hawdalah. Meiner Meinung nach befand sich der Großteil unserer Vorräte inzwischen auf dem Teppich.

»Badatz« machte schließlich der blaue Müllsack mit dem Schabbesgeschirr in der Mülltonne. Mit ihm verschwand der Traum von einem ruhigen Kiddusch zu Hause. Übernächste Woche sind wir zu Tante Maya eingeladen. Ich werde natürlich den klebrigsten Kidduschwein mitbringen, den ich finden kann.


 

Das Buch ist erhältlich bei der Buchhandlung Junius in Gelsenkirchen und bei amazon.{jcomments on}

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Chajm Guski

Chajm Guski

Chajm ist begeisterter Bewohner des Ruhrgebiets (könnte sich grundsätzlich aber auch vorstellen, woanders zu leben), Herausgeber von talmud.de, Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet, Blogger, Autor von Artikeln und Glossen in der„Jüdischen Allgemeinen”. Zudem ist er ein Early Adaptor der vielen technischen Spielereien, die das Internet jeden Tag hervorbringt. Einige werden auch hier dokumentiert.
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