Bernd Matzkowski – Catwalk mit Minervas Eule

HerrKules im Gespräch mit Bernd Matzkowski über Unruhestand, Altersmilde, Ökofaschismus und seine nachhaltige Fortsetzungserzählung „Das Schwein im Fahrwerkschacht.“

 

HerrKules: Sind Sie bequem geworden?

Bernd Matzkowski: Wieso?

HerrKules: Weil Sie als Rentner über so etwas wie einen Aufstand, eine Rebellion schreiben, aber selbst nicht mehr politisch aktiv sind.

Bernd Matzkowski: Das ist so nicht ganz richtig. Ich habe nach 25 Jahren kommunalpolitischer Arbeit kein Mandat mehr angenommen, weder im Rat noch in einem Ausschuss. Und ich gehe auch nicht mehr so häufig zu Veranstaltungen und Versammlungen – und auf Demos eher auch nicht. Ich berufe mich dabei aber auf mein Alter und diverse Erkrankungen. Ein Nebeneffekt ist übrigens eine gewisse Altersmilde in politischen Debatten.mivers eule

Deshalb ist es ganz gut, dass ich nur noch im Aufsichtsrat des Musiktheaters sitze; der tagt etwa zweimal im Jahr- und dort gibt es auch kein parteipolitisches Feldgeschrei, keine Profilierungswut und kein taktisches Gezerre.

Aber das Schreiben – das habe ich schon immer gemacht. Meine erste Veröffentlichung datiert aus 1980.

HerrKules: Ein Sachbuch, oder?

Bernd Matzkowski:  Ein Band über Till Eulenspiegel und den Schelmenroman. Und danach folgten über zwanzig weitere Bände, viele immer mal wieder überarbeitet und einige in etlichen Auflagen. Die Gesamtauflage liegt bei weit über einer Viertelmillion. Einige meiner Bücher findet man an ziemlich exotischen Orten, wie etwa an moldawischen oder israelischen Universitätsbibliotheken. Da müssen sich die dortigen Germanistikstudenten mit meinen Gedanken beschäftigen.

Herrkules: Ihre ersten Veröffentlichungen aber waren doch scharfe politische Pamphlete…..

Bernd Matzkowski: .. ich erinnere mich. Mein schriftstellerisches und sprachliches Talent sprach sich in der politischen Szene schnell herum und ich verfasste für verschiedene kommunistische Parteien und Politgrößen Programmteile bzw. korrigierte sie  als Endredakteur. Da konnte ich so manchen Unsinn entschärfen oder, was mir mehr Vergnügen bereitet hat, manchen Unsinn reinschreiben. Ich habe mich oft gefragt, warum niemanden der eine oder andere Blödsinn aufgefallen ist, den ich in die deutsche Ausgabe von Maos „Worte des Vorsitzenden Mao“ schmuggelte.

maobibelHerrkules: Sie haben am kleinen roten Buch des großen Vorsitzenden…

Bernd Matzkowski: quasi mein Bestseller. Habe ich aber nichts von gehabt, weil ich das umsonst gemacht habe.

Herrkules: Sie sind aber trotzdem ohne Probleme in den Staatsdienst übernommen worden?

Bernd Matzkowski: Ja, und das ist mir fast peinlich. Noch nicht einmal einbestellt hat mich zu einer Anhörung

HerrKules: Kommen wir von der Lebensbühne zur Bühne, die Sie als Autor und Akteur bespielten.

Bernd Matzkowski: Das fängt in ganz frühen Jahren an – mit Texten für das Gelsenkirchener „Kabanett“, danach für „Skylla und Charybdis“. Wobei diese Texte oft das Ergebnis eines Diskussions- und Arbeitsprozesses waren, am häufigsten mit Heinz Niski. Manchmal war am Ende nicht mehr klar, von wem der Text letztlich war. Das war aber auch nicht unbedingt entscheidend. Dann kommen die Texte dazu für über 50 „Nachtschalter“ und einige Ausgaben von „late night kitchen“ sowie für die „Emscherbruch“-Serie. Und natürlich das Schalke-Musical am MiR und die Oper über Fürst Pückler am Theater Görlitz.

Und zuletzt im Nachgang zu Fukushima ein Theatertext für eine Schülertheatergruppe. Für den Text und die Inszenierung gab es 2013 den Sonderpreis zum Umweltpreis der Stadt Gladbeck.

HerrKules: Und jetzt steuern Sie den Nobelpreis für Literatur an? Wie stehen die Chancen?

Bernd Matzkowski: In etwa so wie die von Herrn Wöll von der CDU bei der Wahl des Oberbürgermeisters in Gelsenkirchen im Mai.

HerrKules: Da haben Sie aber auch mal kandidiert!

Bernd Matzkowski: Und mit einem unterirdischen Ergebnis abgeschlossen. Heute bin ich aber froh, dass ich den Posten nicht habe.

HerrKules: Und wie kam es zu dem „Schweine-Text“?

Bernd Matzkowski: Drei Hauptfaktoren. Bei uns zu Hause wird viel über das Essen diskutiert, über gesunde Ernährung, bio, vegetarisch,vegan. Es gibt da so etwas wie einen Kampf zweier Linien.

Zweiter Faktor: die Regulierungswut – vor allem der EU. Stichwort. Glühbirnen. Ich glaube manchmal, dass es so ist: weil sie die wirklich entscheidenden Sachen nicht durchbekommen oder hin bekommen (Bankenregulierung, europäische Sozialpolitik, Flüchtlingsthematik) stürzen sich die Eurokraten auf solche Felder mit Ersatzhandlungsqualität. Und drittens: im Vorfeld der Bundestagswahl die von mir so empfundene Bevormundungsanmaßung der Grünen,…

HerrKules:…bei denen Sie immer noch Mitglied sind!

Bernd Matzkowski: Richtig. Gut dreißig Jahre. Und immer noch ohne Mitgliedsausweis! Aber diese Bevormundungshaltung gibt es nicht nur bei manchen Grünen, das ist ja schon in einigen Segmenten unserer Gesellschaft so eine Art mainstream, in dem nur noch darüber gestritten wird, wer oder was politisch korrekter ist als der andere. Da sind bestimmte Begriffe schon unkorrekt, da werden Gedanken und Wortverwendungen diffamiert, da ist der Übergang zwischen Diskurs und Gesinnungsdiktatur fließend. Und das wollte ich überspitzt darstellen. Deswegen herrscht in vielen Passagen auch ein ironischer Unterton.

Vielleicht kann ich das mal an einem Beispiel klar machen, was ich meine: Zur Zeit der Sarrazin-Debatte hatte ich einen SOWI-Kurs. Ich habe, sozusagen tagesaktuell und debattenfrisch, Auszüge aus dem Buch von Sarrazin, Diskussionstexte aus Tageszeitungen etc. behandelt. Das waren sehr lebhafte Stunden mit guten Auseinandersetzungen und deutlichen Positionierungen von Schülern, offene Gespräche – natürlich auch mit Positionen, die von den meinigen weit entfernt waren. Gleichwohl. Lebhafter Unterricht.

Und dann treffe ich auf zwei „linke“ Kollegen, die von ihren Schülern auf die Thematik angesprochen worden sind und gehört haben, dass die Thesen Sarrazins bei mir diskutiert werden. Und was sagen diese „Linken“ mir: So einen Scheiß behandele ich im Unterricht nicht!

Diese Pflege der eigenen Gesinnung, die die gute und richtige ist, das geht mir auf den Keks, letztlich eine – ich sag jetzt mal- rot-grün-alternativ lackierte Gartenzwergmentalität.

Deshalb geht es in der Korrektionsanstalt, in der die Geschichte spielt, eben um die richtige Gesinnung und Haltung.

HerrKules: Mit Anklängen an den Aufstieg der Nazis – ist das nicht heikel?

Bernd Matzkowski: Sehen Sie. Das ist so ein Abwehr-Reflex, den ich meine. Natürlich gibt es diese Anspielungen. Aber mir hat eher das Modell einiger Länder Osteuropas vorgeschwebt. Denken Sie mal an Ungarn. Und die Verdienste im Kontext der Wiedervereinigung und der Auflösung des Ostblocks. Die Freiheitsbewegung dort. Und was haben wir heute. Eine ultra-konservative, nationalistische Regierung. Meint: Aus der Freiheitsbewegung wird eine Knechtung. Mich interessiert der Umschlagpunkt. Mich interessiert die Ambivalenz. Das (vielleicht) Richtige wollen, es aber mit den falschen Mitteln anstreben. Der Zweck heiligt die Mittel eben nicht.

HerrKules: Sie wollen also mahnen und warnen?

Bernd Matzkowski: Ich wollte erst mal unterhalten – vor allem mich selbst beim Schreiben. Dann aber natürlich auch ein Publikum, von dem ich allerdings nicht weiß, ob es das gibt. Aber die Bedeutung von Literatur – auch als Satire oder Kabarett daher kommend- als Mahnerin und Warnerin überschätze ich nicht, jedenfalls nicht in solchen relativ offenen Gesellschaften wie der unseren. Aber auch als Hofnarr kann man scheitern oder gut sein.

HerrKules: Also als Eulenspiegel. Wie im ersten Buch.

Bernd Matzkowski: Ja, aber nicht der Mann mit der Eule und dem Spiegel. Ich leite Eulenspiegel von spegel (der Spiegel beim Rehwild) und ulen (fegen, wischen) ab – in den Imperativ gesetzt. Eulenspiegel bedeutet von daher übersetzt so etwas wie: Leck mich am Arsch.

 

 

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