Mount Rushmore – dreizehntes Kapitel

5. Tag, abends

Als Ehrgart an diesem Abend zum ersten Mal die Ergebnisse seiner Gemüseschnitzkunst auftrug, ging ein Raunen durch den Speiseraum, das zunächst durch einzelnes Händeklatschen untermalt wurde, sich aber schließlich zu einem Orkan der Begeisterung steigerte.

Selbst einige Wachleute ließen ihrer Anerkennung freien Lauf und klatschten mit. Ehrgart und die anderen zur Küchenarbeit eingeteilten Gefangenen (halt! Gefangene ist ein Unwort, es muss korrekt Kunde heißen) stellten auf jeden Gruppentisch ein Ensemble von Gemüseschnitzereien aus Möhren, Steckrüben, Chicorée, Weiß- und Rotkohl, Kohlrabi und Meerrettich. Es gab Beispiele klassischer asiatischer Schnitzkunst („Die drei Pagoden“, „Schwanenkönig“, „Das Schwert des Samurai“, „Pforte zur Glückseligkeit“), eine aus Meerrettich geschnitzte Nachbildung des „David“ von Michelangelo, eine an Alberto Giacomettis Plastik „Le chien“ (1951) angelehnte Hundefigur aus Kohlrabi und aus Steckrüben gefertigte Skulpturen, die parodistisch Werke des Plastinators Gunther von Hagens aufgriffen und bizarre Körperwelten präsentierten. Nachdem der Applaus abgeebbt war, setzten wir uns an die Tische und begannen mit dem Abendessen.

Höhe- und Mittelpunkt der Gemüseplatten für die vier Gruppentische war jeweils die Nachbildung eines Monuments: der Eiffelturm war vertreten, die Akropolis, das Colosseum und an unserem Tisch das Mount Rushmore National Memorial in South Dakota, USA. Ich war etwas verwundert, warum Ehrgart nicht auch für den vierten Tisch ein europäisches Monument oder Bauwerk nachempfunden hatte, denn Auswahl hätte es allein in unserem Land reichlich gegeben, etwa das Brandenburger Tor, Schloss Neuschwanstein, den Kölner Dom oder die Bauruine Stuttgart 21.

gemüseschnitzer„Was sind das für Gestalten?“ fragte mein Zellennachbar Auto-Manni.

„Das sind die vier amerikanischen Präsidenten, die im Mount Rushmore als riesige Köpfe von jeweils etwa 18 Metern Höhe in den Fels gehauen sind, von links nach rechts sind es George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roo…“.

Ich stockte.

„Äh, Theodore Roose….“.

„Ja, was denn jetzt? Weißt du es oder nicht? Komm´doch ´mal rüber mit der Info!“

„Doch, doch! Theodore Roosevelt und Abraham…“.

Wieder musste ich eine Pause machen.

„Was, der Abraham, der aus der Bibel. Sag mal, willst du mich verscheissern. Der war doch Präsident in Israel, aber nicht bei den Amis!“

Unsere drei Tischnachbarn starrten mich fragend an; keiner von ihnen hatte offensichtlich den Namen Lincoln parat. „Lincoln“, stammelte ich schließlich, „Abraham Lincoln.“

„Na, siehste Junge, geht doch. Na, dann guten Hunger allerseits. Und wenn keiner sonst scharf darauf ist, nehm ich die Köpfe“.

Niemand außer Auto-Manni war scharf darauf, den Mount Rushmore zu verputzen.

Die in den Felsen gehauen Köpfe waren wunderbar getroffen, Washington und Jefferson glichen ihren Vorbildern, als wäre das National Memorial nach einer von Ehrgart in Blumenkohl geschnitzten Vorlage entstanden. Aber die anderen beiden Präsidenten: Roosevelt hatte wie das Original seinen Schnauzbart und Lincoln den bekannten Backen-und Kinnbart – aber die Gesichtszüge stimmten nicht. Sie waren noch nicht einmal ähnlich, wirkten im Gesamtensemble nur auf den ersten Blick wie die Originale. Und das hatte mich für einen Moment stocken und verstummen lassen.

Tatsächlich waren hier aber, durch die Bärte der Originale verfremdet, der Regierungschef und die Parteivorsitzende gestaltet – als Blumenkohl-Kunstwerke, denen Auto-Manni nun mit Genuss die Köpfe abbiss.

„Mann, Mann, Mann – Ehrgart, kann ich da nur sagen. Dass es so ein Feintuning mit Grünzeug gibt, das habe ich aber auch nicht gewusst. Der Mann ist ja ein Künstler.“

Mit einem Biss köpfte Auto-Manni nun auch Washington und Jefferson. Die Beweismittelmittel für Ehrgarts subversive Aktion waren auf dem Weg in Mannis Magen und Darmtrakt und damit vernichtet.

Reizinger machte sich an „Drei Pagoden“ zu schaffen und fragte. „Woher kann der das, der Ehrgart?“

„Er war ´mal Koch“, antwortete ich.

„Und da lernt man sowas?“ fragte Manni beim Verputzen der letzten Brocken des Mount Rushmore.

„Ja, wenn man die entsprechende Schulung mitmacht“, sagte ich, während ich mir eine Nachbildung von Gunther von Hagens´ Plastik „Scheuendes Pferd mit Reiter“ aus dem Jahre 2000 vorknöpfte.

Das mit der Schulung war natürlich leicht untertrieben. Ehrgart hatte mehrere Monate in China verbracht, um das „Carving“, die Kunst des Gemüse-und Obstschnitzens zu erlernen, die sich auf die Zeiten der Tang- und der Sung-Dynastien (zwischen 600 und 1300 n. Chr.) zurückführen lässt. Er hatte, um sich zu perfektionieren, sogar einen Exzellenz- Kurs bei Wang Lun, einem der ehemaligen Leibköche des chinesischen Kommunistenführers Mao-Tse Tung belegt, einem weisen, alten Meister dieser Küchen-Kunsttradition, in der mehr als dreißig Obst-und Gemüsesorten ver- und bearbeitet werden. Von China aus war er nach Japan weiter gezogen – in die Präfektur Hyogo, wo es die berühmten Tajima-Rinder gibt, die nur, wenn sie im Umfeld des Ortes Kobe aufgezogen werden, als „Kobe-Rinder“ bezeichnet werden dürfen, die die Lieferanten des teuersten Rindfleisches der Welt sind.

„Alles schön und gut, dieses Grünzeug“, murmelte Fahrenhorst, „aber mal ein schönes Stück F… vom R…, so ein saftiges S… .“

„Hör auf zu sabbeln, sonst haben wir gleich die Aufsicht an den Hacken“, zischte Lobeck über den Tisch.

„Verdammt noch mal, darf man noch nicht mal Fleisch, Rind und Steak sagen“, drückte Manni mit vollem Mund zwischen den Zähnen hervor.

„Ruhig, Leute, ruhig“, sagte ich.

Meine Gedanken waren nicht bei Steaks, schon gar nicht bei Steaks von Kobe-Rindern, sondern bei ihr, bei Dr. Anastasia Samantha Sauber. Ehrgart sollte seine Kunst für mich einsetzen und mir dieses weibliche Wunder schnitzen – als Möhre, Kohlrabi oder Steckrübe. Und dieses Kunstwerk würde ich dann zur nächsten Sitzung bei ihr mitnehmen, sozusagen als vitaminreichen und politisch voll korrekten Liebesbeweis! Ich musste mit Ehrgart reden!{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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