Mythos I: Europa

Mythos I: Europa

Sagt Ihnen der Name Ossenkamp etwas? Ossenkamp, Ossenkamp, wer war das noch? War das nicht der Sohn vom alten Ossenkamp, von dem Ossenkamp, also von dem mit dem Sohn? Wie hieß der noch gleich? Wenn Sie mit dem Namen nichts anfangen können, ist das keine Schande. Wenn Sie weiterlesen, wird sich Ihr Nicht-Wissen in Wissen verwandeln.

Also: Herr Ossenkamp, gemeint ist Heinz Ossenkamp, der langjährige Vorsitzender der Kommunalgewerkschaft KOMBA. Und der Herr Ossenkamp hat, ob jetzt in seiner Funktion als Chef der Komba oder privat, also als Sohn vom alten Ossenkamp und weil er vielleicht das linguistische Hobby des Wörter-Zählens betreibt, nur zum Beispiel, bis hierhin hatte der laufende Satz 42 Wörter, wobei, nur für die Pingelingen unter Ihnen sei darauf hingewiesen, ich das Nomen Wörter-Zählen mit Bindestrich geschrieben habe, also dieser Herr Ossenkamp hat jedenfalls das Folgende herausgefunden: Das Vaterunser hat 56 Wörter, die Zehn Gebote kommen mit 297 Wörtern aus.  Aber eine EU-Verordnung über den Import von Karamellen und Karamellprodukten zieht sich über 26911 Wörter hin. Und das wirft doch die Frage auf: Was ist das eigentlich, Europa? Wohin gehen wir? Woher kommen wir? Und wer frisst die ganzen Karamellen und was sind überhaupt Karamellprodukte?
Zur Beantwortung dieser Fragen lohnt ein Blick in die Mythen! Was war am Anfang? Die Griechen, genauer gesagt: Zeus, der Gottvater. Der sitzt also mal wieder im Olymp und langweilt sich. Die Kinder – Apollo, Hermes, Aphrodite und der Rest der Bagage – sind aus dem Haus und gehen Geschäften nach. Der Krieg um Troja, der zehn Jahre Spannung bringt, hat noch nicht angefangen. Langeweile also! Zeus blickt nach links. Da sitzt seine Göttergattin Hera. Da langweilt sich Zeus noch mehr. Er geht zum Fenster, öffnet es, blickt mal hierhin und mal dorthin. Schließlich bleibt sein Blick in Phönizien hängen. Und wen sieht er da? Des phönizischen Königs Agenor schöne Tochter Europa.
Sofort beginnt es Zeus im Schritt zu jucken. Er fasst einen Entschluss und den Griff des Fensters, schließt es und wirft sich den Mantel über.
Wohin? fragt Hera.
Zu Dionysos, le Retzina primeur est arrivé. Hole mir ein Fläschchen.
So, so, murmelt Hera, neulich hast du gesagt, du willst nur Zigaretten holen und dann…
Aber das hört Zeus schon nicht mehr. Ein Fingerschnipsen – und er ist in Phönizien. Heute mache ich mal die Stiernummer, denkt er. Und verwandelt sich sogleich in ein göttliches Rindvieh.
Hallo, Europa!
Als wenn er es gewusst hätte. Europa fährt auf Stiere ab!
Hallo, Stier, flötet sie zurück. (Sie merken schon, dass ich mir Europa als eine ziemlich dümmliche Schickse vorstelle, die sogar Stiere anflötet).
Na, Europa, wie wäre es mit einem kleinen Ausritt, hast du Lust? Fragt jetzt Zeus.
(Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern: Das Original dieses Satzes kommt aus der Uralt – Fernsehserie „Fury“. Na, Fury, wie wäre es mit einem kleinen Ausritt? Hast du Lust? Und natürlich hat Fury Lust, schüttelt die Mähne und wiehert, dass der Lautsprecher im Fernsehgerät nur so scheppert).
Und natürlich hat Europa Lust. Sie bläht begeistert die Nüstern, schüttelt die Mähne und wiehert, dass es bei Zeus in der Buxe nur so scheppert. Noch schnell ein wenig 3-Wetter-Taft ins Haar, frau weiß ja nicht, wohin es geht und wie lange die Reise dauert.
Alsbald sitzt sie auf dem göttlichen Stier. Zeus schwingt sich mit ihr in die Lüfte und landet nach störungsfreiem Flug auf Kreta. Verwandelt sich in seine wirkliche Gestalt. Und den Rest wissen Sie – oder können Sie sich denken! Und so entstand Europa: ein griechischer Gottvater entführt eine kleinasiatische Königstochter nach Kreta!
Und heute – unter den Bedingungen der EU, die wir ja letztlich Zeus und der phönizischen Königstochter zu verdanken haben?
Zeus hätte mit Sicherheit keine Landeerlaubnis auf Kreta bekommen, weil ein Stier der Euro-Norm der Verordnung über Planung, Bau und Betrieb für Fahrzeuge der Zivilen Luftfahrt im Personen- und Frachtverkehr nicht voll entsprochen hätte. Zeus wäre also in der Warteschleife über Kreta verhungert.
Hätte er die Landeerlaubnis bekommen, etwa weil ein aktueller Notfall vorlag, denn auch ein göttlicher Stier kann nicht unbegrenzt im Luftraum verweilen, wären die Probleme allerdings noch größer geworden.
Phönizien gehört ja weder zu den Ländern mit Beitrittsassoziierung noch zu denen mit Freihandelsassoziierung nach Artikel 238 EWGV und ist auch kein Land mit Assoziierungspotenzial.
Damit greift das Europäische Interventionssystem zur Stabilisierung des EG-Binnenagrarmarktes für Flachs, Hanf, Hopfen, Baumwolle, Seidenraupen, Saatgut, Trockenfutter, Milcherzeugnisse und eben auch Rindfleisch. Wobei im Falle des Importes von Rindfleisch aus einem anderen Wirtschaftsraum, ein solcher Fall liegt hier vor, nicht bezuschusst, sondern abgeschöpft wird. Will sagen:  Europa, als vermeintliche Halterin des Tieres, wäre erst einmal zur Kasse gebeten worden. Nun ist die phönizische Währung aber nicht Euro-kompatibel. Keine Euros — kein Import von Rindfleisch!
Zudem wäre noch auf dem Flugplatz ein Veterinär vorstellig geworden, um den Stier zu untersuchen (Nur nebenbei: Schade, dass dieser Stoff nicht schon verfilmt worden ist, als Derrick-Darsteller Horst Tappert noch lebte. Ich stelle mir vor, wie Horst Tappert als Veterinär die Untersuchungsinstrumente aus seinen riesigen Tränensäcken hervorzieht).

Veterinär: Guten Tag, Frau Europa. Ich bin der staatlich vereidigte und amtliche Veterinär. Ganz ehrlich, liebe Frau: Sieht das Tier nicht schon recht alt aus? Wie steht es denn so mit BSE, MKS, ABS, PDS, GEZ und Rinder-TÜV?

Ob unser guter Zeus bei seinem Alter den Qualitätsanforderungen entsprochen hätte? Vielleicht hätte es für den Freibankstempel gereicht. Wahrscheinlicher ist aber, dass Zeus sofort in Richtung Tierkadaverbeseitigungsanstalt transportiert worden wäre, denn ein Stier, der von sich behauptet, oberster der Götter zu sein, muss ja an Rinderwahnsinn leiden und gehört sofort verbrannt. Wäre der Veterinär, was wir aber nicht annehmen wollen, bestechlich gewesen, dann hätte Zeus, in kleine Portionen aufgeteilt, vielleicht noch ein paar Runden an einem kretischen Gyros-Drehspieß machen können.
In beiden Fällen hätte wenigstens Hera recht behalten, denn sie hatte ja gleich vermutet: Der Kerl kommt nicht wieder!
Es sei denn—es sei denn, Europa hätte, vielleicht wegen sexueller Diskriminierung in Phönizien (Talk-show-Thema: Ich mache es gerne mit Stieren!), mit samt ihrem Stier Asyl beantragt und erhalten. Und hätte dann sagen können: Europa – die Freiheit nehme ich mir!{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

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geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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