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Auf der Promenade des Anglais – siebzehntes Kapitel

6.Tag, nachts

Ich wälzte mich auf meiner Pritsche hin und her. Dass ich nicht einschlafen konnte, lag nicht nur an Auto-Manni, der ständig schnarchte und wahrscheinlich in seinen Träumen mit dem Cadillac Eldorado Cabriolet (Baujahrahr 1959) unterwegs war, von dem er mir an diesem Abend vorgeschwärmt hatte. Seinem Schnarchen nach zu urteilen, holte er aus dem 6,4 Liter- V 8 Motor die kompletten 350 PS heraus.

 

Der Hauptgrund für meine Unruhe war das Gespräch mit Gratzek, Kotzer und Ehrgart. Wir hatten das Kartenspiel weiter geführt, denn es war eine gute Möglichkeit miteinander zu reden, ohne dabei großartig aufzufallen.

Gratzek hatte seit unserem ersten Tag in der Anstalt damit begonnen, Möglichkeiten des Protestes und Widerstandes auszuloten und nach Partnern dafür zu suchen. Sein erster Ansprechpartner war Kotzer gewesen, mit dem er zum Handy-Recycling eingeteilt war und der seine Protesthaltung eindrucksvoll tätowiert auf der Brust trug. Nach den Gemüseskulpturen, die Ehrgart angefertigt hatte, war klar, dass auch er mitmachen würde. Und ich? Bei mir waren sich die drei nicht sicher, aber Ehrgart hatte mich nach unseren Gesprächen ins Spiel gebracht. Und nun hatte ich meine Karten auf den Tisch gelegt, mehr aus einem Impuls als aus irgendeiner durchdachten Haltung heraus.

Gratzek hatte hoch in der Parteihierarchie gestanden und war zudem Bezirksbürgermeister gewesen und im Gegensatz zu den meisten Parteibonzen bei der Bevölkerung seines Bezirks äußerst beliebt. Er war ein Kümmerer, jemand der Probleme sah und anpackte und im Gespräch mit den Bürgern blieb und nicht abgehoben von ihnen Parteibeschlüsse ohne mit der Wimpern zu zucken durchdrückte.

Mehrfach hatte er auf Parteikongressen seit dem PROGRAMM DER GROSSEN ERNEUERUNG gegen die Führung und ihre Linie gewettert und bei Abstimmungen mehrfach Gruppen von Delegierten hinter sich gebracht. Die Führung wollte ihn los werden, zumindest aber seinen Einfluss schmälern. Eine Intrige wurde ins Rollen gebracht.

„Es findet sich immer irgendein willfähriger Trottel, dem man eine Beförderung oder Privilegien verspricht und der dann ein schmutziges Spiel spielt. Und es fand sich ein Beamter der Bezirksverwaltung, der Geldtransfers in seinem Ressort so geschickt manipulierte, dass man es mir anlasten konnte. Mein Name stand unter den Akten, denn schließlich musste ich alle finanziellen Vorgänge gegenzeichnen, und so erhob man den Vorwurf der Bestechlichkeit und der Verschwendung öffentlicher Gelder gegen mich“, hatte Gratzek gesagt.

„Das werfe ich mir heute vor – nicht genau hingesehen zu haben, nicht alles selbst kontrolliert zu haben, nicht jede Rechnung geprüft zu haben. Aber wo kommen wir hin – ohne Vertrauen in die Loyalität von Mitarbeitern? Wo kommen wir hin, wenn jeder jeden ständig kontrolliert und beobachtet?“

Gegen Gratzek wurde ein Verfahren eingeleitet, er wurde seines Amtes als Bürgermeister enthoben und von seinen Parteiämtern suspendiert. Doch noch hatte er eine große Zahl von Anhängern und Unterstützern, auch in der PDKE selbst. In seinem Bezirk kam es zu Kundgebungen und Protestumzügen, die seine Wiedereinsetzung forderten. Bis zum Prozess blieb er zunächst auf freiem Fuß.

„In dieser Zeit wurde mir klar“, war Gratzek fortgefahren, „dass ich allzu lange eine Rolle in einem Spiel gespielt hatte, ohne dass ich das wollte. Ein Spiel, das Scheindemokratie hieß, und in dem ich der nützliche Idiot war, der durch seine abweichende Meinung und seine Anträge auf Parteikongressen diesen Schein aufrecht erhielt. Dass sie mich loswerden wollten, mich kalt stellen wollten und immer noch wollen, lag nicht an meinen Anträgen und diesem Widerspruch, sondern an meiner Beliebtheit in meinem Bezirk und der verletzten Eitelkeit der Parteiführung, der ich nicht ständig Zucker in den Hinter blies und der ich nicht in allem auf einer Schleimspur hinterher kroch. Dieser nützliche Idiot gewesen zu sein, dass werfe ich mir heute mehr als alles andere vor, mehr als meine Unlust, jeden Aktenvorgang geprüft und dadurch die Möglichkeit eröffnet zu haben, gegen mich vorzugehen.

ratzekellyDieser Staat , der als Nanny-Staat daher kommt und alles für uns regelt, ist ein Staat, der seine Bürger bevormundet und eine Entmündigungskultur betreibt. Und die Spitzenleute in Staat und Partei verhalten sich nicht anders als die in allen anderen Ismen und jedem eingefärbten Denksystem: sie geben auf die kompliziertesten Fragen die einfachsten und schlichtesten Antworten, die alle Widersprüche glatt bügeln, und nehmen für sich in Anspruch, die endgültigen Wahrheiten nicht nur gepachtet, sondern selbst gefunden zu haben. Und deshalb entschloss ich mich, bei der angesetzten Fernsehdiskussion mit dem Regierungschef alles auf eine Karte zu setzen.“

Bei der Fernsehdiskussion vor rund zwei Wochen hatte Gratzek den Regierungschef frontal angegriffen, von einer Gesinnungsdiktatur gesprochen und den Vorwurf des Machtmissbrauchs erhoben und die Intrige gegen sich öffentlich gemacht. Der Regierungschef war schließlich mit hochrotem Kopf und wutschnaubend aufgesprungen und hatte das Fernsehstudio verlassen.

„Ich habe noch keinen anderen Menschen mit so viel Schaum vorm Mund gesehen“, sagte Gratzek.

Gratzek hatte die Diskussion die Einweisung in die Anstalt eingebracht, in der er bis zum Beginn seines Prozesses bleiben sollte. Dass diese Diskussion meinem Bettnachbarn im Krankenhaus ein Rohr im Kopf eingebracht hatte, erwähnte ich nicht. Im Nachhinein tat es mir nur leid, dass ich nicht auf seine Erzählung eingegangen war.

Als die Zeit vorgerückt war, hatten wir die letzte Runde Rommé ausgespielt. Ich lag mit deutlichem Punktevorsprung vorne.

„Glück im Spiel- Pech in der Liebe“, frotzelte Kotzer zum Abschied. Jeder ging in seinen „Privatraum“.

Und da lag ich nun und dachte an morgen, soweit man bei dem Geschnarche denken konnte.

Als ich endlich einschlief, fiel ich in einen farbigen Traum. Ein Mann, der ich war, aber aussah wie Cary Grant, und eine Frau, die Anastasia Sauber hieß, aber aussah wie Grace Kelly, fuhren in der Abenddämmerung die wunderbar beleuchtete Promenade des Anglais in Nizza entlang und steuerten auf Monte Carlo zu. Das Verdeck unseres Eldorado Cabriolets war geöffnet, eine leichte Brise, vom Meer her kommend, umwehte uns. Und ich holte alles aus dem V 8 Motor raus, was drin war.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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