depression

Bleigewichte und ein exotischer Duft – einunddreißigstes Kapitel

13. Tag

Es war, als steckte ich in einem Sumpf von Lethargie, aus dem herauszukommen unmöglich war. Und mit jedem Versuch, mich ans Ufer zu ziehen, mit jeder Bewegung meiner Arme und Beine, sank ich tiefer hinein in diese zähe Masse aus Selbstvorwürfen, Hilflosigkeit, dumpfer innerer Leere, Verzweiflung, apathischer Willenlosigkeit und gekränkter Eitelkeit.

 

Bleigewichte lagen auf meinen Schultern und drückten mich in eine schwarze Tiefe, aber mir war im hintersten Winkel meines Bewusstseins klar, dass ich mir diese Bleigewichte selbst aufgeladen hatte.

Mannis Versuche, mich aufzumuntern, wies ich ab. Kotzers gute Laune, mit der er beim morgendlichen Frühstück die Stimmung der anderen aufgehellt hatte, ging mir auf die Nerven. Gratzek und Ehrgart mied ich.

Ich war mir selbst zum Ekel geworden, und deshalb ekelte mich die Welt an.

depressionIch verbrachte den Tag größtenteils auf meiner Pritsche in einem Zustand des Halbschlafs. Ich verfluchte den Tag, an dem ich an dem Raucher-Flashmob teilgenommen hatte, ich verfluchte den Tag, an dem ich zur ersten Sitzung bei ihr gegangen war und in eine Situation gestolpert war, die ich nicht beherrscht hatte, ich verfluchte den Abend, an dem ich unangemeldet ihr Zimmer betreten hatte, ich verfluchte meine Kurzschlussreaktion, meine kindische Eifersucht, meinen Mangel an Vertrauen. Vor allem verfluchte ich, dass ich die Übersicht verloren hatte über mein Leben und dass ich daran schuld war. Ich verfluchte am meisten mich selbst.

Und ich war voller Scham – vor allem gegenüber Wallbaum, in dem ich nur Qualle gesehen hatte, einen fetten Schreibtischtäter, der sie befingerte, der aber in Wirklichkeit mehr Mut hatte als ich, der seinen Kopf hingehalten hatte und jetzt dafür bezahlen musste.

Die Welt schrumpfte für mich zusammen auf die zwei Quadratmeter Pritsche, diesen Sumpf aus Metallgestell, Matratze, Bettlaken, Wolldecke, Kopfkissen und Selbstanklage.

Zum Mittagessen ging ich nicht, das Abendessen wollte ich auslassen.

Irgendwann am Nachmittag tauchte Kotzer auf – ich tat so, als schliefe ich. Er verschwand wieder, ohne ein Wort zu sagen. Die Welt der anderen interessierte mich im Moment nicht mehr. Und doch konnte ich ihr nicht entfliehen. Das Pochen in meinem Arm erinnerte mich in jeder Minute meiner versumpften Gegenwart an die Szenen von gestern: den Chor der Wallbaum-Rufe, seine geballte Faust, die niedersausenden Schlagstöcke, denen ich die Schmerzen im Arm verdankte, und ihr Weinen.

Wem hatte das gegolten? Wallbaum, ihrem alten Weggefährten? Oder doch mir? Uns beiden? Oder den Umständen, denen all das, was in den letzten Tagen bis gestern geschehen war, zugeschrieben werden musste?

Am frühen Abend zogen die Tage seit meiner Einlieferung in ausschnitthaften Bildern wie im Zeitraffer an mir vorbei: das Schwein, das aus dem Himmel gefallen war, die Gemüsekunstwerke Ehrgarts, mein Krankenhausaufenthalt, der Rommé-Abend, Kotzers Duschen-Performance, die Prügelorgie, sie und ich auf der Liege, umweht von dem intensiven Geruch des Kampot Rouge. Und zwischen diese Galerie von Momentaufnahmen schoben sich immer wieder diese beiden Gesichter, deren Blick mich überall verfolgt hatte.

In Wallbaums Zimmer hatten sie mich angeglotzt, im Krankenhaus auf mich herabgeschaut, von den Spielkarten hatten sie mich angegrinst – Arschlöcher!- als Puzzleteile waren sie präsent – und auf dem Flur zu ihrem Zimmer hatten sie voyeuristisch meinen Weg begleitet und mich in meiner ganzen Verzweiflung gesehen. Blicke der Kontrolle, der Überheblichkeit, Blicke eines maßlosen Anspruchs, Blicke, die mich auf die Pritsche nagelten, Blicke von Matratzen-Aliens, die ohne Chips auskamen, sondern alles und jeden mit ihren ubiquitären Allmachtsaugen steuerten.

Hass stieg in mir auf. Ein Hass, der meine Lethargie vertrieb, meine dumpfe Trübseligkeit und mein überzogenes Selbstmitleid zerbröckelte, meine Scham verscheuchte, meinen Welt- und Selbstekel auflöste und die Bleigewichte, die auf mir lagen, pulverisierte.

Ich stand auf. Ich machte mich auf den Weg zum Speisesaal.

Das Abendessen war bereits abgeräumt. Ehrgart, Kotzer und Gratzek saßen an einem Tisch und spielten Karten. Was auch sonst! Um ihren Spieltisch herum saßen andere Männer – wie aber interessierte Zuschauer. Wenn ich mich nicht täuschte, war jeder der Arbeitsbereiche der Anstalt mindestens durch einen Mann vertreten.

„Schön, dass du endlich kommst. Wir dachten schon, du verpennst den ganzen Tag. Wir müssen reden“, sagte Ehrgart.

Ich nickte. Wir redeten, bis wir in unsere Zellen mussten.

Als ich in mein Privatgemach zurückkehrte, lag auf meinem Bett ein blass-blaues Geschenkband, das zu einer Schleife gebunden war und intensiv nach einem exotischen Pfeffer duftete.

Manni sah mich an, lächelte und sagte kein Wort.{jcomments on}

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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