Ein Vierteljahrhundert.

Ich kann mich an eine Karikatur aus meiner frühen Kindheit erinnern, die betitelt war: „Flieg auf, du deutscher Adler“ und einen Reichsadler zeigte, der mit aller Mühe versuchte, trotz gewaltiger Ketten an den Füßen, emporzufliegen. Sie erschien 1953 anläßlich der nahezu volligen Rückgabe der Souveränität an die deutsche Bundesrepublik.

 

 Ich habe diese Karikatur noch öfter in meinem Leben gesehen und jedesmal völlig anders beurteilen können und müssen. Beim ersten Mal, als ich sie mir bewusst ansah, fiel mir die ungeheure Chuzpe auf, die darin zum Vorschein kam: War es doch gerade mal ein paar Jahre her, dass von Deutschland, na, wir alle wissen schon…

 Namensnennung: Frank C. MüllerUnd dennoch wird den Aliierten ihr überaus faires, nach christlicher Kultur ausgerichtetes Verhalten vorgeworfen.

 Sie geriet mir zu Zeiten des 6-Tage-Krieges Israel gegen eine von Nasser aufgeputschte Arabische Front ieder in die Hände. Als Israel uns – auf diplomatischem Wege – um Hilfe in Form von Hardware bat, und zwar tat Israel dies im Anblick der eigenen Vernichtung, hielt sich Deutschland fein heraus und bot, als alles verbei war, „humanitäre Hilfe“ an. Ob da wirklich eine Lieferung von Gasmasken dabei war oder ob es sich um eine unendlich geschmacklose Zeitungsente handelte, habe ich nie erfahren. Ab dieser Zeit habe ich Schwierigkeiten, meine Heimat mit dem Begriff „Vaterland“ in eine Linie zu bringen.

Mein Vater hätte sein letztes Hemd gegeben.

 Aber der Adler erschien mir wie der Geier aus Disneys „Dschungelbuch“, ein wenig ganovengesichtig und nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

 Nach der sozial-liberalen (es gab mal eine „liberale“ Partei in Deutschland, die Älteren werden sich noch erinnern) Koalition bekam der Adler in meinen Augen eine bedenklich hummelförmige Figur und der stolze Adlerschnabel wandelte sich in ein Papageiengebiss um. Und wie aus diesem, ein Adler kennt die Bedeutung der Worte nicht, die er spricht,  eine sinnlose Anordnung von Wörtern quoll, so auch aus jenem, nur bei jenem klang es lustiger, wenn es zum Beispiel von den „Puben und Mädeln ta traußen im Lande“ sprach, und bei jedem Wort bedeutungsvoll in den Himmel schaute.

 Und gerade dieser Karikatur von einem Machtmenschen fiel die „Einheitserrichtung“ in den Schoß. Ihm, und seinem Teltschik. „Wiedervereinigung“ in diesem Sinne ist nicht p.c., weil alle nach 1949 in diesem Land Geborene noch nicht mit den Brüdern jenseits der Zonengrenze vereinigt war. Die DDR-Volkskammer schuf sich eine Institution, die sie „Treuhand“ nannte und dem Lande drüben den Rest gab. Es „abwickelte“.

Viele Betriebe der sowieso nur sehr bedingt sinnvoll produzierenden Industrie gingen für einen Apfel und ein Ei komplett, samt Toilettenpapier, nach China, wo sie halfen, das „Gelbe“ Wirtschaftwunder aufzubauen.

 Damals kramte ich zum vorletzten Male die Karikatur hervor. Das alte Zeitungspapier wurde schon brüchig, aber ich sah deutlich die langsame Metamorphose des alten Reichsadlers in eine Pekingente.

 Als ich sie mir gestern, am 25. Jahrestages der von Gorbi geschenkten Einheit wieder einmal ansah, hatte sie endgültig die Form des Bundesadlers aus dem Berliner Parlamentsgebäude. Satt, zufrieden, Bonn erprobt und wohl gerade ein Bäuerchen aufstoßend, sah er mich an. Und ich muss gestehen, so gefiel er mir am besten. Weit entfernt vom Wörtchen „Macht“. Dafür aber in unsichtbaren Lettern auf dem Bauch stehend „Zuverlässig und verantwotungsbewusst“.

Und nach 25 Jahren der Einheit sind wir denn nun doch zu EINEM Volk geworden. Mit Haken und Ösen und aller Unvollkommenheit eines Gebildes von Menschen.{jcomments on}

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Friedhelm Möllmann

Friedhelm Möllmann

Friedhelm wurde im Februar 1950 in Gladbeck Zweckel geboren, zog im Alter von einem Monat nach Scholven um und wurde damit zum überzeugten Bueraner. Er ist bekennender Christ und wohl auch bekennender, weil kritischer Katholik. Schriftsetzer mit allen Gutenbergschen Würden. Gelernt hat er bei der damals besten “Bude” der Welt, K+B auf der Hagenstraße in Buer. Er ist ohne Probleme durch die Zwiespältigkeit der Jugend, hie DPSG, dort Rock’n'roll, gekommen. Er hat kein Abitur. Seit 1980 ist er verheiratet, mit mittlerweile zwei erwachsenen Nachfahren, nach 3 Herzinfarkten und einem Stammhirnapoplex ist er seit 2011 berentet und nicht mehr ganz fit – aber nur körperlich!! Er gehört keiner Partei an, wobei er den Unionsparteien, der FDP, den Piraten, den Grünen und den Linken ganz besonders nicht angehört. Nach IG Druck und Papier, nachmals IG Medien, jetzt bei IG ver.Di nur noch zum Rentnerbeitrag Mitglied. Friedhelm Möllmann verstarb im Oktober 2015.

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