DER KAISER IST NACKT

wurstulli
Wurst Ulli

DER KAISER IST NACKT
Das ist schon eigentümlich. Der FC Bayern München eilt von Erfolg zu Erfolg – wirtschaftlich und sportlich. Vermutlich ist er, zumindest in dieser Saison, die beste Vereinsmannschaft der Welt. Gleichzeitig aber entpuppen sich seine Spitzenkräfte als kleine Betrüger.
Einer (der Wurst-Uli) sitzt wegen Steuerhinterziehung im Knast, der zweite (Kalle Rummenigge) wird vom Zoll beim Schmuggeln von Luxus-Uhren erwischt. Und der dritte Top-Mann, der Ehrenpräsident, die Lichtgestalt, der Kaiser Franz steht im Zentrum eines Bestechungsskandals.
Nun also, nach Wochen des Schweigens, kaiserliche Worte zu diesem DFB-Skandal.

Am gestrigen Freitag waren bereits Zusammenfassungen in einigen „Leitmedien“ wie zum Beispiel BILD (die Hauspostille von Franz B.), aber auch „Tagesschau“ und „heute“ zu lesen und zu sehen. Schwerpunkt: der Vorwurf Beckenbauers an die Interimsspitze des DFB (Rauball und Koch), diese habe ein persönliches Schreiben von ihm nicht beantwortet, was Rauball bereits am Abend via Fernsehnachrichten dementierte, wobei er auf ein Antwortschreiben verwies.
Ein völliger Nebenkriegsschauplatz, auf dem es um Streitigkeiten zwischen Funktionären geht. Aber offensichtlich interessant genug für Hauptnachrichtensendungen. Zum Kern der Sache (Stimmenkauf für die WM 2006, ominöse Schriftstücke und Geldbeträge) : NICHTS!
Und heute also das komplette Interview in der „Süddeutschen“ (Nr. 269 v. 21./22.11.2015, S. 13-15).
Drei Seiten lang schwadroniert die Lichtgestalt über die damaligen Vorgänge, über beteiligte Personen, über seine Befindlichkeit, vor allem aber über seine Vergesslichkeit. Denn immer dann, wenn es um präzise Antworten geht, kommen Sprechblasen oder Beckenbauer weiß von nichts mehr oder betont seine Gutgläubigkeit. Auf die Frage nach dem Schriftstück, das er und Jack Warner einige Tage vor der Abstimmung über die WM 2006 unterschrieben haben und in dem es um Leistungen des DFB für den von Warner vertretenen Verband und ihn persönlich geht (u. a. Ticketkontingente, die Millionen einbringen), antwortet er: „Wissen Sie, was ich damals alles unterschrieben habe. Tausende von Briefen, Tausende von Erklärungen, Tausende Vereinbarungen. Ich habe immer einfach alles unterschrieben, ich habe sogar blanko unterschrieben. (…)Ich habe immer blind unterschrieben, wenn sie meine Unterschrift gebraucht haben.“(S. 13)
Ansonsten:
„Das weiß ich nicht.“ (S. 14)
„Warum, weiß ich nicht.“ (S. 14)
„Was soll ich sagen? Ich weiß es einfach nicht.“ (S. 14)
„Das weiß ich nicht mehr.“
„Ich weiß bis heute nicht, dass ich einen Schuldschein unterschrieben habe.“ (S. 14)
„Ich weiß es wirklich nicht.“ (S. 14)
„Ich weiß es wirklich nicht.“(S.14)
„Was soll ich dazu sagen, wenn ich nichts mehr dazu weiß.“ (S.15)
„Was wir gesprochen haben? Keine Ahnung.“(S.15)
Aber bei all dem Nicht-Wissen und all der Ahnungslosigkeit, weiß Beckenbauer eines aber noch mit Gewissheit: „Ich habe ein reines Gewissen. Wir haben weder bestochen, noch haben wir schwarze Kassen gehabt.“(S.15)
Und eines ist auch selbstverständlich: aus einem derartigen Interview geht ein Beckenbauer nicht heraus, ohne Grundsätzliches, ohne Philosophisches: „Warum glaubt der Mensch immer nur das Schlechte? Warum ist das so?“
Vielleicht ist das so, weil Gestalten wie Beckenbauer Interviews wie dieses geben, in denen sie sich bei brennenden Fragen auf ihre Vergesslichkeit und ihr Nicht-Wissen berufen, obwohl sie im Zentrum von Entscheidungen gestanden haben.
In den einleitenden Zeilen zum dreistündigen Gespräch bringen die Reporter der „SZ“ ihre Ratlosigkeit zum Ausdruck, wenn sie über Beckenbauer schreiben: „Er tut sich manchmal mit den Erinnerungen sehr schwer, und die Beobachter wiederum tun sich schwer, das einzuschätzen: Ist das echt? Oder berechnend? Eine Strategie?“ (S. 13)
Vielleicht ist es viel einfacher – ganz unabhängig davon, was Beckenbauer gewusst und getan hat. Vielleicht ist einfach nur so wie in dem Märchen. Und es fehlt nur das Kind, das mit fester Stimme ruft: „Der Kaiser ist nackt!“

Verwandte Themen

Auf dem Weg in die GAK oder Die Krise des DFB ist auch eine Krise des (Sport-)Journalismus
Das Muster ist uns ja bekannt - aus Wirtschaft (siehe VW) und Politik (Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,...

eigentlich müsste man sich als schalker…
eigentlich müsste man sich als schalker am samstag eine niederlage der bayern im cl-finale wünschen.erst...

Jesus twittert
  ja,ja. in sieben tagen die welt gebaut. aber für einen sohn brauchte er doch eine frau. guten appetit!...

Der Kaiser schickt seine Soldaten aus
Für die jüngeren und jungen Leserinnen und Leser sei das Spiel kurz erklärt, das ich gelegentlich...
Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
Bernd Matzkowski

Letzte Artikel von Bernd Matzkowski (Alle anzeigen)

Noch nicht bewertet.

Bewerten Sie diesen Artikel

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.