Kreuzberg liegt nicht in Ückendorf

Leerstand, Stadtplanung, ein Justizpalast und die kreative Szene in Gelsenkirchen
Geht es nach den Stadtplanern in Gelsenkirchen, dann liegt das neue Kreuzberg mitten im Stadtteil Ückendorf. Hier sollen sich Kreative und Bürger aus dem Mittelstand ansiedeln, die den Standort nach vorne bringen.
Der Stadtteil liegt direkt an der Hattinger Straße, die von der Autobahn A40 in die Innenstadt führt. Begrüßt werden die Besucher durch Fast-Food-Ketten, ein Casino und seit neuestem durch den noch nicht ganz fertiggestellten Justizpalast. Anfang 2016 sollen hier Amts-, Arbeits- und Sozialgericht in das 48,5 Millionen teure Gebäude einziehen. 12600 Kubikmeter Beton und 2200 Tonnen Stahl wurden verbaut – herausgekommen ist ein schmuckloser Bau mit drei mächtigen Quadern. Das neue Tor zum Stadtteil Ückendorf und zum Süden der Stadt ist also ein Gericht geworden.

https://youtu.be/cgKncnjKefo
Ückendorf wird in den Augen der Gelsenkirchener Bevölkerung immer noch als sozialer Brennpunkt gesehen. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, Ladenlokale an der Bochumer Straße stehen leer und die Gründerzeithäuser verfallen. Daran haben auch die Stadterneuerungsprogramme nicht viel geändert. Seit 2002 sind rund 4,5 Millionen Euro an Bundesmitteln nach Gelsenkirchen Südost geflossen und zu diesem Gebiet zählt auch Ückendorf. Eine Evaluation der Ergebnisse wird vom Bundesministerium für Umwelt erst Mitte nächsten Jahres vorgelegt. Allerdings zeigt der Augenschein sehr schnell, dass die Fortschritte im Stadtbild nur sehr begrenzt sichtbar sind. In der Krise liegen natürlich immer Möglichkeiten und das glaubt auch der Standortentwickler Siegfried Panteleit: „Das sind Entwicklungsräume, von denen manche Großstadt nur träumen kann“. Das zielt natürlich auf die immer gern eingespannten Kreativen ab. So gehören zum kreativen Netzwerk der „Insane Urban Cowboys“ nach eigenen Angaben inzwischen etwa 60 Fotografen, Designer, Theaterleute, Tänzer, Musiker und Maler, die eine starke Verbindung zur Region und auch zum Stadtteil Ückendorf haben. Geht es nach den Stadtplanern soll mit der Underground-Kunst die Entwicklung des Quartiers angeschoben werden. Im Stadtteil ist davon bisher wenig zu sehen.
In Ückendorf leben aktuell etwa 19 000 Menschen. Die Arbeitslosigkeit ist mit zeitweise 28 Prozent sehr hoch und liegt weit über dem Durchschnitt in Gelsenkirchen. Hier leben auch viele Migranten und Menschen ohne deutschen Pass. Als Vorbilder für eine positive Entwicklung werden immer wieder das Hamburger Schanzenviertel und natürlich Kreuzberg genannt. In der Tat ist der Zustand vieler Häuser in Ückendorf mit der Situation der Mauerstadt in den 80er Jahren vergleichbar.
Die Ursprünge des kreativen Chaos in Berlin liegen auch in der Hausbesetzerszene der 80er Jahre. Dort begann im Februar 1981 eine Besetzungswelle und auf dem Höhepunkt waren 165 Häuser besetzt. Von solch einem kreativen Potenzial ist Ückendorf weit entfernt.
So scheitert derzeit schon die Ansiedlung der gewünschten „Szene-Gastronomie“ an bürokratischen Kleinigkeiten der kommunalen Bauordnung. Nach 22 Uhr geht in Ückendorf nicht mehr viel im Nachtleben. „Der Schaffung von Planungsrecht muss eine politische Diskussion vorausgehen“, sagt Siegbert Panteleit. „Es wird die Frage zu beantworten sein, wo wir dem Wohnen und wo wir zum Beispiel Veranstaltungsnutzungen oder handwerklicher Produktion den Vorrang geben. Zurzeit gibt es dabei kaum Spielraum im Quartier“. Kreuzberger Nächte sind eben nur in Kreuzberg wirklich lang.
Dabei reicht es manchmal auch einen kleinen Stein ins Wasser zu werfen. Eine solche Gelegenheit bietet das ehemalige Verwaltungsgebäude des Gussstahlwerkes an der Bochumer Straße. Zurzeit hat hier noch das Arbeitsgericht seinen Sitz, aber der Umzug in den Neubau des Justizzentrums auf der anderen Straßenseite steht bevor. Es gab eine kurze Diskussion in der Stadt, ob der Fachbereich Journalismus der Westfälischen Hochschule in den Stadtteil umziehen soll. Das hätte viele Vorteile und würde dem Stadtteil neues Leben einhauchen. Die Studenten könnten in den attraktiven und noch renovierungsbedürftigen Gründerzeithäusern preiswert wohnen. Außerdem würde es der daniederliegenden Gastronomie neue Impulse geben. Die Studenten wären nicht mehr an den Stadtrand abgeschoben, sondern kämen im wirklichen Leben an – für angehende Journalisten keine schlechte Voraussetzung. Damit würde sich auch das Problem der Mobilität lösen, denn Autobahn und Hauptbahnhof liegen in unmittelbarer Nähe. Das wird von den Studenten regelmäßig beklagt, denn die Hochschule liegt am äußersten Stadtrand und nur schwer erreichbar.
Für den Präsidenten der Westfälischen Hochschule – Professor Bernd Kriegesmann – steht ein Umzug derzeit nicht auf der Tagesordnung:
„Die Journalisten werden nicht umziehen, sondern die bleiben hier am Campus. Hier ist die gesamte studentische Infrastruktur von Mensa bis Bibliothek. Das sind 300 bis 350 Studierende plus eben die Dozenten. Die sind hier gut untergebracht und das soll so bleiben“.

Dabei wäre ein Umzug keine große Angelegenheit, denn sowohl die Gebäude der Hochschule und das Gericht haben mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW denselben Vermieter. Der Bau ist im

Renate Hildebrandt Ost-Berlin, Besetzte Häuser, Mainzer Straße 1990 Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0)
Renate Hildebrandt
Ost-Berlin, Besetzte Häuser, Mainzer Straße 1990
Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0)

neoklassizistischen Stil errichtet und auch von innen sind die 3100 qm sehr attraktiv. Dort warten über 40 Büroräume, vier Sitzungssäle, Lagerräume, Sanitärräume und Abstellräume auf neue Nutzer. Es gibt Interessenten unter Fotografen, Journalisten, Filmproduktionsfirmen und Galeristen – keine schlechte Kombination im Verbund mit der Ausbildung von Journalisten. Die Hochschule kann sich zumindest eine Nutzung für die Talentförderer vorstellen, die stärker in den Stadtteilen aktiv werden sollen. Allerdings brauchen die maximal 20 Mitarbeiter keine 3100 qm und weitere Nutzer wären notwendig. Denkbar wäre auch ein „Coworking Space“, der in den Metropolen dieser Welt schon zum Standard gehört. Also einem Arbeitsplatz, wo Freiberufler, Studenten, Kreative, Startups und Digitalarbeiter zeitlich befristet zusammenarbeiten.
Die Entscheidung für die Zusammenlegung der Gerichte hat die schwarz-gelbe Landesregierung zwischen 2005 und 2010 getroffen. Durch Zusammenlegen der Strukturen sollen Kosten gespart werden, was sich angesichts der hohen Baukosten allerdings noch erweisen muss. Es war also fünf Jahre lang Zeit sich Gedanken über eine Folgenutzung zu machen und passiert ist kaum etwas. Der Umzug des Gerichts ist auf Anfang des kommenden Jahres festgesetzt und was dann mit dem alten Gebäude passiert ist weiter offen. Die Kritik trifft alle Beteiligten: Justizministerium, Landesregierung, Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW und die kommunale Politik. Dabei geht es auch um die Frage, warum die Landespolitik den durch überdurchschnittlichen Leerstand gekennzeichneten Immobilienmarkt in Gelsenkirchen überhaupt durch das Leerziehen öffentlicher Gebäude zusätzlich belastet.

Derzeit sieht es so aus, dass die bestehenden Möglichkeiten wieder nicht genutzt werden. Es ist zu erwarten das im besten Fall Verwaltungen, Büros und Kanzleien in die Räume an der Bochumer Straße einziehen. Das wird den Stadtteil nicht weiter voranbringen. Das zeigt schon der benachbarte Wissenschaftspark, der in den 90er Jahren erbaut, immer noch wie ein Fremdkörper wirkt. Mit dem Justizzentrum ist das zweite Raumschiff in Ückendorf gelandet und von einem neuen Kreuzberg ist der Stadtteil weit entfernt.

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Michael Voregger

Michael Voregger

geboren 1961 in Gelsenkirchen Freier Journalist, Medienpädagoge und Blogger Diplom-Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Internationale Politik, Pädagogik und Wirtschaft Freier Hörfunkjournalist für den WDR und den Deutschlandfunk. Außerdem Entwickler von Bildungsprojekten im Bereich Medien für verschiedene Auftraggeber (Landesanstalt für Medien, Bundeszentrale für politische Bildung, Agentur für Arbeit, Engagement Global, u.a.). journalistenbuero michael voregger wallotstr. 10 45883 Gelsenkirchen fon 0209 147 5208 fax 0209 147 5209 mobil 0171 4162 680 mail michael@voregger.de www.dasjournalistenbuero.de

6 Gedanken zu „Kreuzberg liegt nicht in Ückendorf

  • Bernd Matzkowski
    13. Januar 2016 um 16:17
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    klasse aufbereitung des gesamtzustandes und einiger verpasster chancen. als langjähriger bewohner des viertels kann ich mich noch daran erinnern, dass es auf der bochumer mal kleine ladenlokale mit spezialitätenläden (italien, spanien, portugal), funktionierende lokale(pizzeria) und überhaupt attraktiveres leben gegeben hat. jetzt ist es eher ein problemviertel(siehe den erneuten polizeieinsatz gegen eine pöbelnde und böller schmeißende großgruppe).
    ein sündenfall:der bau der hochschule am stadtrand. mit dem wipa-gelände und dem gelände der ehemaligen brauerei(heute kultur ruhr, lichthof etc.)stand ein wunderbares areal mit anbindung zur verfügung, diese chance wurde vertan. stattdessen der einfallslose neue justizklotz mit dem seltsamen deal: finanzamt süd (ebenfalls ein wunderbares gebäude, das jetzt leer steht) nach norden, justiz nach süden. schön für verstärkten innerstädtischen verkehr mit parkplatzkampf bei uns vor der haustür–tolle sache auch für leutchen(ältere), die nicht mal eben von ge nach buer und umgekehrt mit dem auto zuckeln können-
    also: danke, michael, für diese tolle übersicht!

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  • Heinz Niski
    14. Januar 2016 um 10:38
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    Wenn ich es richtig erinnere, versichern die Quartiers-Akteure, dass Ückendorf all das nicht hat, was der naive Beobachter als unabdingbar erforderliche korrespondierende Vorraussetzung für innovative kreative Explosionen hält: Drogenhandel- und Konsum, Prostitution, Schutzgelderpressung, Mafia, Gangs, Geldwäsche, Raub, Diebstahl, Vergewaltigung, Menschenhandel, No-Go-Areas – kurz – die dunkle Seite des Mondes ist nicht in Ückendorf verortet, allenfalls von dort in einer ungefähren Ferne zu sehen.

    Vielleicht blickt die Welt aber gerade deshalb auf die Underground Kunst aus Ückendorf (Welt vom 07.09.14) auf den Rohdiamanten (WAZ vom 15.08.14) – der neue Trend heisst „Massvoll“ – ein bisschen Schmuddel ja, aber nur so, dass es (Theater)Kulisse ist, nicht auf dem Sprung, dem realen Leben zudringlich zu werden?

    Möglicherweise lässt sich eine brodelnde Kunst- und Kulturszene mit Strahlkraft tatsächlich gemanaged installieren – ich bin neugierig.

    Jedenfalls (noch) nicht so skeptisch wie andere Kommentatoren, z.B. bei den Ruhrbaronen.

    http://www.ruhrbarone.de/kreuzberg-liegt-nicht-ueckendorf/117784#

    weitere Künstlerviertel

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  • Heinz Niski
    14. Januar 2016 um 13:53
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    http://shop.urb-clothing.com/
    Wegen Reichtum geschlossen?
    Der Shop ist geschlossen.

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    • Bernd Matzkowski
      14. Januar 2016 um 17:22
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      und das wohl schon seit längerer zeit; das ladenlokal liegt ja bei mir um die ecke, da hab ich mal nachgeschaut- schmutzige scheiben, einsame stoffstücke auf stange- und das kurz nach einem waz-artikel über die damen!

      aber den leder- und gummi- sexshop, den gibt es noch (direkt neben dem geschlossenen ladenlokal). vielleicht hat der einen ausstattervertrag für interessenten im justizpalast!

      ansonsten:
      „Einer für alle, alle für einen… Gelsenkirchen passt auf“ formierte sich in diesen Tagen.“ (meldung in der online waz von heute). die truppen dann wohl bald auch auf der bochumer straße, oder?

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      • Heinz Niski
        14. Januar 2016 um 22:27
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        „….das ladenlokal liegt ja bei mir um die ecke, da hab ich mal nachgeschaut- schmutzige scheiben, einsame stoffstücke auf stange- …… „

        Eine Raum-Installation? Ein entleerter Walking-Act? Land Art? Fluxus? Environment?

        Mindestens aber ein mysteriöses insane urban Rätsel.

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  • Heinz Niski
    17. Januar 2016 um 16:58
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    In diesem Artikel geht es auch (ungenannt) um Ückendorf. Die einen werden sagen, dass da wieder Journalisten von einander abgeschrieben haben ohne zu recherchieren, die anderen werden ihre Eindrücke bestätigt bekommen.
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/kriminalitaet-gesetz-der-strasse-1.2819952

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