Banksy Foto: Pawel Ryszawa (CC BY-SA 4.0)

Eine Flucht – Meine Geschichte

Über mich zu sprechen ist schwer, über mich selbst zu reden macht mich müde und leicht werfe ich meine Stifte weg. Während ich dies schreibe, zittern manchmal meine Hände und meine Augen werden müde. Aber nun werde ich meine Geschichte erzählen:

Vielleicht ist meine Geschichte einfach und sie gibt Ihnen einen Eindruck, wie mein Volk in Syrien litt und immer noch leidet. Ich spreche über ein Mädchen, das ihr Land und ihre Familie liebt. Ich war glücklich, liebte das Leben im allgemeinen und war sehr hoffnungsvoll und ehrgeizig. Ich säte Glück und bei der Ernte wollte ich kein Unglück oder Pech, ich wollte ein Leben in Frieden.

Ich komme aus einer kurdisch-syrischen Familie, die in einer Stadt namens Al-Hasaka lebt, die im Nordosten von Syrien liegt. Meine Familie besteht aus 8 Personen, die ein gutes Alltagsleben führten in Frieden. Alle genossen ihre Mahlzeiten zusammen, wir spielten zusammen und unterhielten uns gut. Immer wenn mein Vater das Haus verließ mit seinem Auto, wollten wir alle, dass er zurückkommt und hupt mit seiner Hupe. Wir alle liefen zur Tür, glücklich ihn zu begrüßen und umarmen zu können. Mein Vater arbeitete fleissig, um seine Familie zu ernähren. Oft brachte er Gemüse, Obst und Süsses. Während mein Vater relaxte, bereitete meine Mutter das Essen vor. Abends saßen wir am Tisch beim Essen, lachten und hatten eine gute Zeit, bis wir müde wurden. Wir alle gingen zu Bett und schliefen in der Hoffnung, einen guten neuen Tag zu erleben.
Aber nicht jede Nacht ist gleich. Die Dunkelheit brachte böse Dinge wie Stille, Schreie und Korruption und eine Menge obdachloser Menschen. Und Millionen von Leuten mußten auswandern und viele Leute starben wie meine 3 Cousins. Mütter waren sehr traurig und weinten. Die Schreie von Vätern und Kindern konnten im Himmel und auf der Erde gehört werden.

Florent Darrault - (CC BY-SA 2.0)
Dismaland Foto: Florent Darrault – (CC BY-SA 2.0)

Die Leute fragten sich: ‚Was ist denn los? Hat der Krieg begonnen? Ja, es war die große Katastrophe, ein Krieg, der Trauer und Tragödien mit sich brachte. Das öffentliche Leben kam zum Stillstand, Fabriken, Schulen und öffentliche Gärten schlossen. Manchmal, wenn ich durch die Strassen ging, erinnerte ich mich daran, wie es in der Vergangenheit war und wie es jetzt ist. Ich führte mein Leben weiter, aber nicht wie ich es wollte. Ich entschloss mich, mein Land zu verlassen und ich überliess es seinem Schicksal und Gott. Ich sagte Aufwiedersehen zu meiner Familie und Freunden und ging weg in eine unbekannte Zukunft. Ich wollte nicht weggehen und guckte zurück mit Bedauern. Ich fragte mich: ‚Ist es ein Traum oder die Wirklichkeit ?‘
Bis jetzt habe ich nicht verstanden, was geschehen ist. Ich ließ mein Herz in meinem Land Syrien und nun bin ich hier nur in meinem Körper anwesend.
Ich ging weg mit meinen Brüdern, mit ein paar Lebensmitteln und etwas Geld und Kleidung. Wir kamen von Syrien in die Türkei und wir begannen an einem türkischen Fluss, wir blieben in einem Wald einen Tag lang und warteten auf den Sonnenaufgang. Es war eine furchtbare Nacht mit vielen Geräuschen von Tieren und einem Regensturm.
Dann gingen wir auf ein Schiff, das 8m lang war mit 50 Passagieren. Wir trugen Rettungswesten. Das Schiff brachte uns nach Griechenland und wir beteten, dass es uns vor der See und den türkischen Kontrollen retten würde. Gottseidank erreichten wir Griechenland sicher. Menschen und Journalisten hießen uns willkommen und wir waren glücklich und zur gleichen Zeit traurig.
Wir telefonierten mit unseren Eltern, um ihnen zu sagen, dass wir in Sicherheit waren. Danach gingen wir nach Mazedonien und dann nach Serbien. Wir fuhren mit dem Bus und dem Zug. Wir gingen zu Fuss nach Kroatien und fuhren nach Slowenien mit dem Zug. Dann kamen wir in Österreich an und später zu dem Tor unseres Ziels ‚Germany‘.
Wir kamen in Dresden an am 10.10.2015, dann ging es nach Bielefeld und Schöppingen. Endlich kamen wir nach Gelsenkirchen, wir wurden in Lagern untergebracht 3 Monate lang, das war schrecklich, weil da so viele Leute waren. Ich hatte einen Raum mit 8 Fremden. Es war laut und es stank. Ein Deutscher stellte uns eine Person vor, die uns unterstützt und uns half, eine Wohnung zu finden und sie zu möblieren. Dank ihm leben wir in einer Wohnung. Wir lernen die deutsche Sprache kennen und gehen unseren Hobbies nach wie z.B. Singen und Geige spielen.

Unterschiede Deutschland/Syrien

Mein Leben in Syrien war wunderbar und interessant, weil ich in meinem Land war. Aber ich muss die Wirklichkeit akzeptieren. Du kannst nicht immer haben, was Du willst.
Und jetzt lebe ich hier in Deutschland, ich nenne es ‘ die Mutter der Welt‘, weil in unserem Land die Rechte wie eine Wohnung, Arbeit, ein Heim, eine Zukunft zu haben und selbstbestimmte Heirat nicht immer gegeben ist oder schwer zu erreichen ist.
Respekt vor Leuten, im Frieden zu leben, die Chance, eine Arbeit zu bekommen sind in Deutschland besser als in Syrien. Die meisten Leute sind gute Menschen mit einer offenen Geisteshaltung, die die Realität anerkennen für die Zukunft zu planen. Sie leben ihr Leben von Moment zu Moment.
Für mich ist Deutschland ein neues Land, eine neue Sprache und eine neue Kultur und eine neue Perspektive. Manche Leute können sich anpassen und manche können es nicht. Das ist typisch für Menschen.
Die Gesetze sind anders hier als in meinem Land. Ich denke in Deutschland zu leben ist gut und ich wünsche mir, dass es so bleibt. Ich würde gerne mein Leben hier aufbauen und meine Familie wieder treffen.

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Beitragsbild: Banksy  Wall of Bethlehem – Foto: Pawel Ryszawa (CC BY-SA 4.0)

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Avesta Houssin

Avesta Houssin

Studentin, Musikerin, Autorin aus Al-Hasaka (Syrien) 1994 geboren - lebt und lernt seit November 2015 in Gelsenkirchen. Sie spricht und schreibt auf kurdisch, arabisch, englisch, deutsch.
Avesta Houssin

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4 Kommentare

  1. Oma Elerm

    Die kleine Inge, knapp drei Jahre alt,
    spricht noch nicht sicher und flüssig.

    Mitte 1944, die Sirenen heulen.

    Inge rennt durch die Wohnung
    und sieht die Oma apathisch in einer Ecke sitzen.

    Inge ruft: „Oma, Oma, Elerm, Elerm.“

    Mit das A das klappt noch nicht so richtig.

    Sie tritt der Oma vor einen Fuß, Oma kommt in Gang.

    Die Mutter legt den Säugling Marlis in den Kinderwagen.

    Im vorderen Bereich des Gefährts, in Griffnähe,
    wird ein Brett aufgelegt für die kleine Inge.

    Aufgesessen und los geht die Fahrt zum Hochbunker.

    Angriffsziel der Befreier Gelsenberg, Kohleöl Produktionsanlage.

    Diese Rituale wiederholten sich noch einige Zeit.

    Ab Ende Oktober 1944 war wieder mehr Platz im Kinderwagen.

    Im Alter von 7 Monaten verstarb Marlis auf dem Weg zum Arzt,
    vermutlich Diphterie.

    Ihr kleines Grab verschwand
    in einem Bombentrichter,
    Nähe Gelsenberg,
    irgendwann
    im letzten Semester eines der bekannt sinnlosen Kriege.

    Zahlreiche “Befreier” und “Befreite”
    wurden und blieben Kriegstreiber und Waffenhändler.

    Zu Jahrestagen feiern sie mit Paraden
    ihre Geräte zur Menschenentsorgung.

    Inge findet noch Kraft, hin und wieder
    Kranke und einige Gräber zu pflegen.

    Kein Ausweichplanet in Sicht.

  2. Um die Integration der Autorin muss man sich offensichtlich nicht sorgen. Scheinbar gibt es in Gelsenkirchen die Probleme anderer Lager nicht, zumindest hört und liest man kaum etwas über Konflikte.
    Zitat: „Endlich kamen wir nach Gelsenkirchen, wir wurden in Lagern untergebracht 3 Monate lang, das war schrecklich, weil da so viele Leute waren. Ich hatte einen Raum mit 8 Fremden. Es war laut und es stank.“

    Anders schon der Bericht der Süddeutschen:

    http://www.sueddeutsche.de/bayern/asyl-dicke-luft-1.2861005

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