Les Temps Perdus – Teppichstange und Beat-Musik

Folge 5

Das Wohnhaus, in dem ich aufgewachsen bin, war ein Eckhaus. Es teilte sich einen Innenhof (Hinterhof) mit zwei Nachbarhäusern. Auf den Hof, an den ein Garagenhof grenzte und auf dem zwei Schuppen standen, gelangte man aus den drei Häusern durch die vom Flur nach hinten gehenden Hoftüren und von der Straße aus durch eine Toreinfahrt.
Auf diesem Hinterhof war das einzig Grüne die lackierte Tür eines der beiden Schuppen. Von einem rostigen Rot-Braun war dagegen ein Ausstattungselement, das in der damaligen Zeit auf vielen Hinterhöfen, aber auch auf Rasenflächen, wenn zu den Wohnhäusern denn welche gehörten, zu finden war: die Teppichstange. Ihr zweiter Name deutete auf ihre Funktion hin: Klopfstange. Klopfstangen waren Geräte aus Metall mit einer Breite von zwei bis drei Metern und etwa zwei Metern Höhe.
Über diese Stangen wurden Teppiche gehängt, um dann mittels eines Teppichklopfers gereinigt, also vom Staub und Schmutz sowie der einen oder anderen Milbe befreit zu werden. Teppichklopfer, zumeist aus Rattan- oder Weidengeflecht, in späteren Jahren auch aus Kunststoff hergestellt, kann man sich wie einen überdimensionalen Federball- oder Tennisschläger vorstellen.
Die Teppiche, in den damaligen Jahren Bestandteil einer gediegenen Wohnzimmerkultur und Ausdruck gewachsenen Wohlstandes ( im Flurbereich oder im Schlafzimmer auch als „Läufer“ vorhanden), wurden zum Zwecke der Reinigung auf den Hof getragen, über die Teppichstange gehängt und dann mit dem Klopfer bearbeitet, wobei häufig auch eine zweite Person mithalf, die den Teppich hielt. War die eine Seite „ausgeklopft“, entwich also kaum noch Staub, wurde der Teppich gewendet und die Prozedur auf der zweiten Seite fortgesetzt.
Für uns Kinder erfüllte die Teppichstange natürlich einen ganz anderen Zweck: sie war Klettergerät, Turnstange und in aller erste Linie natürlich Fußballtor, durch das man nicht zur unbedingten Freude der Erwachsenen einen Lederball pflastern konnte, der nur allzu gerne, wenn der Torwart ihn nicht hielt, krachend von einer Schuppenwand zurückprallte.
Übrigens soll es in der damaligen Zeit durchaus üblich gewesen sein, den Teppichklopfer auch als Instrument der Erziehung einzusetzen(sozusagen als Ergänzung zum Rohrstock), mit dem man nicht nur Teppiche, sondern auch die Hinterteile von Kindern bearbeiten konnte. Zum Glück kann ich dazu nichts aus eigener Erfahrung beitragen.
Eine Variante des Teppichklopfens war übrigens die allerdings bei uns eher selten vorkommende Methode, den Teppich mit der Oberseite in Schnee zu legen, um ihn dann auszuklopfen. Der Schnee saugte die Schmutzpartikel auf, so dass das Ergebnis der Klopf-Tätigkeit sich als dunkles Abbild des Teppichs im Schnee zeigte.
Ab etwa Mitte der 60er Jahre verloren Teppichstange und Teppichklopfer immer mehr an Bedeutung. Einerseits durch das Vordringen des erschwinglich gewordenen Staubsaugers, der bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfunden worden war, andererseits aber auch durch die Verbreitung von Teppichböden als Bodenbelag.
Das immer seltener zu hörende Geräusch des Teppichklopfens wurde zum Signal einer Welt im Wandel, die nun bestimmt werden sollte durch die neuen musikalischen Töne, die aus Radios und bald auch immer häufiger aus den Fernsehgeräten in deutsche Wohnstuben drangen. Die Klopfgeräusche aus dem Hinterhof wurden ersetzt durch die Beats einer neuen Musik- und Jugendkultur. Am 25.September1965 strahlte Radio Bremen den ersten Beat-Club aus. Uschi Nerke mit Teppichklopfer?
Undenkbar!

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

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