Les Temps Perdus – Mit Kohlepapier und Schreibmaschine durch Schule und Studium

Folge 6

Woran kann man feststellen, dass ein Produkt in der öffentlichen Bedeutungslosigkeit verschwunden ist, also so gut wie nicht mehr vom Endverbraucher nachgefragt wird?

Im Falle der Schreibmaschine vielleicht daran, dass dieses Gerät, das mich über Jahrzehnte begleitet hat, im Jahre 2003 aus dem Verbraucherpreisindex gestrichen wurde, also aus jenem Waren- und Dienstleistungskorb genommen wurde, dessen Zusammensetzung alle fünf Jahre aktualisiert wird und der dazu dient , die jährlichen durchschnittlichen Preisveränderungen anzugeben.

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Bild: Pavel Krok – Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic

Mit der Schreibmaschine, die bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aus keinem Büro, keiner Dienststelle und keiner Amtsstube wegzudenken war, verschwanden weitgehend auch Materialien, die im Zusammenhang mit der Verwendung der Schreibmaschine nützlich oder erforderlich waren. Tipp-Ex, in flüssiger Form oder als kleine weiße Papierstreifen, das Farbband, zunächst nur schwarz oder dunkelblau, später dann auch schwarz-rot geteilt, und das Kohlepapier, an das – junge Menschen aufgepasst! – im heutigen E-Mail-Verkehr in den Kopfzeilen die Buchstaben CC erinnern, denn CC steht für Carbon Copy.

Auf einer Triumph-Adler mit Typenhebel – es gab auch Maschinen mit Typenwalze, Kugelkopf oder Typenrad – habe ich nicht nur etliche Hausarbeiten und Referate im Studium zusammengezimmert, sondern auch meine Arbeit für das 1. Staatsexamen. Durch Korrekturen (mit Tipp-Ex!), besonders aber durch das Hineinarbeiten von Fußnoten und das dadurch notwendige Auseinanderschneiden und wieder Zusammenkleben von Seiten sah diese Arbeit (vom Inhalt will ich schweigen!) so gruselig aus, dass ich sie schließlich einer professionellen Schreibkraft zur Endbearbeitung überlassen habe (Kostenpunkt: 2 DM pro Seite!).

Meine Triumph-Adler war eine Reiseschreibmaschine, man konnte sie mit einem Deckel verschließen und an einem Tragegriff transportieren. Wäre ich in jener Zeit schon literarisch bewandert gewesen, hätte ich mir vielleicht eine „Hermes Baby“ beschafft, die berühmte Reiseschreibmaschine aus der Schweiz, auf der zahlreiche Literaten ihre Werke verfasst haben(z.B. Ernest Hemingway) und der Max Frisch in seinem Roman „Homo faber“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Wollte man mit einer Schreibmaschine Kopien eines Textes herstellen, legte man unter die Seite für das Original ein Blatt Kohlepapier und darunter dann eine- zumeist dünnere- weitere Papierseite (Durchschreibpapier). Aber schon die zweite oder dritte „Durchschrift“ war zumeist von schlechter Qualität.

Für mich als Schüler ist Kohlepapier aber mit einem besonderen Tag verbunden. Irgendwann in der Oberstufe hatten wir herausgefunden, dass unser Klassenlehrer Jahr für Jahr dieselben Arbeiten schrieben ließ. Damals wurden Klausuren in einem Archiv aufbewahrt, zu dem wir Zugang hatten, weil einer meiner Mitschüler, der Kartendienst hatte, herausgefunden hatte, dass der Schlüssel zum Kartenraum auch zum Archiv passte.

Vor einer Deutscharbeit besorgten wir uns also den Klassenarbeitssatz des Vorgängerjahrgangs mit dem zu erwartenden Thema. Mit einer kleinen Schar von Klassenkameraden trafen wir uns an einem Nachmittag vor der Klausur, sahen die besseren der Arbeiten unserer Vorgänger durch und fertigten mit Hilfe des Kohlepapiers Abschriften an, so dass wir sie Mitschülern als Früchte unseres Tuns zur Verfügung stellen konnten.

Das war einer der schönsten Nachmittag in meinem Schülerleben. Wir hatten bei unserem Tun mit dem nützlichen Kohlepapier natürlich eine diebische Freude. Und tatsächlich kam auch das erwartete Thema in der Arbeit – die dann allerdings auch nicht besser ausfiel als die vorherigen. Aber diesen wunderbaren Nachmittag konnte uns keiner mehr nehmen!

Ja, der Rechner, auf dem ich mit Hilfe eines Schreibprogramms diesen Text verfasse, ist ein nützliches Werkzeug. Korrekturen sind ein Kinderspiel, das Hin- und Herschieben von Textpassagen geht leicht von der Hand, ich könnte, wenn ich wollte, ohne Mühe zwischen Dutzenden von Schriftarten, Größen und Möglichkeiten der Hervorhebung wählen – und mein Laserdrucker braucht nur ein paar Sekunden für die Herstellung und den Druck von Kopien.

Aber manchmal vermisse ich das mechanische Geräusch, das beim Tippen auf die Tastatur entsteht, wenn die Typenhebel sich in Bewegung setzen, wenn der Papierwagen durch ein Klingelgeräusch signalisiert, dass er nicht weiter nach links fahren kann, wenn das Ratschen zu hören ist, wenn man ihn in seine Grundposition zurückschiebt. Und das Geräusch, das entsteht, wenn man die Papierwalze dreht, um den fertigen Text der Maschine zu entnehmen, kann auch ein Wohllaut für die Ohren sein.

Mal ganz abgesehen davon, dass man mit dem Wechsel eines Farbbandes auch eine gewisse Zeit verbummeln konnte – wenn man sonst nichts zu tun hatte.

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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3 Kommentare

  1. Ich erhielt in jungen Jahren (12 oder 13, also frühe 70er) einen handgeschriebenen Witz von meinem Vater, den er von einer sonntäglichen Frühschoppen-Skatrunde mit nach Hause brachte. Das Mittagessen an diesem Tag war ziemlich lustig und am nächsten Morgen brachte ich diesen Witz mit in die Schule. Weil meine Schulkollegen allesamt begeistert waren und diesen Witz auch haben wollten, nahm ich meine Silverette und tippte watt datt Zeuch hält – 5 auf einen Streich

    1. Wie oft passierte es, wenn man einen ordentlichen Durchschlag brauchte, dass vom Kohlepapier schwarze Striche auf eben diesem Durchschlag waren, oh je.
      Wenn man nicht aufpasste, war die schwarze Farbe auch gleich am Anfang an der Fingern.
      Farbband wechseln, Typen reinigen – schwarze Finger.
      Wenn man die Typen nicht ab und zu reinigte, waren besonders gern das „a“ und das „e“ im Fettdruck und immer dann, wenn es besonders eilte und besonders wichtig war!
      Damals ärgerlich, heute nette nostalgische Erinnerung!

  2. zum kommentar von a. rollfink:

    ja, das zusetzen der typen mit der farb-schwärze des bandes:b,p,a,o,g,e- dafür wurden wohl diese reinigungsstäbchen entwickelt (den korrekten namen weiß ich nicht). ein orange-farbenes röhrchen, vorne mit ein paar stoffzauseln, so eine art minipinsel. knickte man das röhrchen, bis es zerbrach, gelangte die darin enthaltene flüssigkeit in den „pinselkopf“ und man konnte die typen reinigen.

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