LES TEMPS PERDUS – Die Lederbuxe oder Wie der Hirsch in den Ruhrpott kam

Folge 13

Bei aller nötigen Distanz des Autors zu sich selbst: Ich sehe lieb und nett aus! Wirklich! Jedenfalls auf diesem Foto, das mich im Alter von vier oder fünf Jahren zeigt. Ich lächle in die Kamera, mein blondes Haar ist auf der linken Seite gescheitelt und ganz ordentlich gekämmt und offensichtlich frisch gewaschen. Und ich trage eine Lederhose! Das klassische Modell, das in Deutschland nach dem WK I in Mode kam (wohl auch durch die Wandervogel-Bewegung) und nach dem WK II noch an Popularität gewann.

Von diesem Klassiker gab es zwei Hauptvarianten: eine aus Rohleder, das farblich ins Graue ging, und die grüne Glattlederhose. Ich hatte die Rohledervariante. Wie üblich sind die Schulterbänder auf der Brust mit einem Quersteg verbunden, der einen festeren Griff gewährt und verhindern soll, dass die Schulterbänder seitlich von der Schulter rutschen.

Der Steg weist bei meiner Hose nicht das auch verbreitete aufgestickte Edelweißmotiv auf, sondern den weißen Hirschen im Sprung – als dreidimensionale Plastikfigur aufgeklebt.

Meine Eltern haben mir diese Hose wohl nicht gekauft, weil sie begeisterte Anhänger der Trachtenmode waren, vielmehr aus ganz praktischen Gründen. Die Hose war mit ihren kurzen Beinen im Sommer luftig, sie war pflegeleicht, musste nicht gewaschen werden und war nahezu unverwüstlich. Und so richtig schön wurde sie durch den Gebrauch – wenn sie allmählich „speckig“ wurde.

Gewundert hat sich auch kein Zeitgenosse über den blonden Jungen mit dem Hirschen im Sprung auf dem Steg der Hose – denn sie war weit verbreitet. Sieht man sich Bildbände über die 50er und 60er Jahre an, etwa J.H. Darchingers Fotos über die Zeit des „Wirtschaftswunders“ , wird man sie entdecken – die Buben mit ihren Rollern, den groben Socken, manchmal knielang, den kurzen Hemden, gerne kariert oder quer gestreift, meist klobig wirkenden Schuhen und den Lederhosen. Mein Hirsch war jedenfalls nicht der einzige, der in diesen Jahren durchs Revier gesprungen ist – jedenfalls bis die Lederhose durch die jeans verdrängt worden ist.

Was die praktische Seite der Hose angeht, auf die bereits verwiesen wurde, muss aber noch eine Ergänzung vorgenommen werden. Das robuste Leder war bei bestimmten Erziehungsmaßnahmen für den Träger der Hose von Vorteil. Ich war ja nicht immer so lieb, wie ich auf dem erwähnten Foto schaue. Und gelegentlich wusste meine Mutter sich nicht anders zu helfen, als dem blonden Rabauken Schläge auf das Hinterteil zu verpassen. Aber so richtig weh tat mir das nicht: Ich hüpfte schon wieder durch die Wohnung oder auf der Straße herum, während meine Mutter noch den Schmerz in der Hand spürte.

Einmal soll, so hat man mir später zugetragen, soll sogar ein Kochlöffel auf meinem mit Leder bewehrten Hinterteil beim Versuch der Züchtigung zerbrochen sein. Ich vermute aber, dass das ein Gerücht ist, das der Hirsch in die Welt gesetzt hat. Zutrauen würde ich ihm das jedenfalls!

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Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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