Und wieder ist ein Idol gegangen Gedanken zu Muhammad Ali

Ja, wenn man Boxen als Sport mag, ja, dann war Muhammad Ali großartig. Dann war er wahrscheinlich der bisher größte Boxer in der Geschichte dieses Sports. Schnell, kraftvoll, dynamisch und dabei, zumindest in den frühen Jahren, von einer unvergleichlichen Leichtigkeit und Eleganz der Bewegungen. Ali hat seinen Stil zu boxen in einem seiner zahlreichen Aussprüche in einem wunderbaren Bild auf den Punkt gebracht: „Schwebe (tanze) wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.“

Aber zu einem Idol meiner Jugendjahre wurde er nicht wegen des Boxens, weil er Olympiasieger und auch schon Weltmeister war, sondern wegen seiner Haltung, wegen seines Auftretens, wegen seiner großen Klappe wohl auch!

Wegen seiner Ablehnung des Vietnam-Krieges, wegen der Weigerung, sich einziehen zu lassen, wurde ihm der Weltmeister-Titel aberkannt und er bekam Berufsverbot, wurde gesperrt. Damit entfiel seine Einnahmequelle, das Berufsboxen, bis die Sperre nach rund zweieinhalb Jahren wieder aufgehoben wurde und er sich abermals den Weltmeistertitel erkämpfte.  Ali entsprach mit seiner Haltung eben nicht dem Klischee eines tumben Boxers –  und auch nicht dem Klischee des Schwarzen in einer Opferrolle, der sich nicht gegen den täglichen Rassismus wehrt („Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt“). So wurde er zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung, war Ansporn und Vorbild für die vielen Schwarzen in den USA, die begannen, sich gegen Unterdrückung und Rassismus zu wehren.

Ja, diese Haltung des Widerständigen, des Widerspenstigen, des freiheitlichen Denkens und Handelns machten ihn mir zu einem Idol. Und damit stand er neben Willy Brandt,  J.F. Kennedy, Martin Luther King und John Lennon, die alle auf ihre Weise meine Jugend geprägt haben.

Kennedys Sachbuch „Zivilcourage“ war das erste politische Sachbuch, das ich als Schüler überhaupt gelesen habe. Ich erinnere mich, dass es zäh war, mich durch das Bändchen zu kämpfen – und sicher habe ich auch nicht alles verstanden, vielleicht hat mich sogar nur der Titel geprägt –  die Aufforderung, sich einzumischen.

Martin Luther King und John Lennon habe ich als Brüder im Geiste gesehen. Vom „I have a dream“ des Predigers King bis zum „Imagine“ des Love-and-Peace-Aktivisten und Musikers John Lennon ist es doch nur ein kleiner Sprung.

Und Willy Brandt repräsentierte für mich das andere Deutschland – sowohl was die Vergangenheit betraf (Brandt als Widerstandskämpfer) als auch die Zukunft – die Hoffnung auf ein demokratischeres, gerechteres und offeneres Deutschland, das in Frieden mit seinen Nachbarn und ehemaligen Gegnern lebt.

Was sie mir zu Idolen machte? Sie standen für ein vages Bild, für die Utopie eines anderen Lebens und andere Werte, für Aufbruch und Veränderung und – vielleicht zu aller erst – für mein jugendliches Ideal von der Freiheit des Denkens und Redens.

Dabei sah ich natürlich über Widersprüche hinweg. Etwa Alis Verbindung zu einer islamischen Sekte, die ihn finanziell aussaugte. Über Kennedys Verstrickungen mit der Mafia-Szene und natürlich den Einstieg in den Vietnam-Krieg. Über Lennons häufig verquast-verschwurbeltes Simplifizieren politischer Probleme (bed peace, hair peace), über Martin Luther Kings Rivalität mit weniger kompromissbereiten Repräsentanten der Schwarzen-Bewegung. Und über Willy Brandts Abhängigkeit von den inneren Machtstrukturen in seiner Partei.

Aber genau diese Widersprüchlichkeit war der Kern der Freiheit des Denkens. Die Genannten waren eben Idole – keine Ideologen, wurden jedoch im Laufe meiner politischen Sozialisation durch solche verdrängt. Mit den Ideologen aber  – von Marx bis Mao – wurde die Freiheit des Denkens ersetzt durch ein geschlossenes System, der offene Blick auf die Welt wurde ersetzt durch eine Weltanschauung, die nur eine Perspektive hat und Abweichung und Widersprüche nicht zulässt.

Sich daraus wieder zu befreien, ist ein schwieriges Unterfangen und ein langwieriger Prozess, bei dem man am Ende jedoch wieder bei den Idolen der Jugend ankommen kann. Die bleiben ein Leben lang – auch wenn sie vor einem sterben!

Danke, Muhammad Ali!

 

 

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geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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Ein Kommentar

  1. Konrad Jäger schrieb:

    Bemerkenswert, dass er immer wieder als Kämpfer gegen Rassismus beschrieben wird, da er doch selbst bisweilen Recht eindeutige Anwandlungen hegte.

    @Konrad Jäger
    Hilfreich ist immer, wenn man den Kontext beibehält. Was heute dem einen rassistisch scheint, war gestern dem anderen im Zuge der „Black is beautiful“ Bewegung eine notwendige politisch-kulturell-emanzipatorische Identitätsfindung.
    Identität ist immer gekoppelt an Abgrenzung oder Gegensatzpaare. Daraus kann – wer will – natürlich immer Rassismus-Nähe ableiten.
    Wo Broder drauf steht, kann durchaus auch mal dumme Polemik drin sein.

    Der Ali-Text ungefähr übersetzt:

    Hören Sie: blaue Vögel fliegen gemeinsam mit blauen Vögeln, rote Vögel fliegen mit roten Vögeln. Schweine wollen mit Schweinen in Gesellschaft sein. Ich will, dass meine Kinder so wie ich aussehen, jede intelligente Person will, dass seine Kinder ihm ähneln.
    Soll ich so selbstvergessen sein, meine Ethnie zu verleugnen und dabei meine wundervolle Identität verlieren?
    Chinesen lieben Chinesen, Pakistanis lieben ihre Kultur, jüdische Menschen lieben ihre Kultur, man kann keinen Chinesen nehmen und ihm eine puertorikanische Frau vor die Nase setzen, es ist ganz natürlich, dass man mit seinesgleichen zusammen sein will. Ich jedenfalls will mit meinesgleichen zusammen sein.

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