Zerbrochene Scheiben – ein Bloggodram in 2 Akten

8.2. (morgens)

Wer schon so früh das Fahrrad dort abgestellt hat? Weiß ich nicht! Ich stehe mit der Kaffeetasse in der Hand am Küchenfenster und schaue auf das Fahrrad runter. Ein Rad mit tiefem Einstieg, rot und silbern lackiert, schon etwas älter, aber, soweit ich es von hier oben aus sehen kann, noch gut in Schuss. Es ist mit einem ziemlich schlichten Schloss an dem Pfahl des „Halten-verboten“-Schildes festgemacht.


8.2. (früher Abend)
p1110800Habe mir das Rad nach der Arbeit etwas genauer angesehen. Mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht. Es ist schon etwas älter, aber noch voll funktionsfähig. Es sieht auch nicht ungepflegt oder vernachlässigt aus. Die Klingel hat ein paar Macken, am hinteren Schutzblech einige kleinere Schäden im Lack. Na ja, morgen früh wird es wohl verschwunden sein. Wäre ein Wunder, wenn nicht!


8.2.2016 (kurz vor Mitternacht)
Ab ins Bett. Ein letzter Blick zum Rad. Es steht noch immer am Pfahl, so als warte es auf jemanden, der zur späten Stunde noch losfahren möchte.


9.2. (am Morgen)
Das Wunder ist geschehen. Das Dingen steht noch da- angebunden und unbeschädigt. Kaum zu glauben!


10.3. (nachmittags)
Nun steht das Gerät fast einen Monat hier. Niemand hat es bewegt, niemand hat es abgeholt, niemand hat es gestohlen. Das Schloss ist immer noch unbeschädigt. Das irritiert mich etwas, denn länger als zwei bis drei Tage kann man ein Rad hier eigentlich nirgendwo abstellen, ohne dass es teildemontiert oder gestohlen wird. Mache ´mal einen Test und klemme die aktuelle Ausgabe des „stern“ auf dem Gepäckträger fest. Mal sehen, wie lange das Heftchen dort verbleibt!


11.3. (morgens)
Irgendetwas stimmt hier nicht! Der „stern“ ist noch da. Hätte ich lieber den „SPIEGEL“ nehmen sollen? Verändere ´mal die Versuchsanordnung und klemme zusätzlich zur Zeitschrift ein Tetra-Pak Orangen-Saft auf den Gepäckträger! Wenn das kein Anreiz ist! Mache ein paar Fotos!


15.3.(gegen 2.00 Uhr in der Frühe)
Wache von Lärm auf der Straße auf. Gejohle und Gegröle ! Gehe zum Küchenfenster. Eine Gruppe Jugendlicher, Bierflaschen in der Hand. Die Jugendlichen singen irgendetwas, viele Kehllaute, nicht als Worte identifizierbar. Jedenfalls für mich nicht! Die Gruppe nähert sich dem Rad. Einer aus der Gruppe greift sich den Orangensaft, schraubt den Verschluss ab und wirft die Packung mit Schwung auf die Fensterscheibe des auf dem Parkstreifen abgestellten schwarzen 3-er BMW. Der Orangensaft ergießt sich als gelbe Flut über die Motorhaube des Wagens und läuft dann in Rinnsalen über die vordere Stoßstange, um letztlich auf den Asphalt zu tröpfeln. Die Jugendlichen sind begeistert und ziehen weiter. Das Rad lassen sie unberührt! Den „stern“ ebenfalls!

17.3. (nachmittags)
img_20160920_165927Als ich von der Arbeit komme, ist Petermann immer noch dabei seinen Laden leer zu räumen. Er stapelt Kisten und Kästen in seinen blauen Kombi. Der An- und Verkauf von Briefmarken lohnt sich nicht mehr, jedenfalls nicht in unserer Stadt. Wer sammelt da noch Briefmarken? Er hat mir erzählt, dass er sein Geschäft jetzt nur noch übers Internet betreibt. Dafür ist ein Ladenlokal nicht nötig, bringt nur Kosten mit sich. Laufkundschaft gibt es nicht, und in den Briefmarkenclubs treffen sich nur noch ein paar zahnlose ältere Herren, die untereinander tauschen, aber kaum noch Marken kaufen. Ob es für seinen Laden einen Nachmieter geben wird? Wahrscheinlich nicht! Der Friseurladen im Haus nebenan steht auch schon ein halbes Jahr lang leer. Und fast genau so lang ist die Scheibe des Ladenlokals mit der in rotem Sprühlack gehaltenen Inschrift ACAB verunziert. Der Hausbesitzer hat sich nicht veranlasst gesehen, den Schriftzug zu entfernen. Und auch die demolierten Klingelschilder sind nicht repariert worden. Als letzte Mieter sind vor zwei Monaten die Eheleute Gruschinski ausgezogen. Haben sich in eine Altenresidenz eingekauft oder eingemietet. Im Hauseingang ein Wirrwarr von Reklameprospekten, weggeworfenen Überbleibseln der „to-go-Trinkbecherkultur“, Zeitungen und Pommesschalen, teilweise vom Regen aufgeweicht und vom Wind zerrissen.
Ich winke Petermann zu, er winkt zurück. „Halten Sie die Stellung“, ruft er über die Straße, „oder ziehen Sie auch demnächst weg?“ „Ich bleibe“, antworte ich. Was auch sonst? Warum sollte ich die Wohnung aufgeben – und vor allem die Dachterrasse, meine grüne Oase. „Ihnen alles Gute“, sage ich noch, werfe einen Kontrollblick auf das Rad. Alles soweit in Ordnung! Aber die Kette könnte etwas Öl vertragen! Ich schließe die Haustür auf und betrete den Flur.


17.3. (früher Abend)
Habe die Kette gesäubert und mit Premium-Multiöl eingesprüht. Die Zahnkränze ebenfalls. Bei der Gelegenheit habe ich auch die Reifen aufgepumpt. Vielleicht sollte ich demnächst mal das Rücklicht ersetzen; die Abdeckung hat einen Riss, der mir bisher noch nicht aufgefallen war. Der Umstand, dass das Fahrrad mit dem Kabelschloss am Pfahl befestigt ist, hat mir die Arbeiten nicht erleichtert. Aber gut: so ist es eben! Ach, eine neue Klingel wäre auch nicht schlecht. Die alte weist erste Rostspuren auf. Ich werde mich darum kümmern!


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Akt 2:


3.4. (3 Uhr morgens)
Das Blaulicht der drei Streifenwagen und des Löschfahrzeugs der Feuerwehr bricht in bizarren Splittern an den Häuserwänden. Eine unwirkliche Szenerie aus flackerndem Blau, Funksprechverkehr, Stiefeln auf Asphalt und dem Lärm, den der Kompressor der Löschfahrzeugpumpe erzeugt. In den Nachbarhäusern beleuchtete Fenster- ich bin nicht der einzige Zuschauer des Schauspiels. Qualm zieht aus den Räumen des ehemaligen Friseursalons. Polizisten setzen drei junge Männer in einen mittlerweile eingetroffenen Kleinbus der Polizei, der anschließend mitsamt seinen Insassen die Szene verlässt. Das Rad steht an seinem Platz!
Ich lege mich wieder ins Bett! Morgen werde ich die neue Klingel anbringen, die ich am letzten Samstag gekauft habe.


29.4. (abends)
Das geht jetzt seit dem 3.4. so. Die provisorische Holztür, mit der der Zugang zum Friseursalon zusätzlich gesichert ist, wird von irgendwem eingeschlagen; ein Tag später kommt ein Schreinerbetrieb und setzt eine neue Tür ein. Gestern wurde die Tür erneut zertrümmert, aber heute ist kein Schreiner da gewesen, um sie instand zu setzen. Der Blick auf die ehemalige Eingangstür zum Salon ist frei gegeben. Die angekokelte Tür mutet wie eine schwarze, rußige Fratze, eine bösartige Totenmaske an, die einen provozierend anschaut. Die gesplitterten Reste der Scheibentür wirken wie riesige spitze Zähne.
Zwei Wochen lang sind häufiger Streifenwagen durch die Straße gefahren, seit ein paar Tagen war kein Wagen mehr zu sehen. Aber sicher nicht als Reaktion auf den Schriftzug in Schwarz, der auf die Scheibe des vormaligen Briefmarkengeschäfts gesprüht wurde: FUCK OFF, COPS!
Die Tentrops, die über dem Briefmarkenladen gewohnt haben, sind ausgezogen. Wie ich vom alten Pawlak am Kiosk gehört habe, hat sich die Familie ein Reihenhaus in einem neu erschlossenen Baugebiet im nördlichen Grüngürtel der Stadt gekauft. Jetzt wohnen nur noch die Yildirims im Haus, denn die Wohnung über ihnen steht schon länger leer. Petermann hat mal zu mir gesagt: „Wenn Sie Interesse an Schimmelpilz-Kulturen haben, dann besichtigen Sie die leer stehende Wohnung oben. Wie der Yildirim mir sagte, sind bei ihnen im Badezimmer auch schon die ersten Kulturen aufgetaucht. Aber der Vermieter reagiert nicht auf ihre Beschwerden.“
Muss jetzt noch runter zum Rad. Irgendein Blödmann hat seine Currywurst-Schale mit Saucenresten auf dem Gepäckträger abgestellt, der Wind hat die Pappe verwirbelt, und die Saucenreste haben das Hinterrad versaut, besonders ärgerlich, dass die Zahnräder vollgetropft sind. Ich verstehe Leute nicht, die brauchbaren Alltagsgegenständen wie dem Fahrrad keine Wertschätzung entgegen bringen. Ich überlege, ob ich das Kabelschloss knacken soll und das Fahrrad im Keller unterstelle. Ich könnte ja einen kleinen Zettel an den Pfahl hängen, auf dem vermerkt ist, wo der Besitzer es abholen kann.


10.5.(früher Abend/nachts)
Der Krach von der Straße dringt bis in mein Wohnzimmer und übertönt sogar die Stimme des Tagesschau-Sprechers. Ich stehe auf, gehe auf meine Dachterrasse, blicke nach unten. Ein Pulk Jugendlicher randaliert, schmeißt die beiden großen Scheiben des Friseursalons und des Briefmarkenladens ein. Ein Junge mit extrem blond gefärbten Haaren springt auf die Motorhaube eines vor dem griechischen Lokal geparkten Wagens, klettert von dort auf das Dach des Fahrzeugs, schlägt mit einem Knüppel die Windschutzscheibe ein und, ich glaube es nicht, springt zurück auf die Motorhaube, öffnet unter dem Gejohle der anderen Jugendlichen seinen Hosenschlitz und pinkelt durch die zerborstene Scheibe in den Innenraum des Fahrzeugs. Kaum hat der Pinkler sein Werk vollendet, entzündet ein dürres Mädchen ein an einer Flasche befestigtes Stück Stoff und wirft die Flasche in die Fensterscheibe des Lokals. Die Flasche explodiert, die Fensterscheibe zerplatz, Flammen schlagen hoch, Geschrei aus dem Lokal, Menschen stürzen auf die Straße , die Jugendlichen lachen und klatschen, Sirenengeheul ist zu hören, vermischt mit den Rufen der Menschen, die aus dem Lokal geflohen sind. Anatol, der Wirt, will auf das Mädchen zulaufen, wird aber von einem Gast aufgehalten. Handykameras blitzen auf. Die Sirenen kommen näher, der Trupp Jugendlicher setzt sich unter Geschrei in Bewegung, entfernt sich vom Schauplatz des Geschehens, während zwei Angestellte Anatols mit Feuerlöschern gegen den Brand im Lokal angehen. Drei Streifenwagen treffen ein, ein Rettungswagen und kurze Zeit später ein Löschfahrzeug der Feuerwehr, da ist das Feuer im Lokal aber schon gelöscht. Menschentrauben auf der Straße. Erregte Stimmen, Polizisten, die Zeugenaussagen aufnehmen, Blitzlichter von Presseleuten, Reporter, die Stimmen und Stimmungen einfangen.
Nach gut zwei Stunden hat sich die Menschenmenge aufgelöst. Die Ruhe ist zurückgekehrt. Ich sehe Gökay Yildirim auf der Straße. Er fegt Glassplitter auf und entsorgt sie in einer Mülltonne. Ich schnappe mir den Besen, gehe nach unten und rüber zu ihm auf die andere Straßenseite. Wortlos fegen wir gemeinsam. Als der Bürgersteig frei ist von Glas, sagt er: „Werden weggehen. Haben eine andere Wohnung gefunden. Ohne Schimmel. Ist besser für Kinder.“ „Verstehe“, antworte ich. Gebe ihm die Hand und sage: „Alles Gute!“ „Dir auch, Herr Nachbar!“ antwortet er und schlurft ins Haus. Ich blicke hoch in Richtung seiner Wohnung. Seine Ehefrau schaut aus dem Fenster, winkt mir zu. Ich winke zurück. Sie schließt das Fenster.
Ich gehe rüber zum Fahrrad. Stelle mich wie eine Schildwache neben das Rad, den Besen als Lanze in der Hand. Werde noch etwas bleiben. Man weiß ja nicht, was noch passiert.


10.12. (abends)
Sitze im Licht einer Energiespar-Lampe in meinem Iglu-Zelt, das ich mir im Oktober zugelegt habe, weil es in diesem Jahr schon im Frühherbst abends und nachts sehr kühl geworden ist. Die eine oder andere Nacht, die ich draußen am Rad zugebracht habe, hat mir durch die Kälte ordentlich zugesetzt – trotz meiner warmen Bekleidung. Zudem gab es Ende September eine Woche mit ganz fiesem Regen, der mir mächtig auf die Bronchien geschlagen ist. Da habe ich mich zum Kauf des Zeltes entschlossen, das ich jetzt abends immer aufbaue. Die Entwicklung hat es nötig gemacht, dass ich nahezu 24 Stunden am Rad verbringe, um es zu bewachen. Meinen Job habe ich gekündigt, aber meine Ersparnisse reichen noch eine Weile.
Jedenfalls: die Straße hat sich mächtig verändert seit jener Nacht im Mai. Gab es in den ersten Wochen noch täglich Scharmützel zwischen Jugendlichen und der Polizei, hat man seitens der Ordnungskräfte die Straße irgendwann aufgegeben und sich selbst überlassen. Seitdem sind die leer stehenden Wohnungen besetzt worden – etliche Etagen sind in den Händen von Punkern, Drogenfuzzis, Alks, Leuten ohne festen Wohnsitz. Die Zahl der in den Häusern lebenden Hunde hat enorm zugenommen, manchmal ist das Gekläff unerträglich, zumal es sich mit der überlauten Musik aus Dutzenden von Musikanlagen zu einer grauenhaften Kakophonie vermischt, ein akustischer Vorhof zur Hölle. Zug um Zug haben nahezu alle Alteingesessene ihre Wohnungen verlassen, sind weggezogen mit Sack und Pack. In den sechs Wohnhäusern auf der gegenüber liegenden Seite wohnt nur noch die alte Pychozka in Nr. 43. Auf meiner Seite stehen drei Häuser komplett leer, neben mir hält Frantzen die Stellung, unten die Malowskis. Anatol hat sich für sein Restaurant ein Ladenlokal im Innenstadtbereich gesucht; zum Abschied haben wir noch einen Ouzo getrunken und uns umarmt; er lädt mich in sein neues Lokal ein und er verspricht, ´mal in „seine“ alte Straße zu kommen; nur wenige Tage nach seinem Auszug sind seine Räumlichkeiten, dem Tabakqualm und dem Geruch nach zu urteilen, eine Hochburg der Haschischraucher.
Etliche Fenster in den Häusern haben keine Scheiben mehr, sondern sind mit Tüchern, Decken oder Plastikfolien verhängt. Es gibt kaum noch eine Tür, die nicht eingetreten ist, und keinen Briefkasten mehr, der ordentlich verschlossen ist. Nachts fällt aus den Wohnungen dank der unterschiedlichen Fensterabdeckungen ein fahl-gespenstisches Licht auf die Straße, die – außer von ihren Bewohnern – von kaum jemandem betreten wird, vor allem, seit die Bankfiliale im Haus nebenan geschlossen wurde. Ich sitze im Zelt und trinke aus meiner Thermoskanne heißen Tee.
Ich hoffe, dass die Nacht nicht zu frostig wird.


4. Januar 2017 (morgens)
Schnee. In der Nacht hat es den ersten Schnee des Winters gegeben. Es ist frisch im Zelt, aber nicht zu kalt. Die Plane, die ich über das Rad gezogen habe, ist von einer weißen Pulverschicht überzogen. Ich ziehe die Plane herunter und schüttele den Schnee ab. Das Rad sieht klasse aus. Ich habe noch im Dezember eine neue Kette angebracht und das hintere Schutzblech gegen ein neues ausgetauscht. Die Lichtanlage ist ebenfalls neu –LED-Licht. Als ich am Morgen nach Heiligabend aus dem Zelt gekrochen bin, lag die Beleuchtung vor dem Zelt, mit einem Zettel daran: Alles Gute und Frohes Fest!
Am 1. Januar haben die Energieversorger offensichtlich die Strom- und Gaszufuhr in den meisten Häusern abgestellt, was ich daraus schließe, dass abends das Flackern von Kerzen in den besetzten Wohnungen aufleuchtet.
Ich werde übrigens meine Wohnung kündigen. Ich verbringe mittlerweile 24 Stunden im und am Zelt, die Wohnung brauche im Grunde nicht mehr. Für die Toilettengänge und das Waschen habe ich mit Frantzen eine Vereinbarung getroffen. Ich benutze sein Bad als „Untermieter“ und beteilige mich dafür mit einem kleinen Betrag an seiner Miete. Mal sehen, wie lange er noch bleibt. Die Malowskis ziehen jedenfalls Ende des Monats aus.
Am meisten verwundert mich, dass die ganze Bagage, die mittlerweile in der Straße haust, mich in Ruhe lässt. In der ersten Zeit kamen immer wieder einzelne Personen oder kleine Gruppen zu mir und meinem Zelt, fragten, ob das eine Kunstaktion sei oder ob ich irgendeiner spinnerten Sekte angehöre, hielten mir Bierkannen und Joints hin, die ich aber dankend ablehnte. Ich glaube fast, dass die meisten das Zelt für eine Art heiligen Ort halten, einen ungewöhnlichen Tempel, eine geheimnisvolle Weihestätte. Und in mir sehen sie wohl so etwas wie einen absonderlichen Priester, den Guru mit dem Rad, den einsamen Wächter in der Häuserschlucht. Jedenfalls: Sie lassen Sie mich und das Rad mittlerweile in Ruhe, halten ihre Kläffer vom Zelt fern und halten überhaupt einen gewissen Abstand, so als habe ein Geist oder Gott eine unsichtbare Grenze um mich und mein Zelt geschlagen, die zu übertreten einem Frevel gleich kommt.


9.-15.März/15.März (gegen Mittag)
Sie kamen am 9. März in aller Herrgottsfrühe. Ungefähr zweihundert schwer bewaffnete Polizisten, schwarz gewandete Kampfroboter. Der Straßenzug wurde an beiden Seiten abgesperrt, dann gingen Trupps der Schwarzen in die Häuser, mit denen alles angefangen hatte, und räumten die Wohnungen über dem alten Friseursalon und dem Briefmarkenladen. Die Bewohner der Häuser wurden in bereit gestellte Polizeibusse verbracht – all ihr Geschrei half ihnen nicht. Auch der herbeiströmende Pulk aus den anderen Häusern konnte ihren Abtransport nicht verhindern. Die Verfahrensweise wiederholte sich in den folgenden Tagen. Heute sind alle Häuser geräumt, vor allen Eingängen stehen Tag und Nacht Polizisten mit Hunden. In einer Nebenstraße parkt ein Mannschaftswagen mit einer gut zwanzigköpfigen Verstärkung.
Auf die Polizisten folgten Reinigungstrupps der Stadtverwaltung und privater Reinigungsfirmen und Handwerker. Die Gebäude wurden von allem Gerümpel befreit, Leitungen wurden instand gesetzt, die Türen repariert, Schlösser angebracht, die kaputten Scheiben ersetzt.
Und heute parkte vor dem alten Laden ein schicker Mercedes-Kombi mit dem Schriftzug: Living-Art-Galerie: Mode, Design, Kunst. An der Fassade des Hauses hängt ein Transparent: Eigentumswohnungen – Wir renovieren nach Ihren Wünschen. Hochwertiges Wohnen in Citynähe.
Irgendein Mensch von der Stadtverwaltung kam in Begleitung eines Polizisten zu meinem Zelt, hielt mir einen Wisch unter die Nase, irgendetwas mit Ordnungsverfügung oder ähnlichem Verwaltungszeug und meinte, das Zelt müsse entfernt werden. Ich hätte dafür bis zum Abend Zeit. Zur Unterstützung seiner Anweisung klopfte der Polizist locker mit seinem Schlagstock im Wechsel auf die Zeltplane und das Fahrrad. Dann ziehen sie ab.
Also: ich entscheide mich. Ich packe das Zelt zusammen, es passt ohne Schwierigkeiten in den zugehörigen Transportsack. Ich stopfe meine Habseligkeiten in meinen Rucksack. Dann greife ich zu dem Seitenschneider, den ich mir vor kurzem besorgt habe und knacke das Schloss, mit dem das Rad an den Pfahl gebunden ist. Ich will zu Anatol, der mir bei einer Stippvisite vor zwei Wochen angeboten hat, bei ihm zu wohnen und zu arbeiten, falls es mal „hart auf hart“ käme.
Ich steige aufs Rad und trete. Das Fahrrad setzt sich in Bewegung und rollt leicht. Wunderbar! Ich fahre auf dem Bürgersteig. Und fahre an der Ecke fast in einen Mann, kann aber im letzten Moment bremsen.
„Mein Rad“, sagt der Mann. „Bitte?“ „Mein Rad“ wiederholt er. „Das kann nicht sein“, sage ich und lächle ihn an. Im ersten Moment spüre ich das Messer nicht, das in meine Kehle dringt. Ich breche zusammen, schlage mit dem Kopf auf das Pflaster des Bürgersteigs, mein Blut ist warm. Der Mann zieht das Fahrrad unter mir weg, setzt sich auf den Sattel und fährt los. Mit meinem Rad!

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv
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