Ich werde noch zum Wutbürger

Es gibt diese Tage, an denen ich morgens beim Frühstück schon zum Wutbürger werde, mir – metaphorisch – sozusagen das Brötchen aus dem Gesicht fällt. Heute war wieder so ein Tag. Die kleine  Meldung auf Seite 1 der WAZ, die Integrationsbeauftragte der Regierung, Frau Aydan Özuguz, spreche sich gegen ein generelles Verbot von Kinderehen aus , weil ein Verbot „im Einzelfall junge Frauen ins soziale Abseits drängen“ könne, löste schon einen Würgereiz bei mir aus, ließ mich aber genau deshalb auf S. 2 umblättern, wo das Thema in einem großen Bericht und einem Kommentar ausführlich behandelt werden sollte.

Den Kommentar einer Frau Stauber mit dem Titel „Was hilft den Mädchen wirklich?“ konnte ich schnell abhaken. Erstes Argument: Ein solches Verbot sei nur „eine Beruhigungspille für aufgeregte Wutbürger“.  Ein toller rhetorischer Kniff : nicht die Sache selbst ist das Problem, nämlich die Objektivierung von jungen Mädchen und – in deutlich weniger Fällen – auch Jungen  zu einer Handelsware und ihre Degradierung zu einem Wesen, dem man jegliche Selbstbestimmung, auch sexuelle Selbstbestimmung abspricht, sondern die Reaktionen der Bürger hier. So gesehen sei gesagt: nicht die sexuellen Übergriffe von Männern zum letzten Jahreswechsel in Köln und anderswo sind nach dieser Logik das Problem, sondern die Empörung darüber.

Zweites Argument: „Wer wirklich etwas für Mädchen tun will, muss in den Herkunftsländern ansetzen.“ Da habe ich dann wohl etwas falsch verstanden: ich dachte nämlich, es ginge bei dieser Problematik um unsere Rechtsordnung  vor dem Hintergrund allgemeiner Menschenrechte und zivilisatorischer Errungenschaften, die dann eben Zwangsehen, und besonders solche zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einfach als  Missachtung der Menschenwürde, als demütigend und deshalb als inakzeptabel ansehen. Und wie habe ich mir die Hilfe in den Herkunftsländern vorzustellen: reist Herr Steinmeier in die Welt archaischer Bergdörfer und der Hauptstätten der islamischen Welt, um mit Stammesältesten, Imamen und anderen Würdenträgern zu sprechen, so ganz unter dem Motto: Mensch, so dolle finden wir das aber nicht mit den Zwangsehen.

Und damit bin ich auch schon bei dem ausführlichen Artikel, der, man glaubt es kaum, ohne das Wort Islam auskommt und nahezu zwanghaft darum bemüht ist, den religiösen Kontext von Zwangsehen auszublenden und den Zusammenhang zwischen Islam, der Rolle der Frau im Islam und dem Thema „Zwangsheirat Minderjähriger“ im Kontext islamischer Rechts- und Religionsordnung  zu relativieren. Etwa durch Sätze wie. „So ist eine instabile Lebenslage oft der Grund für das junge Heiraten – auch in christlichen oder hinduistischen Kulturen wie etwa Indien oder Brasilien.“ Als wenn das Problem dadurch kleiner würde, dass es auch in anderen Religionen und Kulturen außer dem Islam Zwangsehen gibt. Wird jetzt neuerdings ein Mord dadurch relativiert, dass er kein singuläres Phänomen ist, sondern häufiger vorkommt?

Auf der Ebene des Faktischen wird aber ganz deutlich, dass zumindest im gegenwärtigen Kontext der Debatte weder hinduistische noch christliche Zwangsehen bei uns zum Problem werden, sondern solche im Kontext von Flüchtlingen aus dem islamischen Raum.

Im Juli waren 1475 Jugendliche als verheiratet im Ausländerzentralregister gemeldet, davon übrigens 361 (!!!) jünger als 14 Jahre (!!!),, somit nach unserer Auffassung noch Kinder,  und 120 waren 14 oder 15 Jahre alt. Die meisten minderjährigen Verheirateten waren Syrer, gefolgt von Afghanen und Irakis. Und interessant  auf der rein faktischen Ebene ist auch, dass heute in Syrien bei 50% der Ehen ein Minderjähriger mit einem Erwachsenen verheiratet wird, wogegen vor Kriegsbeginn diese Zahl laut UNICEF bei („nur“) 13% gelegen hat.

Die Autorin und der Autor des WAZ-Beitrages beglücken uns mit der Erkenntnis: „Nicht alle minderjährigen Flüchtlinge sind per se durch Zwang verheiratet worden. Oftmals ist es auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“

Wie habe ich mir das vorzustellen: das zwölfjährige Mädchen sagt sich: „Ach, ich glaube hier habe ich alleine keine Zukunft mehr. Ich suche mir jetzt mal einen älteren Herrn aus der Nachbarschaft, das ist wahrscheinlich eine Perspektive. Und Kindheit ist sowieso nur relativ.“ Es ist doch genau so: Hier wird ein Kind nicht nur seiner Kindheit beraubt und zum sexuellen Objekt gemacht, sondern auch noch als Ticket für die Flucht nach Europa missbraucht.

Die Probleme, die bei einem generellen  Verbot von Ehen mit Minderjährigen gesehen werden, sind meiner Meinung nach nur vorgeschoben, zumindest aber ohne Schwierigkeiten zu lösen. Minderjährige Mütter sollten, wenn es sich um Flüchtlinge handelt, einen gesicherten Aufenthaltsstatus für sich und ihr Kind bekommen – mit all den Fürsorgeleistungen, die unsere Gesellschaft bzw. der Staat generell bereit hält. Und wenn Frau Stauder fragt: „Und wie soll das Jugendamt mit den Kindern von Teenager-Müttern umgehen?“, dann kann die Antwort doch nur lauten: Wie es gesetzlich geregelt ist. Unabhängig davon, ob die „Teenager-Mutter“ ausländischer oder deutscher Herkunft ist.

Interessant ist übrigens an Artikel und Kommentar auch, dass in keiner Zeile einmal die Perspektive gewechselt wird, um  die Frage zu stellen: Warum geht es denn wesentlich um die Zwangsverheiratung von Mädchen? Warum werden (von Ausnahmen mal abgesehen) denn nicht Jungen oder (jugendliche) Männer als Objekt eines Handels angesehen? Es sind doch die Mädchen, die einem Mann zugeführt werden, die Mädchen, über deren Schicksal und Freiheit andere bestimmen und deren Wert in Geld, Vieh oder Sachleistungen aufgewogen wird.

Der Artikel und der Kommentar in der WAZ sind jenseits des konkreten Themas Ausdruck davon, dass die Auseinandersetzung mit bestimmten Praktiken im Islam möglichst vermieden wird, um das bunte Bildchen von der Chance der Multi-Kulti-Gesellschaft bloß nicht mit Kratzern zu versehen. Das Beharren auf bestimmten „abendländischen“ Werten, auf Menschen- und Grundrechten, stört da nur. Denn es könnten sich ja mal wieder die Lautsprecher aus den Reihen des Islam über Vorurteile oder gar Rassismus beschweren und sich in eine „Wir-werden-schon-wieder-beleidigt-Orgie“ hineinsteigern. Zweitens gibt es – offensichtlich auch bei den Schreibenden der WAZ- eine nahezu paranoide Angst, eine Position zu vertreten, die – wenn auch nur leicht – nach AfD riecht oder Wasser auf die Mühlen von „Rechtspopulisten“ oder „Wutbürgern“ sein könnte, wobei ja nicht vergessen werden soll: Man kann auch aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen.

Ach, du Schreck! Jetzt lese ich soeben, dass die AfD ohne Wenn und Aber gegen Kinderehen ist.

Jetzt muss ich aber darüber nachdenken, ob ich den Text nicht komplett markiere und dann auf die Löschen-Taste drücke! Oder ob ich mir diese Minuten Wutbürgertum leisten kann, ohne diskreditiert und als Halb-Nazi diffamiert zu werden!

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

Ein Gedanke zu „Ich werde noch zum Wutbürger

  • Heinz Niski
    4. November 2016 um 8:35
    Permalink

    Von mir aus kann jeder Anhänger des Kulturrelativismus sein – in anderen Ländern. Witwenverbrennung, Zwangsverheiratung, Kinderehen, Mädchentötung, Klitorisbeschneidung, Ehrenmorde, Folter, Amputation als Strafe und und und bleiben trotzdem verabscheuungswürdige Verbrechen gegen die Menschenrechte und Menschenwürde.
    Findet so etwas im Geltungsbereich des Grundgesetzes statt, muss das konsequent geahndet werden.
    So etwas spräche sich sehr, sehr schnell herum und viele bizarre gesellschaftliche Findungsprozesse (Kopftuch ja-nein, Koedukation/Sportunterricht ja-nein, Gleichberechtigung ja-nein, Polygamie ja-nein, Spracherwerb ja-nein, Bildungserwerb ja-nein, etc.) würden abgekürzt werden.
    Die gewonnene Zeit könnte sinnvoller verwendet werden, um auf dieser Basis einander anzunähern.
    Nebenbei – eine Dame aus meinem näheren Umfeld ist gerade aus Sumatra zurück gekommen. Sie musste dort angekleidet (Haut so weit wie möglich bedeckt) im Meer schwimmen – das fand sie nicht so toll, hat es aber gemacht, ohne mit den Indonesiern darüber zu diskutieren.
    Sie hat sich einfach an die lokalen Regeln gehalten.
    Allerdings auch und vor allem, weil es bei Nichtbeachtung echten Stress gegeben hätte.

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