Trumps Sieg – eine Niederlage des Establishments

Mittwoch, gegen 8.45 Uhr. Ich klinke mich in die Fernsehberichterstattung ein. Trump hält bereits seine Siegerrede. Im Tonfall ist sie gemäßigt. Seine oftmals verrutschte Mimik und Gestik nimmt er zurück. Er macht Versprechungen: das Land vereinen, kaputte Vorstädte sanieren, die Abgehängten wieder in die Gesellschaft holen, Brücken, Flugplätze  und Straßen  funktionstüchtig machen, die besten Köpfe aus allen Schichten, Klassen und Ethnien am Wiederaufbau für ein neues, großes Amerika beteiligen. Und er betont: was er gemacht habe, sei kein Wahlkampf gewesen, sondern die Initiierung einer Bewegung.

Ich klinke mich wieder aus. Mit der zuletzt zitierten Aussage Trumps kann ich etwas anfangen, den Rest nehme ich als Politiker-Bildermalerei erst mal nur zur Kenntnis.

Bewegung. Vor sieben Jahren, 2009, wurde Obama ins Weiße Haus getragen. Auch durch eine Bewegung, eine Bewegung der Afro-Amerikaner, der Mittel- und Oberschicht, der Minderheiten und durch Teile der intellektuellen und kulturellen Elite des Landes. Trump wurde nun durch eine Bewegung ins Weiße Haus getragen, die in den beiden Amtszeiten Obamas abgehängt worden ist – die Menschen in den Weiten der amerikanischen Provinzen, den  von der Elite des Landes verächtlich „white trash“ genannten Menschen, den Arbeitern bzw. Arbeitslosen ohne Perspektive in den herunter gekommen ehemaligen Industrierevieren der Eisen-, Stahl-, Kohle- und Autoindustrie und natürlich auch von dem Bodensatz der ewig Gestrigen, der reaktionär und faschistoid eingestellten Menschen, die in Interviews auch gerne schon mal sagen, dass sie möchten, dass alles wieder so wird wie „früher mal“ (gemeint ist: bevor die Globalisierung die veralteten US-Industrien aus dem Rennen geworfen hat). Es sind die Amerikaner der Vorstädte und der Provinzkäffer, die nun der New Yorker und Washingtoner Elite, der politischen und intellektuellen Oberklasse die Faust gezeigt haben (oder auch den Stinkefinger).

Man mag über diese Leute den Kopf schütteln, weil sie meinen, ausgerechnet ein Milliardär wie Trump habe wirklich ein Herz für die kleinen Leute. Aber hat H. Clinton ein Herz für diese Leute? Eine Clinton, die – wie ihr Ehemann auch – Hunderttausende und mehr mit Vorträgen verdient und von der während ihrer Amtszeit in der Obama-Regierung auch nicht viel zu hören war zum Thema soziale Gerechtigkeit. Und Obama? Sieht schick aus, hat Spirit und Humor, kann gut tanzen und reden, hat eine tolle First Lady an seiner Seite. Aber hat er nicht auch viel heiße Luft produziert, hat er nicht auch die amerikanische Mittelklasse bei ihrem ökonomischen und sozialen Absaufen passiv begleitet, anstatt ein Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern? Und haben sich die USA in den beiden Amtszeiten Obamas, des Friedensnobelpreisträgers, nicht verzettelt in zahlreichen noch andauernden kriegerischen Aktivitäten?

Was nun dieser clowneske Trump in seiner Amtszeit im Guten wie im Schlechten machen wird, das wird man sehen. Aber etwas kann man vielleicht schon lernen: unsere etablierten Parteien und auch die Medienelite sollten aus dem Erfolg Trumps vielleicht mitnehmen, den eigenen Dünkel etwas zu zügeln und stattdessen den Ärger, die Sorgen und auch die Wut der Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen, die recht schnell als dumm, reaktionär, faschistoid, rassistisch klassifiziert und abgetan werden.

Auch Deutschland hat seine Provinz, seine Abgehängten, seine maroden Städte und Vorstädte.

Ein Trump ist hier noch nicht in Sicht, aber etliche Trampelinen und Trampel stehen schon in Stellung.

 

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Bernd Matzkowski

Bernd Matzkowski

geb. 1952, lebt in GE, nach seiner Pensionierung weiter in anderen Bereichen als Lehrer aktiv

6 Gedanken zu „Trumps Sieg – eine Niederlage des Establishments

  • Heinz Niski
    9. November 2016 um 11:32
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    Sicher ist es das Tal (oder die Spitze) einer normalen Wellenbewegung im gesellschaftlichen oder politischen Geschehen. Schwappt gerade durch die ganze Welt. Mit merkwürdigen Gestalten wie Erdogan, Duterte etc. – was sie eint: sie sind das Sprachrohr, die Stimme der Menschen, die die Welt sehr einfach in Schwarz-Weiß aufteilen. Und das dreht bestimmte ethische, soziale und gesellschaftliche Standards zurück.
    Ich wünschte, so etwas nicht mehr erleben zu müssen.

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  • 9. November 2016 um 13:14
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    natürlich möchte man so etwas nicht erleben, schon alleine, weil es stellenweise eine intellektuelle zumutung ist, was man da gesagt bekommt.aber simplifizierungen scheinen zu greifen, wenn bestimmte sozio-ökonomische entwicklungen stattfinden, die komplexe lösungen fordern (die aber immer schwer zu begreifen und noch schwerer zu verstehen sind). die wähler von trump und anderen pinseln (egal ob in den niederlanden, in frankreich, in österreich oder bei uns) fühlen sich aber (zurecht oder auch nicht) von der herrschenden elite nicht mehr ernst genommen: wer hier vierzig jahre oder länger seine knochen hingehalten hat und dann von seiner rente nicht mal einigermaßen solide leben kann, der sucht schneller nach einfachen lösungen als diejenigen, die eine teilhabe am gesellschaftlichen fortschritt auf der basis eines sicheren einkommens haben. polemisch zugespitzt: all diese leute interessiert das geschwätz des rot-grün-bunt-links-ökologisch-vegetarisch-vegan-und political-correcht-milieus einfach nicht mehr.

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  • Heinz Niski
    10. November 2016 um 11:43
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    Die ersten befürchten schon bewaffnete Konflikte (Bürgerkrieg), wenn die Vergessenen des Rost-Gürtels noch weiter abstürzen – was wohl absehbar ist.
    Hier ein Textauszug aus dem Jahr 1998 über die politische Entwicklung Amerikas. Richard Rorty
    http://herrkules.de/wp-content/uploads/2016/11/photo_2016-11-10_11-34-22.jpg
    Noch älter ist Jack Londons Roman „die eiserne Ferse“ – kommt aber zu ähnlichen Ergebnissen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Die_eiserne_Ferse

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  • 10. November 2016 um 16:14
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    kleine statisterei als nachtrag zu den wahlen:von den 231,6 millionen wahlberechtigten wählten 46,9 % nicht, sie verweigerten beiden kandidaten ihre stimme. 2, % gaben ihre stimmen anderen kandidaten. clinton wählten 25,6 % aller wahlberechtigen (59,92 milionen von 231,6), auf trump entfielen 59,69 millionen stimmen, also absolut und prozentual etwas weniger als auf clinton. dass trump dennoch gewonnen hat, liegt am wahlsystem(wahlmänner).
    interessant ist aber doch, dass trump und clinton beide jeweils nur 1/4 aller wahlberechtigten von sich überzeugen konnten- so oder so: beide sind in etwa gleich beliebt oder unbeliebt.
    die (erst-)stellungnahmen deutscher politiker finde ich zum teil grotesk. man könnte den eindruck haben, schon heute bräche des höllenfeuer los. aber zu erdogan kommen nur verschwurbelt-beschwichtigende formulierungen, obwohl er dabei ist, die demokratie in der türkei vollends abzuschaffen.
    ach, und es haben etliche promis in den usa gesagt, wenn trump präsident würde, würden sie auswandern. angesichts der menschen, die vor krieg, mord und hunger fliehen ist das geradezu zynisch, aber vielleicht bekommen diese promis asyl bei uns- ausschließen kann man nichts!

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    • Baumschüler
      11. November 2016 um 9:22
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      Jene
      tragen dann ein Lätzchen
      mit Stars and Stripes
      am hiesigen Katzentisch.

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      • 11. November 2016 um 16:15
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        wie heute in diversen gazetten zu lesen ist(war), machen die ersten lautsprecher bereits einen rückzieher. man will ja vielleicht doch demnächst mit dem „mächtigsten mann der welt“ bei irgendeinem empfang ein sektchen schlürfen. und auch unsere politklasse, die noch am morgen des trump-sieges laut aufgeschrieen hat, macht bereits männchen (oder frauchen). und die aktienkurse sind auch nicht eingebrochen, ganz im geigentiel, äh… gegenteil.
        und das gejammer unserer regierung, man könne den mann nicht einschätzen. da sage ich nur: hausaufgaben nicht gemacht. man hat eben fest damit gerechnet, dass frau clinton es wird und hat trump deswegen nur dämonisiert und als clown abgetan- und was er will (oder auch nicht) hat man geflissentlich ignoriert.
        wobei: erste phrasen aus dem wahlkampf hat er bereits von seiner webseite genommen. vielleicht war er nie ein tiger, sondern immer schon bettvorleger!

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